Nachruf auf Burkhard Poschadel (Geb. 1958) : Kuchen mit Handschelle

Am Anfang war er noch mit Schild und Schlagstock unterwegs, dann mit dem Streifenwagen. Dabei war er mehr der kommunikative Typ. Nachruf auf einen Polizisten.

Burkhard Poschadel (1958-2019)
Burkhard Poschadel (1958-2019)Foto: privat

Kreuzberg 61, hier ist er aufgewachsen, auf der langen Baerwaldstraße zwischen Dreifaltigkeits- Friedhof und Landwehrkanal. Hier stand der kleine Junge am Straßenrand und notierte Nummernschilder vorbeifahrender Autos. Er freute sich über jedes Sirenengeheul, jedes Blaulicht und wollte nur eins: Polizist werden. Diebe fangen, mit dem Streifenwagen um die Ecke flitzen, Menschen helfen. Das würde ein aufregendes Leben werden.

Jahrzehnte später, Polizeiabschnitt 55, Neukölln. Burkhard ist gerade 61 Jahre alt geworden. Seine Kollegen verabschieden sich von ihm, es gibt einen Kuchen mit Handschelle drauf. Franziska Giffey hat eine Videobotschaft aus dem Familienministerium geschickt und sich bei ihm bedankt: großes Herz, Engagement für die Kinder, die Frauen, die Familien aus Neukölln, vor den Schulen und in den Schulen, auf den Straßen, in den Vereinen, in den Ausschüssen, in der BVV. Burkhard war ja überall dabei. „Wenn man als Polizist auf einen Schulhof kommt und die Kinder einen umarmen, hat man vieles richtig gemacht“, sagt Giffey in die Kamera.

Nun aber Ruhestand. Er hat das verdient, seine Frau hat das verdient. Nach den langen Schichten, die früher 24 Stunden dauerten, später zwölf. Nach den Dienstjahren, in denen Burkhard unter der Woche mehr Zeit mit seinen Kollegen verbrachte als zu Hause. Doch beschweren möchte seine Frau sich nicht. Um Himmels willen. Hatte sie doch den besten Mann der Welt geheiratet, der auch noch der beste Vater der Welt war. Der, als sie kurz nach der Geburt krank wurde, den neugeborenen Sohn einfach ins Gericht mitnahm. Wenn der Richter von ihm eine Zeugenaussage brauchte, dann bitte schön mit Kind. Nach Thailand wollen die beiden jetzt, der erste Urlaub nach der Arbeit, alles ist vorbereitet. Seinem Sohn bei seinem Geschäft aushelfen, das will er auch. Und das Leben genießen.

Mit Schild und Schlagstock

16 Jahre war Burkhard alt, als er sich zur Ausbildung meldete. Allgemeintest, Sporttest, knappe drei Jahre Ausbildung und schon steckten sie ihn in die Stiefel, setzten ihm einen Helm auf, gaben ihm einen runden Schild und einen Schlagstock in die Hand. Fertig war der Bereitschaftspolizist Poschadel. Erste Reihe vor den Demonstranten.

Es waren die wilden 80er Jahre in West-Berlin, Hausbesetzer und Autonome forderten die Polizei heraus. Die Steine flogen. Es war ein Katz- und-Maus-Spiel. Dass man sich besser extra Schienbeinschoner aus dem Sportladen dazu kaufte, lernte Burkhard mit den ersten blauen Flecken. Doch Schlachten schlagen und Knüppel schwingend die Menschen auseinandertreiben, das war nichts für ihn. Berichte schreiben und am Schreibtisch sitzen, mochte er auch nicht so gerne. Reden konnte er viel besser.

Erst fuhr Burkhard Streife wie alle anderen auch. Nahm jüngere Kollegen unter seine Fittiche, wurde ein „Bärenführer“, wie man das bei der Polizei nennt. Schließlich bekam er den Posten, der ihm am meisten lag: Kontaktbereichsbeamter. Danach wurde er Verkehrssicherheitsberater, das fand er auch toll. Immer draußen, immer bei den Menschen und ihren Problemen, immer zuhören, reden und Kontakte knüpfen.

