Nachruf auf Christoph Janz (Geb. 1961) : Zuverlässig: Tingeltangel

Das Blöde, wenn man kein G mehr sprechen kann: Wichtiges wird unaussprechlich: „Muss ich erst vor Gier beben, bevor die mir ein Bier geben?“ Der Nachruf auf einen Schüttelreimer.

Christoph Janz beim Zirkus "Gosh"
Christoph Janz beim Zirkus "Gosh"Foto: privat

Sarah klagt, dass
Klara sagt: „an
Rainer kann
Keiner ran!“ Und dass deswegen
Rut flennt und in die
Flut rennt und ihr dabei von der Stirn das
Blut rinnt, davon wurde
Rut blind und konnte sie keiner retten, was musste sie sich auch an
Rainer ketten?

Einer von Christophs Schüttelreimen, die er auf Zettel schrieb, aus denen er immer ein Buch machen wollte, doch nie ein Buch gemacht hat. Seine Schwester, die er früher mit der Dauerreimerei schlimm genervt hat, sammelte die Reime und gab sie in den Computer ein.

Die Schwester erinnert sich auf der Trauerfeier für ihn an die gemeinsame Kindheit. Wie sie auf der Straße Grenze gespielt haben, zwei West-Berliner Kinder in den Sechzigern, die das Aufregendste nachstellen, das sie bislang erlebt haben: Ausweis zeigen, stempeln, durchsuchen. Und dann erzählte sie noch, wie Christoph dem Nachbarn, Herrn Heistermann, zurief: „Heistermann, mach das Tor auf!“, worauf der Nachbar fragte: „Wie heißt das Zauberwort?“ Darauf Christoph: „Heistermann, mach sofort das Tor auf!“

Christoph wuchs gutbürgerlich in Steglitz auf, der Vater, streng, Anwalt und CDU-Stadtrat, verließ die Familie früh, doch Christophs Lebensweg blieb vorgezeichnet: Selbstverständlich sollte er Anwalt werden.

Selbstverständlich wurde er kein Anwalt. Er begann, wie man das damals tat, ein Sozialpädagogik-Studium und brach es wieder ab, er zog in ein besetztes Haus, gehörte allerdings nicht zu den politischen Missionaren, sondern zur Spaßfraktion und machte sich über seine Zukunft wenig Gedanken, weil sowieso immer alles anders kommt.

Je schneller Du durch die Welt da irrst,
desto schneller Du immer älter wirst.

Im Februar 1982 fuhr er im Auto nach Barcelona, nahm Cecile mit, die eine Mitfahrgelegenheit gesucht hatte, und weil Cecile nach Grenada wollte, fuhr er halt die 900 Kilometer weiter bis Grenada. Dort überwinterte die Straßentheatergruppe „Otto Complotti“, die Christoph sehr sympatisch war. Da auch Christoph den Theaterleuten geheuer war, Geige und Gitarre spielen konnte und auch sonst sehr musikalisch war, bot es sich an, dass er sich anschloss.

Christoph Janz (1961 - 2014)
Christoph Janz (1961 - 2014)Foto: privat

Unverhofft früh also, seit dem Sommer 1982, hat Christophs Leben eine zuverlässige Ausrichtung: Tingeltangel. „Otto Complotti“ fährt im Tourbus namens „Rainbow Warrior“ quer durch Spanien, Christoph spielt alle Instrumente, die man zupfen kann, führt eine zeitgemäß offene Beziehung mit Bine, lässt keine Party aus und verblüfft die Spanierinnen mit deutscher Lockerheit.

Die Episode währt ein Jahr, dann sitzt die Truppe irgendwo in Frankreich fest, in der Nähe von Bordeaux, abgebrannt, verlaust, als ihnen jemand von einem Musical-Theater in Essen erzählt, dem gerade die Schauspieler abhanden gekommen sind.

Es folgt die Essen-Zeit, Musical, und die Beziehung zu Silke. Christoph zieht gleich bei ihr ein, nach einem halben Jahr gehen sie nach Berlin und sind mehr als sieben Jahre zusammen und auch wieder nicht. Es ist ein großes Hin und Her, so viele Möglichkeiten hier und da. Silke zieht für eine Zeit nach Barcelona, wird schwanger, weiß nicht, ob von Christoph oder von ihrem Freund in Spanien, kommt nach Berlin zurück und zieht mit Christoph in eine WG. Ihm ist egal, wer der Vater ist. Pablo kommt zur Welt, und Christoph ist für ihn da – zumindest erreichbar ist er immer, auch nach der endgültigen Trennung von Silke.

Wir standen noch auf dem Stege rum,
nicht mehr rege, eher stumm.
Da kräht vom Baum die Krähe: Ach,
die zwei ha’m wieder Ehekrach.

