Nachruf auf Günther Habermann (Geb. 1934) : Ein Orden kommt nicht in Frage

Er hantierte mit Millionen für das öffentliche Wohl. Und ließ sich weder von Politikern noch von der Verwaltung noch von Kreuzberger Hausbesetzern bedrängen.

Günther Habermann. Geb. 1934
Günther Habermann. Geb. 1934Foto: privat

Sie wollten ihm ein Verdienstkreuz um den Hals hängen als Anerkennung seines Schaffens für Staat und Volk, dafür, dass er Berlin mit wiederaufgebaut hatte, dass er Dutzende Gewerbehöfe und Mietshäuser sanieren und wiederaufbauen ließ. Dafür hantierte er mit Millionen, Geld aus öffentlicher Hand, ohne jemals rote Zahlen zu schreiben. Doch Günther Habermann antwortete in einem Brief, dass er wirklich überrascht sei, „da ich mir keiner außergewöhnlichen oder gar rühmlichen Tätigkeit bewusst bin“. Und schließlich: „Eine Annahme des Ordens durch mich kommt nicht in Frage, da es für Bürger hanseatischer Herkunft nicht üblich ist, derartige Auszeichnungen entgegenzunehmen.“

Hanseatisch oder nicht, Habermanns Haltung sei gradlinig gewesen, so der Prokurist, der Jahrzehnte für ihn gearbeitet hat. Weder von Politikern noch von der Verwaltung noch von Kreuzberger Hausbesetzern hat er sich bedrängen lassen. „Das mache ich nicht“, sagte er am Telefon. Obwohl, bei den Hausbesetzern machte er viele Ausnahmen, auch wenn die sie nicht unbedingt als solche verstanden, weil es bei ihnen oft hieß: alles oder nichts. Habermann war zufrieden, wenn er Besetzungen in äußerst günstige Mietverhältnisse umwandeln konnte, günstig für die Hausbesetzer. Auch wenn diese die frisch verputzte Fassade gleich wieder mit ihren Parolen zukleisterten. Ihm war es wichtig, Künstler, Handwerker, kleine Betriebe mit günstigen Räumen auszustatten, Jobs nach Berlin zu holen und den Künstlern gleich noch die Hausmeisterjobs zu vermitteln, damit auch für sie etwas Geld reinkam.

Gradlinig sei er gewesen – mit einem Hang zur Albernheit, so erinnert sich der Prokurist. Man begegnete ihm singend, manchmal auch tanzend auf den Bürogängen. Dann wieder warf er sich in Pose, stellte sich in die Mitte der frisch sanierten Gewerbehöfe in Kreuzberg oder Wedding und ließ sich fotografieren. In einer Chronik schrieb er im Kapitel „Wirtschaftsplan“: „Der geneigte Leser möge die Pläne mit den Bilanzen vergleichen und sehen, dass die Schuld an dem Nichtüberstimmen immer an der Realität gelegen hat und nicht am Plan.“ Stellte er Leute ein, verließ er sich weniger auf Abschlüsse oder Qualifikationen als auf sein Gefühl. Als er dann gehen musste, Anfang 2000, hielt eine Frau die Abschiedsrede, die er als Sekretärin eingestellt hatte und die in die Führungsetage aufgestiegen war.

Knapp 40 Jahre war Günther Habermann der Kopf der GSG, der „Gewerbesiedlungs-Gesellschaft Berlin“. Alle fünf Jahre verlängerte der Aufsichtsrat seinen Vertrag. „Und ihm machte das Spaß, liefern, Leistung zeigen“, sagt seine Frau. Doch am Ende musste er miterleben, wie sein Lebenswerk zerschlagen wurde, privatisiert und verkauft. Anfang 2000 war das, Berlin brauchte Geld, Habermann wurde in den Ruhestand geschickt und die GSG verkauft.

