Nachruf auf Dietmar Trzaska (Geb. 1957) : „Bier und Hanf gehören zum Kampf!“

20 Jahre hielt er es in Westfalen aus, dann musste auch er nach Kreuzberg. Da war er Schnapsfahrer, Revolutionsromantiker und Agitator im „Jodelkeller“.

Dietmar Trzaska (1957-2018)
Dietmar Trzaska (1957-2018)Foto: privat

Seine Mutter steht mit Rollator vor der Kapelle und blickt auf die Kreuzberger Trauergruppe, die auch schon in die Jahre gekommen ist. Vor sechs Jahren ist sie nach Potsdam gezogen, um ihren beiden Jungs in Berlin näher zu sein. Und dann das: Hartmut, den alle „Senior“ nannten, kam in eine Pflegeeinrichtung für Demenzkranke bei Hannover; und „Junior“, also Dietmar, ist nun überhaupt nicht mehr erreichbar. Starr steht die Sonne, als halte jemand die Erdachse an. Die Mutter wirkt sehr stark, allein die laute Musik von Rio Reiser hätte sie wohl nicht gebraucht.

Das alte Kreuzberg hat mit Junior einen Charismatiker verloren, der seinen Krankheiten, Morbus Bechterew, Morbus Ulcerosa, COPD, ein Leben ohne Bitterkeit und Resignation abgetrotzt hat. Dass er die Parole „Bier und Hanf gehören zum Kampf“ ganz ernst genommen hat, mag dabei eine Rolle gespielt haben. So viel er anderen half und spendete, so wenig war er imstande, Hilfe einzufordern oder anzunehmen, als sein Körper in den letzten sechs Jahren immer weniger seinem Willen folgte, als die vier Treppen hoch zur Wohnung zur Tortur wurden, als er nur noch mit Sauerstoffflasche unterwegs war. Mit schweren Krankheiten hatte er es schon als Kind zu tun gehabt, er hatte gelernt, Behinderung und brutale Schmerzen auszuhalten und herunterzuspielen. Bier und Joints halfen ihm dabei.

Er kam aus Niedersachsen, der zweite Sohn von Edith und Erich, die aus Schlesien geflüchtet waren. 1959 zog die Familie nach Westfalen, gut 20 Jahre sollte Junior es da aushalten. Einfache Verhältnisse, die Mutter gelernte Verwaltungsangestellte, der Vater Eisenbahner. Bruder Hartmut ist sieben Jahre älter und nie so richtig eng mit ihm. Selbst in Kreuzberg sitzen sie in der Kneipe an verschiedenen Biertonnen.

Immerhin, Hartmut ist links, geht vor ihm nach Kreuzberg, berät ihn bei der Wehrdienstverweigerung. Aber er hat keinen Bock darauf, dass der Kleine ihm hinterherrennt: „Komm bloß nicht nach Berlin. Du gehst hier unter!“ Senior arbeitet als Drucker, unterstützt linke Kollektive mit Plakaten und fürchtet wohl, sich um den kränklichen Bruder kümmern zu müssen. Junior ist das schnuppe, er macht seine Lehre als Groß- und Einzelhandelskaufmann fertig und will raus in die Welt. Der Freitod seiner Jugendliebe beschleunigt den Abschied, er will das alles hinter sich lassen. Eine feste Beziehung wird er nie mehr eingehen.

Im Bett mit Gabi und Charly

Kreuzberg also, Hausbesetzerszene, nächtelange Diskussionen in Rauchschwaden über Freiheit und Widerstand, „Ton Steine Scherben“. Als DJ wird er immer nur die spielen, „Schritt für Schritt ins Paradies“. Junior ist ein Revolutionsromantiker. Er verehrt Che Guevara, Fidel Castro, Daniel Ortega und später Hugo Chavez, er reist durch die Welt, Mexiko, Portugal, Frankreich. Frühe Besuche in die DDR bei Onkel Manfred von der NVA haben ihn gelehrt, dass es mit dem Sozialismus auch ziemlich daneben gehen kann. Sein Geld verdient er zehn Jahre lang als Schnapsfahrer für einen Getränkelieferanten, bis nach einem Streit mit der Chefin alles vorbei ist.

Er wohnt in der Naunynstraße: Erst war es ein gemeinsames Bett mit Gabi und Charly, die ihm Obdach gewährten, als er wegen Mietschulden aus seiner ersten Wohnung geflogen war. Nach legalisierter Besetzung 1983 zieht er in den vierten Stock, und da bleibt er bis zum Schluss.

Seit 1990 hat er die chronische Darmerkrankung und kann nicht mehr arbeiten. Er verschwindet aus den Statistiken. Ein letzter ABM-Versuch: Fahrkartenkontrolleur für die BVG. Die Schulung steht er durch, er kriegt eine Uniform. Danach großes Besäufnis. Eine Freundin bringt die Uniform am Tag darauf zurück. Von nun an hat er viel Zeit.

Er verbringt sie in Betroffeneninitiativen wie dem „Waldekiez“ und setzt die Agitation fürs bessere Leben vor allem im „Jodelkeller“ fort, seiner Stammkneipe. Als 1992 seine Nichte Tabea geboren wird, blüht er auf. Will sich einbringen, auch wenn der Umgang mit Senior und dessen Frau Ulla nicht ganz einfach ist. Da geht es nicht nur um politische Debatten. Einen Babysitter, der frisch aus der Kneipe kommt, kann keiner gebrauchen. Erst viele Jahre später nähern Onkel und Nichte sich an. Dass Tabea als junge Erwachsene anfängt, sich politisch zu engagieren, freut ihn. Der Kampf geht weiter! Bei ihm nicht so sehr: Die Bücher verstauben, der Fernseher glüht. Der Kontakt mit den Eltern wird aber enger, gemeinsame Urlaube, lange Telefonate mit der Mutter. Als der Vater an Parkinson erkrankt, ist er da, als seine Mutter nach Potsdam zieht, ebenfalls. Sie unterstützen ihn ja auch.

Seit 2012 kommt die Lungenkrankheit dazu. Froh ist Junior, wenn er es in den „Jodelkeller“ schafft. Der Wirtin Leyla macht er einen Heiratsantrag und will sie vor anderen Typen in Schutz nehmen. Für sie ist er ein Lieblingsgast, sie nennt ihn „mein kleiner Zwerg“. Mund abwischen, Nase putzen. Die Joints rauchen sie gemeinsam. Ist ihm doch egal, wenn er nicht die Treppen hochkommt, weil ihm die Puste ausgeht. Sie holt die Feuerwehr, wenn nix mehr geht.

Als die alten Freunde berlinmüde in die Lüneburger Heide ziehen, weiß er, dass die Zeit abläuft. Er will nicht abhängig sein, Mitziehen ist keine Option. Senior ist vor fünf Jahren in sein Heim nach Hannover abgedampft. Junior hat ihn da nie besucht. Der Bruder hat ihn wohl mal als „Kneipenrevoluzzer“ beleidigt, das sitzt.

Im Hitzesommer 2018 geht es mit Junior zu Ende. Kurz vor seinem Zusammenbruch hat er einem Freund noch eine SMS geschickt: „Kann jetzt sogar wieder Fahrrad fahren!“

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