Für ihn bedeutete Polizist sein, dass er die Jungs, die manchmal Stress machten, beim Namen kannte. Schließlich stand er schon vor ihnen, als sie noch in der ersten Klasse waren und er ihnen erklärte, wozu Ampeln gut sind. Er war es auch, der ihnen das Fahrradfahren beibrachte.

Einmal waren Burkhard und sein Lieblingskollege mit ihren Diensträdern unterwegs. Plötzlich sahen sie einen Streifenwagen, der irgendwo in den Seitenstraßen von der Hermannstraße von 40 Jugendlichen bedrängt wurde. Aufgemuskelt waren die, testosterongeladen, eine explosive Mischung. Die beiden Polizisten blieben mit ihren Fahrrädern stehen. „Was ist denn hier los?“, rief Burkhard in die Runde. – „Wir wollen doch nur mal schauen, Herr Poschadel.“ – „Hier gibt es nichts zu schauen.“ – „Entschuldigung, Herr Poschadel. Tschüss, Herr Poschadel.“ Und weg waren sie.

Und weil reden eben sein Ding war, setzten sie ihn bei den Kommunikationsteams ein, die die großen Demonstrationen in Berlin und in der Bundesrepublik begleiteten. Einmal standen sie zu zweit zwölf Demonstranten in Frankfurt gegenüber. Die Gruppe wollte in die abgesperrte Innenstadt vordringen. Burkhard quatschte sie so lange fest, bis Verstärkung eingetroffen war.

Als Burkhard und sein Kollege mal ihre Runde durch die Parks machten, standen sie plötzlich zwei Dealern gegenüber. Schrecksekunde, dann rannten die Dealer los. Die beiden hinterher. Der Boden war glitschig und sie rutschten mit ihren Fahrrädern aus. Die Dealer waren weg – oder doch nicht? Hinter einem Busch hörten sie es husten und keuchen. Blätter und Sträucher zur Seite. Da lagen die beiden, völlig aus der Puste. „Jungs, ihr seid festgenommen!“ Danach saßen die beiden Polizisten im Dienstzimmer und lachten, bis die Tränen kamen. Sie lachten oft, und Burkhard konnte gut laut lachen.

Für die Kinder baute Burkhard auf den Straßenfesten Hindernis-Parcours auf. Und wer noch nicht fahren konnte, dem brachte er es bei. Nicht nur den Kindern, auch Frauen und Männern, die aus Gegenden stammten, wo man nicht Rad fährt. Weil die meistens keine eigenen Räder hatten, organisierte er gebrauchte von der BSR und von Bekannten, und dann brachte er sie in einen Verein, in dem Arbeitslose sie reparierten.

Wenn man nun fragte, warum ein gestandener Hauptkommissar mit fast 60 Jahren mit schier unerschöpflicher Energie neben Kindern und Erwachsenen herrennt, Fahrradsättel festhält und ruft: „Das schaffst du! Nicht aufgeben! Jetzt noch einmal treten!“, dann würde Burkhard antworten: „Weil’s mich glücklich macht.“

Nach bestandener Fahrradprüfung fuhr er mit allen, Kindern wie Erwachsenen, für einen Tag auf große Tour, als Belohnung und Aussicht darauf, was man mit dem Rad alles machen kann.

Mit 61 ging er in den Ruhestand, „Poschi“, wie ihn seine Freunde nannten. Von dem sein Kollege sagt, dass er ein wirklich guter Kamerad war. Von dem seine Frau sagt, dass er der beste Mann der Welt war. Mit 61 bekam er einen Herzinfarkt. Zu seiner Beerdigung strömte halb Neukölln herbei und die halbe Berliner Polizei. Keine Sträuße sollten sie bringen, nur einzelne Blumen, das hat besser zu ihm gepasst.

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