Nachruf auf Axel Daniel Reinert (Geb. 1957) : Der Mann mit dem Kalender

Er war kein Künstler, doch in der Kunstszene fand er seine Heimat. Unter lauter Leuten, denen er kaum etwas von sich erzählte.

Wenn Axel seinen Sohn sehen wollte, musste er sich in den Bus setzen und von Düsseldorf nach Paris fahren. 20 Stunden Zeit, um sich Gedanken darüber zu machen, dass er die Frau ja eigentlich noch liebte, dass er den Sohn am liebsten jeden Tag bei sich haben wollte. Dass er beide schrecklich vermisste. Gesagt hat er’s ihnen aber nie. Seine eigenen Wünsche zu äußern, das fiel ihm so schwer. Also fuhr er hin und her, hin und her.

Und in Paris wartete immer sein Junge und freute sich unbändig auf seinen geliebten Vater. „Spiel mit mir“, sagte er, wenn Axel angekommen war. Jede Minute wollte er mit ihm auskosten. „Ich bin so müde von der Reise“, sagte Axel dann. „Ich ruhe mich erst ein bisschen aus. Du kannst dich auf meinen Rücken setzen und mit den Autos darauf hin- und herfahren.“ Gingen sie spazieren, Hand in Hand, konnte der Sohn ihn alles fragen. Denn Axel wusste alles. Warum der Himmel blau war, die Wolken weiß, wie das oder jenes funktionierte, die Musik, die Kunst, alles. Auch später, als der Sohn groß genug war, um selber viel zu wissen, überraschte ihn sein Vater immer wieder, vor allem mit seiner Neugierde.

Irgendwann wurden die Besuche des Vaters seltener. Und immer war es der Sohn, der anrief. Als Axel schon nach Berlin gezogen war, wollte der Sohn ihn nicht mehr sehen. Zu viel passiert, zu tief der Schmerz. Ein Schmerz, der erst die Jahre und am Ende die Krankheit des Vaters brauchte, um zu heilen. Dieser Vater, der für andere nur der Axel war, der nie über sich und seine Vergangenheit redete. Der immer nur nach vorne sah.

Was lässt sich über Axel zusammentragen? Einst hatte er Linguistik studiert, es aber nicht zu Ende gebracht. Vielleicht weil er ein Atelier in Düsseldorf leiten wollte. Denn das war’s, was ihn interessierte: einen Raum schaffen, in dem andere ihre Kunst zeigen konnten. Als sein Sohn zur Welt kam, holte ihn die ökonomische Realität ein. Als Koch schaffte er das Geld ran. Harte körperliche Arbeit, Stress. Das lag ihm nicht. Lieber ließ er seinen Kopf rattern, brachte Menschen zueinander. Axel war ein Netzwerker. Aber keiner, der selbst im Mittelpunkt stehen musste. Waren andere zusammengekommen, stand er daneben, schwieg und freute sich, dass sie sich gut verstanden und Ideen für die nächsten Kunstprojekte austauschten.

Von Düsseldorf zog er nach Berlin und verschmolz bald mit der freien Kunstszene. Er war dabei, wenn Kunst entstand, und nie war es seine Kunst.

Gab es eine Ausstellungseröffnung, eine von dutzenden im Monat, kreuzte Axel auf. Das war eine Art Naturgesetz. Wo was los war, war auch Axel. Naturgemäß fungierte er auch als wandelnder Veranstaltungskalender. Er sammelte Termine, Projekte, Räume, Stipendien, versendete Informationen per E-Mail-Newsletter an eine stetig wachsende Zahl von Abonnenten und postete das alles auf seiner Internetseite. Künstler, die in der Stadt was werden wollten, waren gut beraten, Axel kennenzulernen, damit er ihre Projekte bekannt machte. Einer schrieb dazu: „Ein Jahr lang unterstützte Axel mich und teilte meine Ausstellung in seinem Kalender. Das war für mich so ermutigend, dass da immerhin einer war, der daran glaubte, was ich machte.“

Sein Geld verdiente er – wie auch die meisten Künstler – mit Zweit- und Drittjobs, als Kellner oder als Koch, in einem Seniorenheim, in einem chinesischen Restaurant. Dieses wiederum gehört seiner zweiten Frau, einer Chinesin. Auch von ihr wusste kaum jemand etwas.

Gemeinsam mit anderen gründete Axel das „Schillerpalais“ in Neukölln, ein Raum für Künstler, die ganz am Anfang stehen. Immer wieder ließen sie Touristen in den Ausstellungs- und Projekträumen schlafen, als Teil der Ausstellung, als Kritik an der prekären Situation und um natürlich Geld für die Miete einzutreiben.

Axel, von dem keiner wusste, woher er kam, hatte in der Berliner Szene seine Heimat gefunden. Der Mann, der selbst kein Künstler war, war unter den Künstlern eine kleine Berühmtheit geworden. Vielen wird erst jetzt klar, was sie an diesem Axel hatten.

Als er 60 war, kam der Krebs. Und jetzt kam auch sein Sohn zu ihm zurück. Axel wollte gar nicht, dass sich jemand um ihn kümmerte, wollte lieber alles mit sich alleine ausmachen. Hatte niemandem gesagt, dass er krank war, dass es dem Ende entgegenging. Niemandem außer seinem Sohn, und der war jetzt da. Stand an seiner Seite und fragte, was damals los war, warum Axel den Kontakt abgebrochen hatte. Axel antwortete: „Weil ich euch so schrecklich vermisst habe, weil ich darüber so traurig wurde, dass ich trinken musste. Weil ich nicht wollte, dass du mich so siehst.“

Dann sagte Axel seinem Sohn, dass er stolz auf ihn sei, dass er sich freue, dass er da sei. Und sie umarmten einander.

Ende August ist Axel gestorben. Zu seiner Beerdigung kamen sie alle, und jeder brachte etwas mit, Objekte des Alltags, Kram von der Straße, eine Zeichnung. Die Dinge arrangierten sie, und so entstand noch einmal das, wofür Axel gelebt hatte: Kunst aus dem Moment, ein Beisammensein von Leuten, bei denen er zu Hause war.

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