Die Nacht ist zum Schlafen da!

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Nachruf auf Anke Schmidt (Geb. 1963) : Jede Frau darf einmal Braut sein!

Wissend, wie viel Zuneigung sie damit erzeugte, pflegte sie rundherum Komplimente zu machen: „Du hast schöne Haare!“ „Hast du schicke Ohrringe!“ Sie lachte und kicherte viel, suchte ständig die Vergewisserung, wahrgenommen zu werden, rief in manchen Phasen drei mal täglich zu Hause an.

Und doch bestand sie darauf, erwachsen zu sein. Sie mochte es nicht, wenn jemand ihr die Jacke zuknöpfte oder nach dem Essen das Gesicht abwischte.

Sie war kein Kind mehr. Sie war eine Frau. Und einer Frau, so hatte sie es beobachtet, steht das Recht zu, irgendwann einmal Braut zu sein. Anke wollte heiraten, leidenschaftlich gern. Einmal diese Szene mit dem weißen Kleid nachahmen!

Nah dran an der Erfüllung dieses Wunsches wähnte sie sich, als sie einen Verehrer hatte. Bald hatte sie ihn davon überzeugt, Verlobung zu feiern. Also wurde für das Paar daheim ein Fest ausgerichtet, bei dem Anke tadellos die Rolle der Umworbenen gab. Sie ließ sich eine Kette um den Hals legen, die Teller füllen, den Verehrer besorgt um ihre Gunst werben. Kaum hatte sie das Fest erfolgreich absolviert, befand sie, dass es nun wohl an der Zeit sei, die Hochzeit zu feiern.

Verreist erst einmal miteinander, riet man ihr. Also kam der Verlobte mit auf eine Reise, die Anke mit ihrer WG unternahm. Doch als er nachts an ihre Tür klopfte, so berichteten später die Betreuer, erntete er nichts als Schimpf und Schmach. Die Nacht ist zum Schlafen da, so hatte Anke es gelernt, und darauf bestand sie.

Die Verlobung wurde bald wieder gelöst, Anke grämte sich nicht.

Ihr größter Schwarm war eh ein anderer: Kurti, ehemaliger Betreuer, ein Argentinier mit feurigen Locken. Saß sie auf der Rückbank im Auto ihres Vaters, meinte sie in den vorbeifahrenden oder neben ihnen haltenden Wagen immer wieder Kurti zu erkennen. „Kurti, da bist du ja“, sagte sie dann vorwurfsvoll. „Warum hast du nicht angerufen? Den ganzen Tag hab’ ich gewartet!“

Ohne den Umweg der Nachahmung oder des Nachspielens von Szenen, die sie bei anderen beobachtet hatte, von sich selbst zu erzählen, war Anke bis zum Schluss nicht möglich.c

„Wie war dein Ausflug gestern?“, fragten die Eltern. „Affenschön“, antwortete Anke. „Was hat dir da denn so gefallen?“ „Alles.“ Sie wusste es ja selbst nicht.

50 Jahre alt war sie, als ihr Herz, dem man nur wenige Jahre prophezeit hatte, schwach und schwächer wurde.

„Dann wird sie jetzt eine Blume“, hatte Anke 13 Jahre zuvor am Grab ihrer Mutter gesagt.

Nun lag sie selbst im Sterben, und der Vater saß an ihrem Bett. Er wollte sie dann mit ihrem Bruder allein lassen, verabschiedete sich. Zu Hause angekommen, erreichte ihn der Anruf, dass die Tochter gestorben war.

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