• Nachruf auf Karl Dietrich Gräwe (Geb. 1937): Die Sprache: eine Entfesselung des Gedankens

Nachruf auf Karl Dietrich Gräwe (Geb. 1937) : Die Sprache: eine Entfesselung des Gedankens

Warum muss Falstaff fett sein? Was ging in Mozarts Kopf vor? Der Nachruf auf einen Musikerklärer, der Manuskript und Stichworte nicht brauchte.

Karl Dietrich Gräwe (1937-2019)
Karl Dietrich Gräwe (1937-2019)Foto: privat

„Die Sprache ist keine Fessel, etwa wie ein Hemmschuh an dem Rade des Geistes, sondern wie ein zweites, mit ihm parallel fortlaufendes Rad an seiner Achse. Etwas ganz anderes ist es, wenn der Geist schon, vor aller Rede, mit dem Gedanken fertig ist.“ Schrieb Heinrich von Kleist. Hätte Karl Dietrich Gräwe ähnlich sagen können. Sein Geist war nie vor aller Rede fertig, die Sprache eine Entfesselung des Gedankens.

Er sprach zum Beispiel über Verdis „Falstaff“ auf „Deutschlandfunk Kultur“, und während er sprach, verfertigte er allmählich einen ganzen Kosmos. Am Beginn Fragen. Warum muss Sir John Falstaff fett sein? Warum darf die Stimme des Bariton aber nicht fett klingen? Aufnahmen unterschiedlicher Interpreten folgten, alte knisternde, klare aktuellere. Anekdoten, zu jenem Sänger, diesem Dirigenten. Ausgedehnte Betrachtungen kurzer Szenen. Das Orchester, die einzelnen Instrumente, alles miteinander verwoben.

Er erzählte die Musik. Mit seiner klangvollen Stimme, im Wechsel gehoben, gesenkt, in melodiösem Rhythmus, ohne einen Augenblick aufgesetzt zu wirken. Dafür geistreich, präzise. Keine gebrauchsfertigen Verallgemeinerungen. Gedanken, die in einem Prozess während des Erzählens entstanden. Alle frei vorgetragen, ohne Manuskript, ohne ein einziges Stichwort, denn das hätte bedeutet, dass sie zuvor schon eingeschränkt, erledigt gewesen wären.

Das Erzählen konnte dauern. „Entführung in die Musik“ hieß eine Radiosendung des RBB, die 53 Teile, das gesamte Mozartjahr 2006 hindurch, umfasste. Gemeinsam mit dem Musikwissenschaftler Michael Stegemann streifte er durch Mozarts Werk, Sonntag um Sonntag, die Zeit dehnte sich, ohne lang zu werden, es war, als tauchten sie und mit ihnen die Zuhörer tiefer und tiefer hinein in des Komponisten Kopf. Und bekamen dafür den „Deutschen Kritikerpreis“.

Das älteste Radioehepaar

Zusammen auch moderierten sie über 25 Jahre die „Klassik-Diskothek“, verglichen einmal im Monat verschiedene Interpretationen ein und desselben Stücks. Eines bekannten oder eines vergessenen oder eines zumeist als Zumutung empfundenen zeitgenössischen, das den Hörern, nachdem „das älteste Radioehepaar“, so Karl Dietrich Gräwe, das Unhörbare durch ihre streng-spielerischen Betrachtungen in ein anderes, neues Hören verwandelt hatte, gar nicht mehr so unzumutbar erschien.

Hatte es das Musische schon immer in seinem Leben gegeben? Ja und nein. Vom Vater hab ich die Statur, / Des Lebens ernstes Führen, / Vom Mütterchen die Frohnatur / Und Lust zu fabulieren. Der Vater führte eine Armaturenfabrik in Bielefeld, die Mutter hielt sich Liebhaber, reiste mit überaus gesunder Lunge von einem Lungensanatorium zum nächsten, und weilte sie einmal zu Hause, ging sie ins Theater und die Oper, wohin sie Kadi, wie man ihn nannte, dann und wann mitnahm.

