Nachruf auf Hanni Lévy (Geb. 1924) : Ein Sonntagskind. Eine Überlebende.

Mit 19 war sie auf sich allein gestellt. Sie trennte den gelben Stern vom Mantel und ließ sich das Haar blondieren.

Matthias Reichelt
Hanni Lévy (1924-2019)
Hanni Lévy (1924-2019)Foto: Matthias Reichelt

Auf einem der letzten Fotos liegt Hanni Lévy zu Hause im Krankenbett und streckt der Kamera frech die Zunge entgegen. Alle Freunde in der Welt sollten wissen, dass sie ihren Berliner Humor noch nicht verloren hatte. Kurz darauf starb sie in Paris, wo sie seit 73 Jahren gewohnt hatte.

Zwei Jahre zuvor ist sie zu einer kleinen Berühmtheit geworden; da kam der Film „Die Unsichtbaren – Wir wollen leben“ heraus. Darin werden die wahren Geschichten von vier Juden erzählt, die sich im Berlin der 40er Jahre vor den Nazis versteckten und überlebten. Ruth Arndt, Eugen Herman-Friede und Cioma Schönhaus, die drei anderen, waren schon tot, als der Film Premiere hatte. Hanni Lévy reiste von Vorführung zu Vorführung, bis nach New York, und erzählte von ihren Erlebnissen. Das konnte sie so gut und detailgenau, dass im vergangenen Jahr ihre Lebens- und Überlebensgeschichte auch als Buch erschien: „Nichts wie raus und durch“.

In Berlin ist sie als Hanni Weissenberg aufgewachsen, in Kreuzberg vor allem. Ihr Vater war Fotograf, die Mutter Hausfrau. Schon bevor es jüdischen Kindern verboten wurde, normale Schulen zu besuchen, meldeten ihre Eltern sie in der Schule der jüdischen Reformgemeinde an. So fuhr sie täglich aus der Solmsstraße in Kreuzberg nach Charlottenburg in die Joachimsthaler. Dort hatte sie Spaß und viele Freunde. Ihre Eltern wurden krank und starben früh, die Großmutter wurde im Dezember 1942 ins KZ Theresienstadt deportiert. Hanni war mit knapp 19 allein auf sich gestellt.

Sonntags trug sie den "Völkischen Beobachter" aus

Sie leistete Zwangsarbeit bei der „Zehlendorfer Spinne“ und erlebte, wie mehr und mehr Juden abgeholt wurden oder die Aufforderung erhielten, sich bei den Sammelplätzen zur Deportation einzufinden. Im letzten Augenblick gelang es ihr, unterzutauchen – wie ungefähr 7000 andere Juden in Berlin. Sie trennte den gelben Stern vom Mantel, ließ sich das Haar blondieren und bewegte sich als „arische Deutsche“ durch die Stadt. Ihre Mutter war sich immer sicher gewesen, Hanni, das Sonntagskind, wird Glück im Leben haben. Recht hatte sie. Hanni traf in den zwei Jahren bis Kriegsende auf viele Deutsche, die ihr trotz des großen Risikos halfen. Die Familie Matschkowski, die in der Nähe des Nollendorfplatzes wohnte, ließ Hanni ihre Adresse nutzen, um sich mit einem Postausweis für 50 Pfennig unter dem deutschen Namen Hannelore Winkler registrieren zu lassen. Sie verdiente sogar Geld: Für einen Kiosk in der Kurfürstenstraße trug sie sonntags den „Völkischen Beobachter“ aus. Im Kino „Concordia“ in der Bülowstraße sah sie sich gern Filmschnulzen an. Einmal setzte sich ein junger Mann neben sie, der sich als Oskar Kolzer vorstellte und sie bat, mit ihm während der letzten drei Tage vor seiner Einberufung spazieren zu gehen. Und sie möge sich dann bitte ab und an bei seiner Mutter Viktoria melden, da er sich um sie und seinen kranken Vater Sorgen machte. Etwas später, auf der Suche nach einer neuen Unterkunft, offenbarte sich Hanni gegenüber dieser Mutter als „geflitzte Jüdin“. Die Kolzers bewohnten eine kleine Parterrewohnung im rechten Seitenflügel der Nollendorfstraße 28. Sie nahmen Hanni auf und teilten mit ihr ihre Lebensmittelrationen. Der Vater starb bald, und fortan bangten die Mutter und Hanni um Oskar, der an der Front für Nazideutschland kämpfte.

„Ich stehe vor Ihnen, um zu bezeugen, dass nicht alle Deutschen Mörder waren.“

Nach der Befreiung zog Hanni nach Paris zu Onkel und Tante und heiratete 1948 den Maler und Tapezierer Ernst Jakob Lévy. 1952 kam der Sohn René und 1957 die Tochter Nicole zur Welt. Und bald setzte sich Hanni für Viktoria Kolzer ein, bei der sie damals so lange untergekommen war: Sie sollte als „Unbesungene Heldin“ geehrt und mit einer Zusatzrente ausgestattet werden.

Hannis Mann starb 1989; von da an widmete sie sich ganz dem Gedenken und der Erinnerung an die düstere Zeit, die sie mit so viel Glück überlebt hatte. Seit 2005 gibt es im Schöneberger Rathaus eine Ausstellung über jüdische Schicksale in der Nazizeit, „Wir waren Nachbarn“. Darin wird auch Hannis Geschichte erzählt. Und eben dort wurden Claus Räfle und Alejandra López auf Hanni aufmerksam, als sie für ihr Dokudrama „Die Unsichtbaren“ recherchierten. Im Jahr 2009 machten sie Filmaufnahmen mit ihr in der Nollendorfstraße 28, was einige Bewohner mitbekamen und Bekanntschaft und schließlich Freundschaft mit der alten Dame aus Paris schlossen. Heute erinnert eine Gedenktafel am Seitenflügel an ihre Rettung und zwei weitere an der Straßenfront des Hauses an die Familie Kolzer. Bei den Einweihungen war Hanni Lévy selbstverständlich dabei und hielt Reden.

Am 27. Januar 2018, dem Gedenktag der Auschwitz-Befreiung, sprach sie auf Einladung von Claudia Roth auf dem Parteitag der Grünen in Hannover: „Ich stehe vor Ihnen, um zu bezeugen, dass nicht alle Deutschen Mörder waren.“ Am 26. Juni 2018 war sie in Begleitung ihrer Tochter zu Angela Merkel ins Bundeskanzleramt geladen.

Freunde in aller Welt hatte Hanni Lévy schon lange, aber die wohl intensivsten Beziehungen entstanden nach Berlin. Das Lied von der Krummen Lanke konnte sie bis zum Schluss strophenweise rezitieren. Wenn sie deutsch sprach, hörte man ihr an, wo sie einst aufgewachsen war.

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