Christoph nimmt Schauspielunterricht, er macht mit beim Kinderzirkus des „Tempodrom“, verdient mit Jobs etwas Geld dazu, fährt Blumen aus. Er braucht ja nicht viel zum Leben. Und er kann, untypisch in seiner Branche, ganz gut mit dem Geld umgehen. Deshalb wird er beim Zirkus „Gosh“, den er mitgründet, so eine Art Kassenwart. Den Job erledigt er vielleicht nicht ganz so, wie sich das Menschen mit geraderem Lebensweg vorstellen würden: Wenn kurzfristig gefeiert werden muss, trägt er die Tageseinnahmen in der Tasche seiner ausgebeulten Hose mit sich rum. Das ist ganz ungefährlich, denn weil er keinen Joint ausschlägt, fällt er nicht weiter auf, und kein böser Mensch würde so viel Geld bei ihm vermuten.

Drei verschiedene Shows macht er mit „Gosh“, dem Zirkus ohne Tiere, dafür mit sehr viel Fantasie und einer Prise Wahnsinn; Christoph musiziert, schauspielert, singt und entwickelt seine Figur:

Mein Bühnenname ist Robby Heim
Und ich habe ein Hobby: Reim.

Da ihm die Haare ausfallen und sich die Hüften weiten, macht er die Not zur Tugend, lässt den verbleibenden Haarkranz umso länger wachsen, beugt sich auf der Bühne ins Hohlkreuz, dass sich der Bauch nach vorn wölbt, trägt ein viel zu enges Hemd und eine merkwürdige Brille, macht den Clown und trägt seine Verse vor:

Es sagte noch die Laus eben:
„Ich möcht’ mich auch mal ausleben.“
Doch warse tot, die Laus, eh’se
konnte, das nennt man Auslese.

So tritt er im „Chamäleon Varieté“ am Hackeschen Markt auf, wo ihn Christiane sieht. Auch sie ist eine Bühnenkünstlerin und als solche eine Art Gegenentwurf zu Christophs Robby Heim. Sie tanzt Flamenco, eine dramatische Sache, bei der man den Bauch einzieht und ernst blickt. Nach seiner Show lernt sie Christoph kennen – und er lächelt sie pausenlos an. Als sie dann sieht, was er für ein Fahrrad fährt, ein genauso klappriges wie sie, und als er sie zum Lachen bringt, wie noch keiner das konnte, ist es um sie geschehen.

Nie zuvor wollte sie ein Kind haben, und sein Plan war das auch nicht, man weiß ja nie, was wird. Aber jetzt, da sich die beiden gefunden haben, geht es ganz schnell. Nach einem Jahr ist Christiane schwanger, 2002 kommt Lilly zur Welt.

Zwei Tage vor der Geburt war Christoph zur Untersuchung im Krankenhaus, weil er seit einiger Zeit Doppelbilder sieht. Vier Tage nach der Geburt ist die Diagnose da: ein Tumor am Ende der Wirbelsäule, da, wo das Gehirn anfängt.

Christoph Janz als Robby Heim
Christoph Janz als Robby HeimFoto: Daniela Incoronato

„Damit war“, so sagt es Christiane, „der Wahnsinn der folgenden Jahre vorgezeichnet.“ Sie halten den neuen Menschen, Lilly, in Händen, sind glücklich wie nie. Und wissen, dass in Christophs Kopf der Tod wuchert.

Wut und Lust, Glück und Verzweiflung, alles so dicht beieinander, zwölf Jahre lang. Bestrahlung, Reiki, Operationen, Quacksalberei: Christoph lässt nichts unversucht. Soll er diese schöne Welt, in der man die Leute zum Lachen bringen kann und sieht, wie die Tochter Lilly groß wird und anfängt, wie er die Leute zum Lachen zu bringen, soll er diese Welt denn schon jetzt verlassen? So lange und so oft, wie es geht, steigt Christoph noch auf die Bühne, singt das Lied vom „Urlaub am Meer“, reckt den Bauch raus und schwingt die Hüften und hofft, dass das Publikum nicht merkt, wie es um ihn steht.

Eine Dokumentarfilmerin, die von seiner Krankheit weiß, sieht ihn auf der Bühne und will einen Film über ihn machen. Es wird ein Film über seine kleine Familie, „Verliebt ins Leben“. Da besuchen ihn an seinem 47. Geburtstag Christiane und Lilly im Krankenhaus. Sie laufen über die Flure, die Tür öffnet sich, sie halten eine „Happy-Birthday“-Girlande hoch. Da steht er, mal wieder frisch operiert, lädiert, er sieht die beiden – und führt einen kleinen Tanz auf. Er schwingt die Hüften, weil auch das sterilste Krankenhaus eine Bühne ist, eine Bühne sein muss. Je beschissener die Lage, desto wichtiger der Schwung.

Ein Arzt bespricht mit ihm die Zukunft seines Sprechvermögens, er kriegt das G nicht mehr richtig raus, und er sagt, dass das G doch so wichtig ist, etwa bei einem seiner Lieblingsreime

Muss ich erst vor Gier beben,
bevor die mir ein Bier geben?

Bei seiner Beerdigung erzählt Christiane, wie schließlich doch noch ein Buch aus seinen Reimen entstand. Er selbst hat nur immer davon erzählt, im Pläneschmieden war er gut. Gemacht haben es dann die Frauen. Wie stolz er war, als er es vor einem Jahr in der Hand hielt, obwohl er die Buchstaben kaum noch erkennen konnte.

Hinterher ist man immer schlauer,
Doch manchmal kommt’s noch schlimmer – aua!

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