Doch Kadi wollte weder diesen Namen tragen noch die Fabrik führen noch in Bielefeld bleiben. Seine Verwandlung begann: von Karl Dietrich und Kadi zu Carlo. Er liebte Italien, die Musik, das Essen, die Sprache, die er bald beherrschen sollte, als hätte er sie schon immer gesprochen. Erste Station: München, schon entschieden südlicher, wo er sich an der juristischen Fakultät einschrieb. Doch die Münchner Musikveranstaltungen, Opern, Theater, Museen zeigten ihm, was er tatsächlich wollte. Er schwenkte um auf Musik- und Theaterwissenschaften und Germanistik. Schrieb seine Dissertation über Richard Strauss. Wurde Dramaturg an der Hamburgischen Staatsoper und Chefdramaturg an der Deutschen Oper Berlin. Und sprach. Im Radio – und vor Aufführungen in der Philharmonie. In einer Galerie während einer Vernissage war kein Redner einbestellt. Also erklomm er in schneller Geschicklichkeit den obersten Tritt einer Leiter und türmte, hoch über den Köpfen, aus dem Stegreif einen kunstvollen Satz auf den nächsten.

Im Hin und Her von These und Antithese

So viele Worte. Und doch so wenige, die nachzulesen sind. Als entzögen sich die fertigen Gedanken auch noch nach seinem Tod. Stets in Bewegung. Wie sein Körper. Lieber lebte er im Zug, in einer Pension, im Restaurant. Diese Anekdote vom Bodensee: Carlo und seine Frau übernachteten in einem Hotel. Am folgenden Morgen, sie wollten weiter, fragte sie: „Wo ist denn dein Gepäck?“ – „Ach das“, antwortete er, „das lass’ ich immer im Schrank.“ Und kaufte sich in der nächsten Stadt etwas Neues.

Sprechen jedoch, das bleibt nicht aus, kann auch das Maß sprengen. Aus lauter Lust verstieg sich Carlo ab und an in das Hin und Her von These und Antithese. Seine Stimme verlor dann das Sanfte. Wobei sich eine kritische in eine komische Situation kehren konnte: Streit zu Hause, wo unablässig Opernarien aus seiner immensen Plattensammlung in alle Räume schallten. Zu viel!, sagte seine Frau, eins führte zum anderen, bis er wutschnaubend die Wohnung verließ. Sie schaltete erschöpft den Fernseher ein und glaubte, Darstellerin in einer Farce zu sein. Denn auf dem Bildschirm erschien Carlo, er sprach über Opern. Sie lacht, während sie davon erzählt.

Die Ehe hielt nicht, aber die Freundschaft. Und auch wenn er nicht unbedingt der häusliche Typ war, war er für seine beiden Töchter immer da.

Freundschaft, er füllte das Wort tatsächlich aus. Eine dieser Freundschaften formte aus dem Sprechen dann doch noch ein Schreiben. Gemeinsam mit dem italienischen Dirigenten und Komponisten Giuseppe Sinopoli entstand die zweiaktige Oper „Lou Salomé“, Sinopoli schrieb die Musik, Carlo das Libretto. Sie saßen beisammen, redeten, kochten, tranken, abendelang, nächtelang. Bis diese Frau, Lou Andreas-Salomé, Philosophin, Psychoanalytikerin, Muse, als Bühnenfigur vor ihnen entstand. Diese Frau, die umgeben war von Nietzsche, Rilke, Reé, Freud und ein selbstständiger Geist blieb.

Die Premiere 1981 an der Bayerischen Staatsoper München erhielt ungnädige Besprechungen. Unaufführbar, rügte das Feuilleton. „Lou Salomé“ blieb die einzige Oper, von beiden.

Doch 2012, drei Jahre, bevor Carlo erkrankte, ein Unfall beim Aussteigen aus einem Bus, Schlaganfälle, wurde das Werk für die Eröffnung der Opernsaison in Venedig wiederentdeckt. Dieses Mal ein Erfolg.

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