Nachruf auf Bernd Becker (Geb. 1945) : "Mach mal Gastro!"

Er fing ganz oben an, im Hamburger Hotel "Atlantic". Er führte das „Rembrandt Steak Haus“ in Mölln. Und in Neukölln wurde er Boulettenkönig.

Bernd Becker (Geb. 1945)
Bernd Becker (Geb. 1945)Foto: privat

„Bernd, mach mal Gastro.“ Das hatte der Onkel zu ihm gesagt, und weil Bernd seinen Onkel mochte und seinen Ratschlägen vertraute, machte Bernd eben Gastro. Aber nicht in irgendeiner Kneipe. Bernd fing gleich ganz oben an. 15 Jahre war er alt, eben mit der Schule fertig geworden, als er Page im „Atlantic“ wurde. Schicke Uniform, Käppi, ein Fünf-Sterne-Hotel in Hamburg, da brachte sein Onkel ihn unter.

Bernd kellnerte, bediente den Fahrstuhl, trug Koffer nach oben, brachte den Herrschaften Erfrischungen aufs Zimmer. Zarah Leander brauchte morgens erst mal Bier, Korn und Zigaretten. Und er sollte mittrinken. „Ein Bier hab’ ich mit ihr angefangen, dann habe ich mich rausgewunden.“ Heinz Rühmann war da, berühmte Fußballmannschaften und zwei ganz große Tennisstars, die nach dem Finale eine 1,5-Kilo-Büchse Kaviar mit ins Hotel schleppten. Jeder durfte mal probieren.

Zwei, drei Jahre später bestieg er ein Schiff von Bremen nach Amerika. Abenteuer, was Neues, die weite Welt, was sollte schon schiefgehen? Die Reise war lang, die Wellen waren hoch, sein Magen rebellierte, er spielte die meiste Zeit Skat. Erst erreichten sie New York, dann fuhr er weiter in die Hauptstadt. Im neu eröffneten Hotel „Washington Hill“ stellten sie ihn sofort an. Hier gehörte zu den Gästen schon mal ein gewisser Mr. Johnson. „Please, Mr. President“, sagte Bernd aus Deutschland und reichte ihm gebackene Austern. Doch es zog ihn weiter, erst nach Texas, dann nach Kanada, bis er in Vancouver landete.

Das ist der Mann!

Da sah Petra ihn, wie er durch die Tür in den Nachtclub kam, und wusste sofort: „Das ist der Mann!“ Sie machte sich bereit, sie musste jetzt aufstehen, auf ihn zugehen, bevor ihr vielleicht eine andere zuvorkommen würde. Doch da kam er schon rüber. Erst ging es noch in den gemeinsamen Urlaub, um zu schauen, ob sie auch wirklich miteinander auskommen. Dann die Hochzeit. Die feierten sie in einem Hotel, mit eigenem Koch, einer fantastischen Cremetorte und einer Kapelle. Sie tanzten die ganze Nacht. Und mussten hinterher einen Kredit aufnehmen, weil die Gäste die Bar leer getrunken hatten.

Mit dem nächsten Schiff ging es nach Deutschland. Petras Eltern waren Deutsche, die nach Kanada ausgewandert waren. Also war es auch für sie eine Art Heimkehr. Bernd machte erst mal einen Imbiss auf. Aber während er noch am Schildermalen war, erreichte ihn ein neues Angebot. In Mölln war ein Restaurant frei. Er fragte Petra. Petra sagte: „Wenn du sagst, dass es gut ist, ist es gut.“ Sie nannten es „Rembrandt Steak Haus“, er hinterm Tresen, sie, obwohl sie gar keine Köchin war, in der winzigen Küche. Gleich am ersten Abend war es brechend voll, Bernd kam in die Küche gestürmt und rief: „Petra, zehn Steaks!“

Von 17 Uhr bis 1 Uhr in der Nacht war offen. Es gab Steaks ohne Ende, gebratene Hummer, Garnelen, im Flur stand ein Wasserbecken mit Forellen. Fips Asmussen und Evelyn Künneke traten bei ihnen auf. Otto Waalkes war Gast, Justus Frantz kam vorbei. Bernd zählte stolz die Prominenten auf. Petra wiederum berichtete von den Gästen, die ein ums andere Mal bei ihr in der Küche standen und ihr beim Kochen zuschauten. Zwischendurch bekamen Petra und Bernd noch einen Sohn, und schnell waren 15 Jahre rum. Bernd fand, es sei Zeit für was Neues. Petra sagte: „Wenn du das so siehst, dann ist Zeit für was Neues.“

1000 Bouletten am Tag

Berlin, Wedding, ihre neue Heimat. Hier wohnten sie. In Neukölln aber, auf der Sonnenallee, wurde Bernd zum Boulettenkönig. Das war 1985, und er war 40. Sein Laden produzierte 1000 Bouletten am Tag, so richtige Fleischerbouletten mit Zwiebeln drin, die locker auseinanderfallen. Ein paar davon brieten sie im eigenen Laden, den Rest brachte Bernd in die Kneipen und Imbisse der Stadt. Jeden Tag ging er auf Tour, trank hier und da ein Bierchen.

Donnerstags und gerne auch am Freitag oder Samstag traf er sich anschließend mit Petra im „Perfetto“ im Karstadt Wedding. Da gab’s feine Kost und was zu trinken. Eine eingeschworene und trinkfeste Clique waren sie, die sich da traf, die auch mal in den Britzer Garten fuhr oder ein Schiff mietete. Und wenn Bernd jemand Neues im „Perfetto“ entdeckte, ging er hin, reichte die Hand und sagte: „Hey, ich bin der Bouletten-Bernd, und du?“

2012 gab es für Bernd die Diagnose: Knochenkrebs, unheilbar. Er nahm’s gefasst, aber beim Silvesterfest weinte er auf einmal und sagte: „Mensch, ich will doch noch ein bisschen leben!“ Da sagte Petra: „So lange du willst, unterstütze ich dich.“ Er kam in eine Chemotherapie-Studie. Er ging zur Dialyse. Er wurde operiert, lag im künstlichen Koma. Doch Bernd kämpfte sich zurück, ein ums andere Mal.

Ende 2019 sagten die Ärzte: „Sie müssen jetzt jeden Tag an die Dialyse.“ Bernd sah Petra an, und Petra sah Bernd an. „Nun ist es gut“, sagten sie. Dialyse aus. Morphium an.

Alle kamen noch einmal. Bernd wünschte sich Sushi, auch wenn er schon gar nichts mehr schmeckte. Die Erinnerung war ja noch da. Dann dämmerte Bernd weg.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen Tagesspiegel Plus 30 Tage gratis!