• Nachruf auf Elisabeth Rosenthal (Geb. 1927): "Nehmt etwas mit, das ihr sehr lieb habt"

Nachruf auf Elisabeth Rosenthal (Geb. 1927) : "Nehmt etwas mit, das ihr sehr lieb habt"

Der Vater war in Moskau und kam nicht zurück. Die Mutter schickte sie nach London ins Exil. Ihre schönste Zeit: im Caputher Kinderheim.

Elisabeth Rosenthal (1927-2019)
Elisabeth Rosenthal (1927-2019)Foto: privat

„In der Friedrichstraße hat sie mich in einen Zug gesetzt“, erinnerte sich Elisabeth Rosenthal im hohen Alter. „Sie hat noch gewunken, und versprochen, einen Monat später nachzukommen. Aber sie kam nicht. Ich hatte eine so schreckliche, große Angst wie nie wieder in meinem Leben. Die englische Familie, bei der ich lebte, konnte das nicht verstehen. Sie hatten keine Ahnung, was in Deutschland los war. Wir alle wussten auch nicht, dass meine Mutter von einem Nazi auf der Straße niedergeschlagen worden und ins Krankenhaus gekommen war.“

„Call me Mummy“, hatte die Pflegemutter sie gebeten, aber Betzi, so Elisabeths Spitzname noch aus Berliner Zeiten, war einfach verstummt. „Was ist mit dir, warum bist du so traurig, woran denkst du?“ – „An die Rutschbahn“, antwortete Betzi. Sinnlos die Antwort, aber sie konnte ja nicht sagen, was sie wirklich fühlte: „furchtbares Mutti-Weh“. Wochen vergingen, dann endlich kam ein Brief von ihrer Mutter: „Ich komme bald, ich komme bald.“ Und dann kam sie tatsächlich.

Mutter und Tochter blieben nun unzertrennlich. Der Vater Henio war schon Jahre zuvor nach Moskau gezogen, um den Kommunismus aufzubauen und für die Familie eine neue Heimat zu suchen. Ingenieure wie er wurden in der Sowjetunion dringend gebraucht. Aber auch sie waren nicht vor Stalins Terror geschützt. Nach dem Krieg erfuhr die Familie, dass der Vater 1943 in einem sibirischen Straflager umgekommen war.

Elisabeths Mutter hatte in Berlin als Erzieherin gearbeitet, aber sie verlor ihre Stelle, weil sie Jüdin war. Dabei war die Religion in der Familie nie von Bedeutung gewesen. „Ich wusste, dass ich jüdisch war, weil die Kinder nicht mit mir spielen wollten. Da dachte meine Mutti an Caputh, das jüdische Kinderheim.“

Über dem Templiner See, direkt am Wald, lag das Landschul- und Kinderheim, das die Reformpädagogin Gertrud Feiertag 1931 gegründet hatte, um vor allem jüdischen Kindern ein neues Zuhause zu geben. Ihr erzieherisches Programm: „Licht, Weite und Freiheit“. Mehr als 100 Kinder fanden hier eine Unterkunft und Geborgenheit. Viele von ihnen wollten nie wieder weggehen, es schien ihnen wie das Paradies, obwohl ihnen allen längst gesagt worden war, dass die Deutschen sie nicht mehr im Land haben wollten. Die Pädagogen wussten um die Kurzlebigkeit ihres Projektes und ertüchtigten ihre Zöglinge von Anfang an für die anstehende Flucht. Die Kinder übten täglich Schwimmen und Laufen, wurden in Englisch und Französisch unterrichtet und vor allem darin, dass Zusammenhalt und Anstand, Kultur und Schönheitsempfinden Herzensdinge waren, die einem nicht so einfach geraubt werden konnten.

