Nachruf auf Birgit Kolb (Geb. 1964) : Immer zwei Seiten, mindestens

Sie war Architektin, Kinderbuchautorin, Finanzberaterin, Innendesignerin. Sie war Feministin, Mutter von zwei Kindern, Ehefrau. Ambivalent war sie auch.

Birgit Kolb (1964-2017)
Birgit Kolb (1964-2017)Foto: privat

Sie war ungeduldig. Etwas in ihr lockte, drängte, peitschte sie durch ihr Leben. Schaffen, tun, arbeiten, Anerkennung spüren, wieder und wieder. Selbst im Urlaub stand sie um halb sieben auf, um schon mal die halbe Insel zu umrunden. Kurz vor ihrem Ende aber, als sich der Krebs ausbreitete, der Gehirntumor entfernt wurde, da sagte sie: „Wie schön, jetzt ist der Antreiber endlich raus.“

Birgit war Architektin, Kinderbuchautorin, Finanzberaterin, Innendesignerin. Sie war Feministin. Sie war Mutter von zwei Kindern. Ehefrau. Ambivalent war sie auch. War stark und fühlte sich schwach. War selbstbewusst und hatte Selbstzweifel. Liebevoll und wütend. Immer gab es zwei Seiten, mindestens. Es war nie klar, welche Birgit im nächsten Moment loslegte.

Da gab es den grummeligen Handwerker, den keiner mochte, der keinen mochte. Nachdem er Birgit kennengelernt hatte, war er zuvorkommend und freundlich. Da waren ihr Sohn und seine Freunde, mit denen sie einmal in der Woche Basketball spielte, ihnen zeigte, wie man dribbelte und Körbe warf. Birgit war keine Mutter, die man versteckten musste. Doch da war auch die Birgit, die erst einmal austeilte und dann hinschaute, ob’s richtig war. Einmal ging sie mit ihrem Hund spazieren, feine Akazienstraße in Schöneberg. Der Hund pinkelte an die Rosen eines Blumenladens, der Händler machte eine Ansage, und natürlich feuerte Birgit zurück. Später tat es ihr leid. Später, viel später rief sie ihre Kinder an und fragte, ob sie eine gute Mutter gewesen sei. Sie sei sich da manchmal nicht so sicher. „Doch, warst du“, sagten sie. Eine Löwenmutter war sie, die sich vor ihre Kinder warf, die sie fast alleine großzog, während der Mann für sechs Jahre in einer anderen Stadt arbeitete. Aber auch eine, die viel über dem Computer hockte, die erst spät nach Hause kam. Die Kinder lernten früh, sich ihr Abendessen selbst zu machen, einzukaufen. Und sie wussten nie, welche Reaktion ein zerbrochenes Glas hervorrufen würde.

Birgit hatte Skizzenbücher, in die sie ihre Gedanken und Ideen malte. Sie konnte gut malen. Kräftige, schwarze Linien, eine detaillierte Kogge zum Beispiel, mit gerafften Segeln, drum herum ragen Haifischflossen aus dem Wasser. Ihr Lieblingsmotiv war ein aufrechtes Strichmännchen, mit weit nach oben gestreckten Armen, das einen Wirbel trägt. Es konnte ein Wirbelwind sein oder ein Gedankenwirbel, beides würde passen. Als Birgit ihrem Sohn das Buch zeigte und ihm die Skizzen erklärte, wurde ihm zum ersten Mal klar, wie sehr die Auseinandersetzungen mit ihren Eltern sie noch beschäftigten.

In Celle war sie groß geworden. Sie war ein Sturkopf und ihre Eltern waren wahrscheinlich auch nicht besser. Oft wurde es laut, verletzend. Sie fühlte sich zurückgesetzt, alles musste sie sich selbst erarbeiten. Weil sie so gern reiten wollte, half sie in einem Stall, mistete aus, striegelte, um ein paar Mal im Monat aufs Pferd steigen zu dürfen.

Nach dem Abitur ging sie nach Berlin, so weit weg wie möglich. Studierte Architektur, arbeitete in verschiedenen Büros. Das Zeichnen, etwas erschaffen, das lag ihr. Die Anerkennung, wenn etwas fertig war, gut aussah, die brauchte sie. Dann schrieb sie Kinderbücher. Das kam so: Eines Sonntags lief sie mit Tochter und Sohn im Park von Schloss Sanssouci. Die Kinder hatten keine Lust mehr, ihnen war langweilig. Da erfand sie Geschichten zu jedem Gebäude, zu jedem Baum, und weg war die Langeweile. „Da könnte ich ein Buch draus machen“, dachte sie sich und tat’s. Weil sie keinen Verlag fand, gründete sie einen mit ihrem Mann. Es wurden fünf Bücher, für die sie rumreiste, aus denen sie Schulklassen vorlas. Schüler schrieben ihr begeisterte Briefe. Überhaupt waren viele von ihr begeistert. Die Kunden, denen sie später Renten verkaufte. Pokale für die beste Verkäuferin sind auch noch im Haus. Die Ärzte, denen sie die Inneneinrichtung für ihre Praxen entwarf. Ihr Lachen, ihre Präsenz, wie sie einen ansah, als ob man in dem Moment der einzige und wichtigste Mensch auf der Welt war.

Birgit hasste es, wenn jemand zu spät kam. Dann, vor einem Jahr war sie es, die Verabredungen vergaß, die Termine nicht einhielt, der der Antrieb fehlte. Sie veränderte sich und keiner wusste wieso. Bis zur Diagnose, Krebs im Kopf. Operation. Chemotherapie. Nichts half. „Ich habe 50 Jahre auf der Überholspur gelebt, das ist in Ordnung“, sagte sie. Die Kinder zogen wieder zu Hause ein, um sie zu pflegen. Nach und nach verließ Birgit ihren Körper, bis nur noch eine Hülle da war, bis sie schließlich starb. Zu ihrer Beerdigung in einem Waldfried mit Sicht auf eine Pferdekoppel kamen 100 Leute. Menschen, die Birgit begeistert hat.

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