Günther Habermann war geborener Hanseat, das stimmt schon. Viel mehr noch war er Berliner. Drei Jahre nach seiner Geburt zog seine Familie nach Lichterfelde, denn der Vater hatte in der Bülowstraße einen Bürobedarfsladen eröffnet. Sechs Geschwister hatte Günther Habermann, er war der Jüngste. Liebevoll ging es zu Hause zu, sonntags liefen sie in die Kirche, außerdem war der Vater aktiver Gewerkschafter, auch noch in der Hitlerzeit, da aber im Untergrund. Einmal sollten sie im Kohleofen alle seine Papiere verbrennen. Günthers Brüder mussten in den Krieg oder gingen aufs Internat, nur er blieb bei seiner Mutter zurück. Ein Bruder nach dem anderen fiel. Günther musste mit seiner Mutter aufs Land, nach Gifhorn, wo sie bei einer Pfarrersfamilie unterkamen.

Nun passierte das, was Günther Habermann sein Leben lang begleiten und prägen sollte. Sein Vater gehörte zu den Widerständlern des 20. Juli 1944. Was Günther natürlich nicht wusste. Als das Hitler-Attentat fehlschlug, musste der Vater untertauchen. Doch Bomben zerstörten das Haus, in dem er sich versteckt hielt. So kam er nach Gifhorn – und die Pfarrfamilie rief die Gestapo. Zwei Stunden darauf wurde er verhaftet, Günther und die Mutter waren dabei. Im Gefängnis nahm der Vater sich das Leben.

In diesem Pfarrhaus konnte die Mutter nicht mehr bleiben. In Berlin durchsuchte der Blockwart ihre Wohnung, steckte ein, was ihm gefiel. Die Nachbarn tuschelten: „Volksverräter“, und in den Luftschutzbunker wollte man sie auch nicht reinlassen.

Drei tote Söhne, ein toter Ehemann, die Mutter hielt durch. Nach dem Krieg machte sie den Büroladen wieder auf. Lief jeden Morgen zwei Stunden hin und abends wieder zurück. Und Günther strolchte durch Berlin, bewunderte die Stalinorgeln der Russen, mied die Schule, so gut es ging, fuhr zum Kartoffelhamstern nach Brandenburg, schaute den Rosinenbombern zu. Realschulabschluss, Lehre als Kaufmann im Wohnungswesen, Angestellter. Doch schon in seinen ersten Arbeitsjahren merkte er, dass er nicht nur der sein wollte, der macht, was andere ihm sagen. Also holte er das Abitur nach, 1957 war das, auf einer Privatschule.

Sie kam neu in diese Klasse, Alexandra, und er brachte ihr die Aufgaben der Lateingrammatikarbeit, die sie morgen schreiben würden, nach Hause, wie auch immer er die aufgetrieben hatte. Die beiden gingen aus, ins Theater, ins Kino, sie tanzten Rock ’n’ Roll im „Eden Salon“. Er studierte Volkswirtschaft und sie Soziologie, später wurde sie Bibliothekarin. Jeden Morgen frühstückten sie miteinander, fuhren mit ihren Rädern zur Uni, dann zur Arbeit. Gereist sind sie in die ganze Welt, schon damals, als die Touristen noch nicht überall waren. Mit der „Ente“, 12 PS, sind sie über Jugoslawien nach Griechenland getuckert, haben am Strand geschlafen. Allein ist er mit der Transsibirischen Eisenbahn gefahren und dann noch weiter bis nach Japan. Er beschäftigte sich mit dem Erbe seines Vaters, war Schatzmeister der „Forschungsgemeinschaft 20. Juli 1944“. Trat der SPD bei. Und, und, und.

Und der Krimi, den er immer schreiben wollte? Irgendwie war dafür nie Zeit. Ihre gemeinsame Wohnung füllte sich mit Büchern, mit Kunst, mit kleinen japanischen Figuren, die er sammelte.

Im Oktober 2018 ist er friedlich eingeschlafen, zu Hause in seinem Bett, der Hanseat, der keine Medaille wollte und eigentlich Berliner war.

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