Im November 1938, als über Nacht im ganzen Land jüdische Einrichtungen angegriffen wurden, überfiel der örtliche Mob das Kinderheim. Es hatte Vorwarnungen gegeben. „Eilt euch“, wurden die Kinder von ihren Lehrern aufgefordert, als sie aus dem Heim in den Wald flohen, „packt nur das Nötigste, aber nehmt etwas mit, das ihr sehr liebhabt!“ Elisabeth nahm Pieps mit, einen kranken Vogel, dem sie in einem Schuhkarton notdürftig ein Bettchen hergerichtet hatte. Elisabeth konnte zu ihrer Mutter fliehen, die sich in Berlin mühsam mit gelegentlichen Nachtwachen im jüdischen Krankenhaus durchschlug. Mutter und Tochter durften im Keller einer Villa in Westend übernachten, hinter der Heizung. Tagsüber mussten sie spazieren gehen. Von all ihren deutschen Freundinnen hielt nur Käthe zu Betzi, Käthe Krause, die Schusterstochter, deren Eltern Betzi hin und wieder auf dem Dachboden ihrer Laube schlafen ließen, bis endlich die Flucht nach England gelang.

Elisabeth wurde Professorin für Englisch und Französisch, noch im hohen Alter arbeitete sie als Übersetzerin für wohltätige Organisationen. Geheiratet hat sie nie. Selbst als alte Frau wirkte sie wie ein Grundschulmädchen, nicht zuletzt dank des dünnen Zopfes, der ihr bis zur Taille hinabreichte. Sie trug gern geblümte Kinderkleidchen, braune Kindersandalen und sprach mit einer sehr hohen Stimme. Nach dem Tod ihrer Mutter wohnte sie allein in dem sehr schönen Apartment in Richmond mit Blick auf die Themse. Wie viele Caputher Kinder hatte sie sich einen Wohnsitz mit Wasserblick gesucht.

Die Heimkinder hatten sich nach der Flucht in alle Welt zerstreut, aber viele fanden in den Jahren darauf wieder zusammen und hielten lebenslang Kontakt. „In meiner Familie wurden über 90 Menschen umgebracht“ bemerkte Elisabeth gelegentlich und betonte im gleichen Atemzug, „wie wichtig das war, Leute von zu Hause wiederzusehen, das gibt es doch nicht ein zweites Mal“. Caputh, das verlorene Paradies, war die Heimat, die sie Jahr für Jahr wieder besuchte. Und jedes Jahr traf sie Käthchen wieder, auch als sie dafür die Grenze nach Ost-Berlin überqueren musste. Über 40 Jahre blieben sie Freundinnen, und nach Käthchens Tod wurde sie von deren Kindern zu allen Familienfesten und Geburtstagen eingeladen. Wann immer sie in Berlin war, hat sie in „ihrer Familie“ gelebt. Sie mochte das Gefühl der Geborgenheit, Spazierengehen hingegen lehnte sie ab, das hatte sie als Jugendliche viel zu oft tun müssen.

Sie blieb das Kind, das sie gewesen war. Erwachsen, im Äußerlichen, wurde sie erst, als sie die Hörfunkdokumentation einer Freundin über das Heim in Caputh anhörte, Titel: „Hier wird man nie wieder weggehen wollen“. In dieser knappen Stunde war alles wieder so nah, dass sie es als Erinnerung begreifen konnte. Als etwas, das vergangen war, auch wenn es ihr Leben für immer geprägt hatte. Nach der Sendung legte sie sich eine neue Frisur zu, einen schicken Bob, da war sie 79, und fortan kleidete sie sich, wie es von einer Dame ihres Alters erwartet wurde.

Unruhig blieb sie immer noch und quirlig, das konnte sie nicht mehr ablegen. „Betzi, du musst ruhiger werden“, hieß es gelegentlich. Aber davon ließ sie sich nicht beeindrucken. Sie besuchte unentwegt Freunde in aller Welt, bat, wann immer es ging, um Besuch, denn so schön sie auch in England wohnte, Heimat war es nie geworden. Das war Caputh gewesen, dieser Ort, von dem sich kindlichen Herzens sagen ließ: Hier will ich nie wieder weggehen.

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