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Der Rapper Haftbefehl bei einem Auftritt.

© dpa/Hannes P. Albert

Nach Vorbild der Juilliard School in New York: „Urban Dome“ will akademischen Raum für Hip-Hop in Berlin

Die Debatte um Haftbefehl zeigt, wie stark urbane Kultur nach institutioneller Anerkennung ruft. Der „Urban Dome“ soll Ideen aus verschiedenen Bereichen zusammenbringen.

Von Julian Würzer

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Manchmal verselbstständigt sich ein kleiner Vorschlag zu einer riesigen Debatte. Erst kürzlich war es so – mit der Dokumentation über den Rapper Haftbefehl. Der Stadtschülerrat Offenbach forderte, den Lebensweg und das Werk des Musikers in der Schule zu behandeln, in Fächern wie Deutsch, Musik und Politik und Wirtschaft.

Urbane Kultur als Teil des Unterrichts. „Wenn Schule ein Ort der Lebensrealität sein soll, dann darf sie nicht nur Goethe lesen, sondern sollte auch Haftbefehl hören“, sagte der stellvertretende Stadtschulsprecher Cengizhan Nas. Haftbefehls Sprache zeige, wie Jugendliche wirklich sprechen, fühlen und denken. „Bildung darf das nicht ignorieren.“ Es entstand eine bundesweite Diskussion, wie kulturelle Vielfalt, soziale Ungleichheit und Integration besser im Lehrplan verankert werden kann.

Institutionelle Wertschätzung

Haftbefehl, das ist ein Einzelschicksal und seine Biografie mehr als umstritten. Die Geschichte Sidos wäre es auch. Und auch jene von anderen Größen des Hip-Hop wie etwa Jay-Z oder Beyoncé. Aber die Debatte hat einen weitaus tieferen Kern: Es geht um die institutionelle Wertschätzung urbaner Kultur.

Ein Traum, den auch Sajeh Tavasolli hat. „Hip-Hop war immer ein Spiegel seiner Zeit – roh, ehrlich und vielschichtig. Künstler wie Haftbefehl erzählen aus Lebensrealitäten, die oft zu wenig gehört werden“, sagt Tavasolli. Hip-Hop sei ein Raum, in dem Identität, Wut, Stolz und Kreativität Ausdruck finden. „Unsere Aufgabe ist es, diesen Ausdruck zu verstehen, einzuordnen sowie kulturell und gesellschaftlich gesund zu übersetzen, nicht zu verurteilen.“

Die 37-Jährige ist als Kind iranischer Eltern in Wien aufgewachsen und lebt seit sechs Jahren in Berlin, wo sie mit einem Geschäftspartner die Urban Artistic GmbH gegründet hat. Die Gesellschaft gestaltet künstlerische Projekte im urbanen Raum, beteiligt sich an Projekten, die Hip-Hop, Breakdance und Graffiti fördern und beteiligt sich am interkulturellen Austausch für die Menschen dieser Stadt. Vor zwei Wochen fand der erste Hip-Hop-Ball im Roten Rathaus statt, den sie maßgeblich organisiert hatte. „Da ist es uns gelungen, Klassik mit Hip-Hop zu fusionieren“, sagt Tavasolli. Es war möglicherweise der Anfang von etwas Großem.

Auf der „Neustart“-Konferenz von Tagesspiegel, Berliner Morgenpost, Radioeins und Euref-Campus am vergangenen Freitag stellte Tavassoli ihren Traum vor: den Urban Dome, ein Haus, das urbane Kunst und urbanen Sport mit Bildung, Bühne und Bewegung vereint – im Prinzip eine Universität für urbane Kultur. Ein Vorbild dabei ist die Juilliard School in New York. Die Privatuniversität ist ein Haus für die klassischen Künste, mit Räumlichkeiten für Studenten und die Theorie, ein Theater, um das Gelehrte in die Praxis zu bringen. Zudem gibt es auch Angebote für die Zivilgesellschaft. In Berlin stellt sich Tavasolli den Urban Dome auch als einen Ort vor, der eine Verbindung zwischen Hip-Hop und Klassik schaffen kann.

Der Urban Dome kann ein Ort sein, um die nächste Generation darauf vorzubereiten, hier wirtschaftlich und akademisch zu arbeiten.

Sajeh Tavasolli

Sie erinnert sich noch gut an ihre eigene Jugend. „Mein gesamter Kosmos – wie bei vielen Menschen mit Migrationshintergrund – bestand einfach aus Hip-Hop. Die Musik und die ganze Kultur hat für uns das widergespiegelt, was wir in unserem Alltag erlebt haben: Die Hustle-Mentalität, der alltägliche Schmerz, die Frustration, aber auch nicht aufzugeben und weiterzumachen.“ Hip-Hop ist aber mittlerweile schon mehr als 50 Jahre alt und kein Trend mehr.

Tavasolli sieht eine „extrem relevante Kraft der Moderne“. Der Breakdance ist olympisch, in der Street-Art-Bewegung steckt ein riesiges Marktvolumen. Sportmarken wie etwa Nike haben schon vor Jahrzehnten das Potenzial von Hip-Hop-Kultur erkannt und veröffentlichten Kooperationen mit bekannten Hip-Hop-Größen.

Es gebe eine junge Generation, die danach schreit, ausgebildet zu werden, so Tavassoli. Sie würden in die Kreativwirtschaft oder Musikindustrie einsteigen wollen. Doch mit wem arbeitet man zusammen, wie gestaltet man Verträge? „Bislang leben wir nach dem Prinzip ‚each one teach one‘“, sagt Tavasolli. Übersetzt bedeutet das so viel wie „jeder lehrt einen“. Wissen und Bildung werden über Mentoren weitergegeben; einen akademischen Raum, um die nächste Generation auf der Bildungsebene zu lehren, gebe es eben nicht.

„Der Urban Dome kann ein Ort sein, um die nächste Generation darauf vorzubereiten, hier wirtschaftlich und akademisch zu arbeiten“, sagt Tavasolli. In einem Konzept hat ein Team rund um die 37-Jährige errechnet, dass es dafür rund 20 Millionen Euro benötigen würde – aufgeteilt auf Privatwirtschaft und staatliche Gelder. Und wo wünscht sie sich diesen Ort? „Ich hätte gerne so ein richtig altes Haus“, sagt Tavasolli – in Kreuzberg, Moabit oder in Mitte.

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