• Nachruf auf André Campioni (Geb. 1961): Dieser Druck, immer der Erste sein zu müssen

Nachruf auf André Campioni (Geb. 1961) : Dieser Druck, immer der Erste sein zu müssen

Hin- und hergerissen war er häufig zwischen dem Hellen, Warmen und dem Schattigen, Kühlen

André Campioni (1961-2018)
André Campioni (1961-2018)Foto: privat

In Travemünde kann man wohl glücklich sein. Tony Buddenbrook war es, und auch André Campioni, beide in ihren jungen Jahren, während der Sommer. Da ist das Rauschen der Bäume, vermischt mit dem des Meeres; das rhythmische Auslaufen der Wellen; der frische Salzwind im Gesicht, der einen angenehmen Schwindel erzeugt, der jedes Geräusch, ob fern, ob nah, geheimnisvoll dämpft. Da ist der Sand, mal weich, mal geglättet und fest. Merkwürdig, hatte Tony gesagt, an der See kann man sich nicht langweiligen. André stimmte ihr zu.

Während der Sommer fuhr er mit seinen Geschwistern nach Travemünde, fort aus Lübeck, wo es unmöglich war, Thomas Mann zu ignorieren, und wo sie den Rest des Jahres wohnten. In Travemünde bestiegen sie bei Sonnenaufgang die kleine Fähre, die sie hinüber brachte auf den Priwall, eine Halbinsel zwischen Ostsee und Trave, und kehrten bei Sonnenuntergang zurück. Zur Großmutter, die etwas von der Weite und Freiheit des Meeres in sich trug, lustig war und warm, die ihnen Makkaroni kochte und sie selbst mit allerlei amüsanten Tönen in den Mund zog. Die aber auch die trübe See kannte, den starken Wind, die grauen, zerrissenen Wolken, und die das Norddeutsch-Nüchterne an die Kinder, vor allem André, weitergab. Die Nüchternheit, die ihn ein Leben lang umgab – dann auch in Berlin, wohin die Familie zog –, die es anderen oft schwer machte, seine Aufmerksamkeit, seine Zuwendung zu erkennen.

Hin- und hergerissen war er häufig zwischen dem Hellen, Warmen einerseits und dem Schattigen, Kühlen andererseits. Sein Name klang in deutschen Ohren nach Sommer und Ferien; die Campionis, einst eine Familie von Baumeistern aus Italien, die sich im 16. Jahrhundert auf den Weg in den Norden gemacht hatte. Jetzt trug er, André, diesen südländischen Namen und war doch zugleich ein ganz und gar nüchterner Mensch. Und abgesehen davon, dass er unentwegt gefragt wurde, ob er italienisch sprechen würde, und er unentwegt zu sagen hatten: Nein!, kursierten in der Bundesrepublik der 60er und 70er Jahre Bezeichnungen wie „Spaghettifresser“, was alles andere als angenehm war. Dazu die Bedeutung des Namens: der Meister, der Champion. Dieser Druck, immer der Erste sein zu müssen, vor den anderen, und vor seinem Bruder. Ein steter Wettkampf, in der Leichtathletik, im Fußball, im Tennis, im Tischtennis und um die Mädchen.

Er lernte sie kennen und war sich dann doch nicht mehr ganz sicher, ob es die Richtige sei. Denn von dem, was er wollte, hatte er immer eine präzise Vorstellung. Im Beruf: der gerade, leistungsorientierte Weg. Jahrzehnte bei BMW, bei den Motorradwerken in Spandau, wo er Leiter der Logistik wurde, Produktionsprozesse entwickelte, dafür sorgte, dass die Räder rechtzeitig gebaut und verschickt wurden. Dabei fuhr er selbst nie, nicht ein einziges Mal, ein Motorrad. Viel zu gefährlich, die Raserei. Er war eher der Sicherheitstyp, 120 Stundenkilometer auf der Autobahn, maximal. Und es hat ihn eine lange Reihe schlafloser Nächte gekostet, ehe er seinem ältesten Sohn erlaubte, auf ein Motorrad zu steigen.

Manche Sportart, die er in seinem Erwachsenenleben betrieb, war trotzdem nicht von der harmlosen Art: Skifahren im Gebirge, Surfen auf dem Meer. Das Meer, das sandwarme, das stürmische, es blieb allezeit. Wie die Musikhelden seiner Jugend: "Genesis", vor allem die frühen. Und dann später die "Foo Fighters". Er schenkte seinen beiden Söhnen, 22 und 13, Konzertkarten für Hamburg, zu dritt wollten sie zwischen den Menschen stehen und tanzen und mitsingen und froh sein. Doch André starb am Krebs, sie konnten nicht mehr zusammen zwischen den Menschen stehen, tanzen und mitsingen.

Andrés Bruder fuhr mit den beiden hinauf in den Norden, wo ihr Vater glücklich gewesen war.

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