Nachruf auf Hartmut Schönfuß (Geb. 1953) : Ausbruch nach innen

Ein Schreibtischheld, der einsam Großes vollbrachte. Und der, sobald er es sich leisten konnte, in die Ferne reiste.

Esther Kormann
Hartmut Schönfuß (1953-2019)
Hartmut Schönfuß (1953-2019)Foto: privat

Genau genommen waren es zwei, die da vor zehn Tagen zu Grabe getragen wurden: Hartmut, der stille, penibel arbeitende Schreibtischheld. Und Hartmut, der neugierige Freigeist und Weltreisende. Der eine, stets akkurat in Hemd und Jackett gekleidet, zog aus seiner ledernen Aktentasche dicke Manuskripte, mit Schnipsgummi zusammengebunden und mit sorgfältigen Korrekturen versehen. Der andere, ausgestattet mit einer bunten Kappe auf dem Kopf, zog aus derselben Aktentasche eine Flasche Rotwein, war gesellig, hatte Freunde überall in Deutschland, überall auf der Welt. In fast jeder Ecke der Welt ist er gewesen, in ganz Europa sowieso, in Afrika, Asien, Südamerika.

Der Hartmut mit der bunten Kappe sehnte sich nach einer bunten, unbekannten Welt. Er sparte all sein Geld, viel war es nie, um möglichst lange unterwegs zu sein. Alles andere war nicht so wichtig. In seiner Wohnung steht noch das Küchenbuffet aus seiner Studentenzeit.

Der Schreibtischheld liebte die Einsamkeit und konnte nächtelang lesen, lesen, lesen.

Seine Mutter war gestorben, da war er gerade erst vier Jahre alt. Der Vater, ein Handwerker, hatte seine Mühe, die Kinder durchzubringen, da tauchte Hartmut ein in die tröstliche und sichere Welt der Bücher. Erst verzauberten sie ihn, dann trieben sie seinen Geist voran. Er studierte in Leipzig Bibliothekswissenschaften, in der DDR ein Fach für viele, die nicht das Leben führen wollten, das der Staat für sie geplant hatte. Ein Ausbruch nach innen, geistige Fernreisen in staubigen Räumen. Und der stille Hartmut lernte die Leute kennen, die die Bücher machten: Setzer, Grafiker, Schriftsteller. Nach dem Studium arbeitete er im Slawistiklektorat beim Verlag „Volk und Welt“, später als Redakteur bei der Zeitschrift „Neue Deutsche Literatur“. Über die Jahre entwickelte er eine seltene Meisterschaft, wenn es um Genauigkeit in der Sprache ging, um komplizierte Literaturnachweise, Anmerkungsapparate, überholte Schreibweisen, grammatikalische Spezialfälle. Autoren und Lektoren suchten seinen Rat, und er gab nicht nur die Regel wieder, sondern er dachte sich in den Text hinein, erklärte die Dinge in ihrem Zusammenhang. Der zurückhaltende, lesende Hartmut hatte seine Nische gefunden und wurde dafür hochgeschätzt, nicht zuletzt von den Schreibhelden vom Prenzlauer Berg. Mit Adolf Endler verband ihn eine tiefe Freundschaft, die andauerte, nachdem der Systemabsturz die alten Verlage zerstört und seinen Job überflüssig gemacht hatte.

Die Welt lag vor ihm

Während der besonnene Leser sich mühsam eine neue Existenz als freier Korrektor aufbauen musste, kam dem abenteuerlustigen Hartmut der Mauerfall gerade recht. Die Welt lag vor ihm, er war bereit, sie sich genau anzusehen. Wenn er heimkehrte, vom Pazifik, vom Atlantik, aus den Bergen, dann trug er die Musik der fernen Länder in sich. Tagsüber arbeitete er still für die Verlage, las Korrektur bis seine Augen rot wurden, abends aber trank er gerne was, legte sich eine CD ein und bewegte sich rhythmisch durch die Wohnung, tanzte ganz für sich.

Er war schon Anfang 50, nicht unbeliebt bei den Frauen, aber noch immer unbehaust, da verschlug es ihn in ein kleines Dorf auf der Insel Flores, Indonesien. Die Einwohner waren arm und herzlich. Sie feierten ein Fest mit Volkstänzen – und mittendrin: Paulina. Sie wollte ihm Tücher verkaufen, er war Tourist, Touristen aus Europa lieben indonesische Stoffe. Doch Hartmut wollte nichts kaufen, er wollte sich mit ihr unterhalten, wollte wissen, wie sie lebt, was sie bewegt. So einen Touristen hatte sie noch nie getroffen. Ein langes Gespräch entstand, das nie mehr aufhören sollte.

Als Hartmut wieder in Berlin war, rief er Paulina jeden Sonntag um dieselbe Uhrzeit an. Es gab noch keine Handys und im Dorf nur ein Telefon im Hotel, wo sie seinen Anruf erwartete. Hartmut wurde für Paulina ein vertrauter Begleiter, er teilte ihre Sorgen und schickte ihr Geld, wenn er hörte, dass jemand krank war. Nach zwei Jahren gelang es ihm, Paulina nach Berlin zu locken. Sie hatte bisher kaum ihr Dorf verlassen und war noch nie geflogen. Ein großes Abenteuer begann, für beide.

Hartmut wurde ein später Vater, sein Sohn Lionel ist jetzt neun, seine Tochter Anneli gerade vier. In der kleinen Plattenbauwohnung in Prenzlauer Berg riecht es nach Gewürzen, es gibt eine Couch, die mit einem bunten Tuch bedeckt ist. Seine Freunde und Bekannten waren alle ein bisschen überrascht, dass Hartmut, der Reisende und Schreibtischmensch, eine Familie gründete. Der stille Hartmut und der mit der bunten Kappe, sie beide wussten schon immer, so scheint es jedenfalls, dass dies ihre eigentliche Erfüllung ist. Und sie würden am liebsten immer noch jeden Morgen Paulina, Lionel und Anneli aus dem Fenster hinterher winken, wenn sie sich aufmachen, hinein in den Tag voller Abenteuer oder Dinge, für die es der Ruhe bedarf.

Ohne jede Vorwarnung ist Hartmut an einem Herzinfarkt gestorben.

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