Nachruf auf Karl A.S. Meyer (geb.am 10. Mai 1958) : "Es ist ein bisschen anders..."

Improvisieren und improvisieren lassen. Sein Motto: Nichts muss, alles kann. Der Nachruf auf einen, der erstaunlicherweise Lehrer wurde.

Karl A.S. Meyer (1958-2019)
Karl A.S. Meyer (1958-2019)Foto: privat

Er mochte keine Imperative, er lebte sie: Tritt heraus aus dem Gewöhnlichen! Darin hat er sich früh geübt. Drei Abiturarbeiten – ein Experiment, keinesfalls zum Nachahmen geeignet. Die erste schrieb er nüchtern, die zweite leicht angeheitert, die dritte bekifft. Alle drei Arbeiten wurden mit Gut bewertet, was letztlich nicht viel mehr bewies als den unbedingten Willen des Probanden, sich zu erproben. Unangenehmere Folgen hatte sein Freiheitsdrang, als er von der Polizei nachts im Auto der Eltern mit seiner Freundin erwischt wurde, da war er 16 und der Führerschein in weiter Ferne.

Nach dem Abitur ist er einige Monate durch die USA getrampt, mit wenig Geld in der Tasche, aber dem Mumm, ein feines Restaurant nach dem Essen auch mal grußlos durch die Hintertür zu verlassen. Auch seine Ausbildung zum Tischler war ein Wagnis, denn eigentlich war er Musiker. Aber die größte Mutprobe von allen war, dass er das tat, was er niemals hatte tun wollen: Er ergriff den Beruf seiner Eltern und wurde Lehrer. „Er ist Lehrer, aber für Musik und Darstellendes Spiel. Es ist ein bisschen anders … “, sagte die jüngere Tochter immer entschuldigend, wenn es galt, den Vater ihren Freundinnen vorzustellen.

„Sie machen doch was Schönes?“

„Ein bisschen anders“, das sahen die Kollegen auch so, und sie sahen es nicht gern, denn in den Augen der gereifteren Pädagogen produzierte der junge Mann nur eine Menge didaktischer Seifenblasen. Aber sein Improvisationstheater begeisterte die Schüler, und es sprach sich herum, dass hier einer neue Wege in der Kunsterziehung beschritt, und so kündigte sich eines Tages die Schulsenatorin persönlich an. „Sie machen doch was Schönes?“, bat ihn die Rektorin, und natürlich stimmte er zu. Als die Stunde der Aufführung kam, und sich die Senatorin eingefunden hatte, sowie die Rektorin und viele Kollegen, traten acht Schüler auf die Bühne – und nichts geschah. Minutenlange Stille. Rascheln und Raunen. Bis plötzlich alle acht Schüler ihr Pustefix-Döschen hervorzogen und eine bunte Wolke aus Seifenblasen in Richtung Publikum bliesen. Die Senatorin war entzückt.

Über 20 Theateraufführungen und Musicals hat er mit seinen Schülern im Lauf der Jahre erarbeitet und bei den Proben nie befohlen, stets nur ermuntert: „Dann mach doch mal einfach … “ Improvisieren ist erlebte Freiheit. Die rustikale Aufforderung „Geh mehr aus Dir heraus“ verschreckt die meisten, es sei denn, es gibt einen geschützten Raum, wo noch der Schüchternste und Verletzlichste auf den Spielleiter vertrauen kann. Niemals bloßstellen. Seine Schüler haben ihm vertraut und ihn verstanden. Und sie spürten, worauf es ankam, als er selbst vor seiner schwersten Prüfung stand. Mit dem Stück „Loslassen“ haben sie ihn in den vorzeitigen Ruhestand verabschiedet.

Im Angesicht des Todes lässt es sich schwer improvisieren. Die Diagnose: MSA, Multisystematrophie, alles gerät außer Kontrolle. Innerhalb weniger Jahre geht dem Geist der Körper verloren, unwiederbringlich. Er, der auf Partys berüchtigt war für seine tänzerisch sehr ambitionierten Schrittfolgen, musste auf einmal zum Stock greifen. Der therapeutische Rat folgte prompt: „Inszenieren Sie das doch.“ Und so griff er den Stock fortan nicht wie eine Krücke, sondern schwang ihn in besseren Momenten wie ein Theaterrequisit. Die mitleidigen Blicke der Passanten – wenn er zu lallen begann, und jeder glaubte, er sei betrunken – nahm er als die unvermeidliche Hilflosigkeit des Publikums, welches das Stück noch nicht begriffen hat. Er konnte sich amüsieren bis zuletzt, denn war es nicht eine absurde Tragödie, dass ein so körperlich denkender Mensch wie er, seine Gesten einfach nicht mehr unter Kontrolle bekam? Er konnte kein Instrument mehr halten. Als der Gehstock nicht mehr stützte, ließ er sich in ein dreirädriges Liegerad nieder, und als auch das nicht mehr ging, fuhr er im Rollstuhl zum Yoga.

