Da kräht vom Baum die Krähe: Ach, / die zwei ha'm wieder Ehekrach

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Nachruf auf Christoph Janz (Geb. 1961) : Zuverlässig: Tingeltangel
Christoph Janz (1961 - 2014)
Christoph Janz (1961 - 2014)Foto: privat

Unverhofft früh also, seit dem Sommer 1982, hat Christophs Leben eine zuverlässige Ausrichtung: Tingeltangel. „Otto Complotti“ fährt im Tourbus namens „Rainbow Warrior“ quer durch Spanien, Christoph spielt alle Instrumente, die man zupfen kann, führt eine zeitgemäß offene Beziehung mit Bine, lässt keine Party aus und verblüfft die Spanierinnen mit deutscher Lockerheit.

Die Episode währt ein Jahr, dann sitzt die Truppe irgendwo in Frankreich fest, in der Nähe von Bordeaux, abgebrannt, verlaust, als ihnen jemand von einem Musical-Theater in Essen erzählt, dem gerade die Schauspieler abhanden gekommen sind.

Es folgt die Essen-Zeit, Musical, und die Beziehung zu Silke. Christoph zieht gleich bei ihr ein, nach einem halben Jahr gehen sie nach Berlin und sind mehr als sieben Jahre zusammen und auch wieder nicht. Es ist ein großes Hin und Her, so viele Möglichkeiten hier und da. Silke zieht für eine Zeit nach Barcelona, wird schwanger, weiß nicht, ob von Christoph oder von ihrem Freund in Spanien, kommt nach Berlin zurück und zieht mit Christoph in eine WG. Ihm ist egal, wer der Vater ist. Pablo kommt zur Welt, und Christoph ist für ihn da – zumindest erreichbar ist er immer, auch nach der endgültigen Trennung von Silke.

Wir standen noch auf dem Stege rum,
nicht mehr rege, eher stumm.
Da kräht vom Baum die Krähe: Ach,
die zwei ha’m wieder Ehekrach.

Christoph nimmt Schauspielunterricht, er macht mit beim Kinderzirkus des „Tempodrom“, verdient mit Jobs etwas Geld dazu, fährt Blumen aus. Er braucht ja nicht viel zum Leben. Und er kann, untypisch in seiner Branche, ganz gut mit dem Geld umgehen. Deshalb wird er beim Zirkus „Gosh“, den er mitgründet, so eine Art Kassenwart. Den Job erledigt er vielleicht nicht ganz so, wie sich das Menschen mit geraderem Lebensweg vorstellen würden: Wenn kurzfristig gefeiert werden muss, trägt er die Tageseinnahmen in der Tasche seiner ausgebeulten Hose mit sich rum. Das ist ganz ungefährlich, denn weil er keinen Joint ausschlägt, fällt er nicht weiter auf, und kein böser Mensch würde so viel Geld bei ihm vermuten.

Drei verschiedene Shows macht er mit „Gosh“, dem Zirkus ohne Tiere, dafür mit sehr viel Fantasie und einer Prise Wahnsinn; Christoph musiziert, schauspielert, singt und entwickelt seine Figur:

Mein Bühnenname ist Robby Heim
Und ich habe ein Hobby: Reim.

Da ihm die Haare ausfallen und sich die Hüften weiten, macht er die Not zur Tugend, lässt den verbleibenden Haarkranz umso länger wachsen, beugt sich auf der Bühne ins Hohlkreuz, dass sich der Bauch nach vorn wölbt, trägt ein viel zu enges Hemd und eine merkwürdige Brille, macht den Clown und trägt seine Verse vor:

Es sagte noch die Laus eben:
„Ich möcht’ mich auch mal ausleben.“
Doch warse tot, die Laus, eh’se
konnte, das nennt man Auslese.

So tritt er im „Chamäleon Varieté“ am Hackeschen Markt auf, wo ihn Christiane sieht. Auch sie ist eine Bühnenkünstlerin und als solche eine Art Gegenentwurf zu Christophs Robby Heim. Sie tanzt Flamenco, eine dramatische Sache, bei der man den Bauch einzieht und ernst blickt. Nach seiner Show lernt sie Christoph kennen – und er lächelt sie pausenlos an. Als sie dann sieht, was er für ein Fahrrad fährt, ein genauso klappriges wie sie, und als er sie zum Lachen bringt, wie noch keiner das konnte, ist es um sie geschehen.

Nie zuvor wollte sie ein Kind haben, und sein Plan war das auch nicht, man weiß ja nie, was wird. Aber jetzt, da sich die beiden gefunden haben, geht es ganz schnell. Nach einem Jahr ist Christiane schwanger, 2002 kommt Lilly zur Welt.

Zwei Tage vor der Geburt war Christoph zur Untersuchung im Krankenhaus, weil er seit einiger Zeit Doppelbilder sieht. Vier Tage nach der Geburt ist die Diagnose da: ein Tumor am Ende der Wirbelsäule, da, wo das Gehirn anfängt.

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