Früher war Improvisieren ein großer Spaß gewesen, auch im Privaten. Indem er alles Mögliche verlor und vergaß, bevorzugt Portemonnaies mitsamt Ausweis, schuf er immer wieder Situationen, in denen er sich neu beweisen konnte. Er beglückte andere, indem er 4730 Euro überwies anstatt der geforderten 47,30 Euro, und er ließ sich selbst immer wieder davon überraschen, wie beharrlich Banken auf der Rückzahlung von Überziehungskrediten bestanden.

Ein Leben, so beschrieb er es selbst, „in dem man sich nie sicher, aber dennoch wohlfühlen kann“. Schließlich ging immer alles irgendwie glimpflich aus. Denn so gern er improvisierte, so verlässlich war er anderen zugewandt – und die anderen ihm. Die Freunde standen ihm bei, wann immer er sich in eine missliche Situation manövrierte. Die drei Kinder halfen ihm in Erziehungsfragen, insbesondere wenn es darum ging, Autorität zu entwickeln. Denn so aufregend es war, wenn der Vater trotz roter Flagge und hohem Wellengang in die Gischt hineinstürmte, die Tochter an der Hand, so nah war sein Tun zuweilen an der Verantwortungslosigkeit. Die Kinder gewannen großen Mut durch sein Vorbild, aber sie vermissten zuweilen die klare Grenze, die jugendlichen Leichtsinn von Unvernunft trennt. Vor allem die beiden Töchter erinnerten ihn von Zeit zu Zeit an seine erzieherische Richtlinienkompetenz. Es ist keine Hilfe, wenn sich Heranwachsende immer wieder fragen müssen: „Was können wir eigentlich tun, damit er endlich ,Stop!’ sagt?“

Der Abschied als Inszenierung

Er konnte schwer einen Punkt setzen. Auch bei seiner Dissertation nicht, an der er annähernd zehn Jahre gearbeitet hat unter großzügiger Vernachlässigung von Zeichensetzung und Rechtschreibung. „Improvisation als flüchtige Kunst“, ehrgeizige 600 Seiten, für die er viel aufgab. Die Ehe zerbrach nicht zuletzt daran, dass er in dieser Zeit stets an sich selbst zuerst dachte.

Die Kinder gingen ihm nicht verloren. Auch nicht in der schweren Zeit der Krankheit, auch nicht, als es zu Ende ging. Denn mehr noch als die Wut und die Trauer über den Abschied ließ er andere die Freude spüren, dass er gelebt hatte. Und weiterleben würde. Er war gläubig, wobei er beiden Seiten Raum für Improvisation ließ. Sein Gebet zu Gott – wer auch immer diese Rolle einzunehmen gedachte, da legte er sich vorab keineswegs fest – war wenig fordernd. „Nichts muss, alles kann!“ Aber in einem war er sich absolut sicher: „Dass es mich irgendwohin trägt.“

Entsprechend ruhig inszenierte er seinen Abschied. Das erste Mal in seinem Leben übernahm er sehr resolut die Regie. Alles war abgesprochen mit den Kindern, denn sie sollten nicht auch noch über Formalitäten grübeln müssen. Die Art der Beerdigung, den Ort der Bestattung, ruhig, im Grünen auf dem Waldfriedhof, alles sprachen sie ab. Wer wird eingeladen, welche Musik wird gespielt, welche Reden, welcher Whiskey zum letzten Salut. Die Kinder waren mit ihm bis kurz vor seinem Tod, dann schickte er sie nach Hause. Die Ärzte im Hospiz hatten ihn sediert, aber nur leicht, das kann Tage dauern, hieß es, aber er kürzte den letzten Akt. Ruhig schlief er ein, erwachte sehr klar am nächsten Morgen und bat die Pflegerinnen hinauszugehen. Er wollte allein sterben.

Und wusste genau, was in den Stunden nach seinem Tod geschehen würde. Die Kinder würden dann kommen, ihm seinen einäugigen Kuschelbär in die Arme drücken, der ihn von Kindesbeinen an beschützt hatte, und sie würden ihn gemeinsam in den Sarg legen, elegant im Sakko und mit Seidenschal, und ihn ins Krematorium begleiten, wo die Urne stand, von seiner älteren Tochter bemalt.

Und die Musik? In der Nacht vor seinem Tod saßen die drei Kinder beisammen und hörten immer wieder den Song, der ihn selbst oft genug zu Tränen gerührt hatte, „Wish You Were Here“. Bei der Beerdigung ging vielen seiner Schüler und Freunde noch ein ganz anderes Lied von Pink Floyd durch den Sinn: „Shine On You Crazy Diamond“.

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