Nachruf auf Karl-Heinz Rauch (Geb. 1933) : Geschenkt kriegt man gar nichts

Alles sollte so sein, wie er es wollte, Annäherungen genügten nicht. Dafür hatte er das alles nicht erduldet. Nachruf auf einen, der das Beste draus machte.

Karl-Heinz Rauch 2014 auf dem Brauneck in den bayrischen Bergen.
Karl-Heinz Rauch 2014 auf dem Brauneck in den bayrischen Bergen.Foto: privat

Manchmal kommt das Glück erst mit dem zweiten Anlauf. Oder mit dem dritten. Und geschenkt kriegt man gar nichts. Sein Start ins Leben missglückte: 1933 geboren, da war schon die Geschichte nicht auf seiner Seite. Während Deutschland sich auf den Weg ins Verderben macht, verbringt Karl-Heinz sein erstes Jahr im Kinderheim: Die Mutter ist 17, als sie ihn gebiert. Mit dem Vater ist sie nicht verheiratet. Ein Foto, aufgenommen in dem Heim bei Görlitz, zeigt ihn im Arm einer Schwester. Er wird es bis zuletzt immer bei sich tragen.

Er hat das Beste daraus gemacht, könnte man sagen. Erfolgreich in einem Beruf, den er nie ergreifen wollte: Starkstromingenieur bei der Reichsbahn, dann Vertreter bei der Eisenbahnversicherung. Drei Kinder, die es alle besser haben, als er damals. Nachdem seine erste Frau nach vielen Jahren schwerer Krankheit gestorben war, hat er nochmal die Liebe gefunden. Die hielt bis zum Schluss.

Die vielen Leben, die er nicht gehabt hatte: als Opernsänger, als Uhrmacher, als Zahnarzt

Er bewunderte Menschen, die etwas besonders gut konnten. Und er liebte es, Dinge zu reparieren, besser zu machen. Wahrscheinlich schmeckte ihm das Frühstücksbrötchen wirklich besser, wenn er es mit dem Messer schnitt, das er zuvor perfekt geschliffen hatte. Es musste überhaupt alles so sein, wie er es wollte, das spürten auch seine Kinder und Enkel, von denen er viel erwartete. Annäherungen genügten nicht, dafür hatte er das alles nicht erduldet, die Schläge und Demütigungen des Vaters, die Ausbildung, die er gar nicht machen wollte, die harte Arbeit als Versicherer, vor allem abends, wenn die Leute zu Hause waren. Und die vielen Leben, die er nicht gehabt hatte: als Opernsänger, als Uhrmacher, als Zahnarzt.

Da ist es doch verständlich, dass ihm das Lachen oft schwer fiel. Jahrelang versuchte sein Sohn ihn zu überreden, gemeinsam seinen Lieblingsfilm „Das Leben des Brian“ anzuschauen. Der lief immer mal wieder im kleinen Kino am Bundesplatz. Als sie endlich vor der Leinwand saßen, schmunzelte Karl-Heinz an zwei oder drei Stellen leicht.

„So gut beraten wie ich damals kann man heute gar nicht mehr“

Sein eigener Vater hatte ihn nicht aufs Gymnasium gehen lassen; das verzieh er ihm nie. Er ging dann zur Reichsbahn, machte sich gut, sollte studieren, nämlich in Dresden an der Verkehrsschule. Das Studium dort brach er ab, weil er Wahlen manipulieren sollte. Außerdem machten seine Eltern, daheim in West-Berlin, Druck. Sie wollten, dass er endlich Geld verdiente.

In Dresden hatte er immerhin seinen besten Freund kennengelernt; und er hatte nicht viele. Der Freund hieß ebenfalls Karl-Heinz, und später konnte nicht einmal die Mauer die beiden trennen.

Karl-Heinz kommt also zurück nach Berlin, arbeitet weiter bei der Bahn, leitet irgendwann das Bahnbetriebswerk Papestraße, unter ihm 200 Männer, die allesamt viel älter sind als er. Nach ein paar Jahren vermittelt ihm sein Vater einen Job bei der Eisenbahnversicherung. Die Menschen vertrauen ihm, er wird von Kunde zu Kunde weiterempfohlen. „So gut beraten wie ich damals kann man heute gar nicht mehr“, wird er später sagen. In seinem Element aber ist er immer sonntags, wenn er beim „Klingenden Sonntagsrätsel“ mitsingt, so laut, dass seine Stimme bis auf die Neuköllner Schillerpromenade hinausdringt. Auf dem Tempelhofer Feld starten und landen noch die Flugzeuge, auf den Fenstersimsen hinterlassen sie eine Rußschicht.

Über eine Kontaktanzeige im Tagesspiegel lernt er Gabriele kennen

Als Karl-Heinz’ Frau an Krebs erkrankt, sucht er nach den besten Ärzten und Behandlungsmethoden, die Familie zieht ins Grüne, in ein Haus in Buckow. Nach neun Jahren stirbt Jutta.

Nur zwei Jahre später, er ist jetzt 53, kommt das Glück ins Spiel. Im Tagesspiegel stößt er auf Gabrieles Kontaktanzeige: „Frau ohne Mann sucht Mann ohne Frau“. „Liebe Frau ohne Mann“, schreibt er ihr und lädt sie zum Italiener in Steglitz ein. Als sie vom Tisch aufsteht, klagt sie über Muskelkater. „Von der Skigymnastik.“ Karl-Heinz liebt das Skifahren! Jedes folgende Jahr fahren sie für drei Wochen nach Colfosco in den Dolomiten. Wenn Karl-Heinz auf der Skihütte ein Lied anstimmt, verstummen alle anderen Gäste.

Und noch etwas macht er mit Leidenschaft: Autofahren. Viel zu schnell, klagt Gabriele, die tausendmal droht, nie wieder in seinen Mercedes zu steigen. Und es doch immer wieder tut, auch an jenem Tag im Jahr 2016, der der „Anfang vom Ende von Karl-Heinz“ war, wie sie später sagen wird. Ein Unfall auf der Autobahn, sie glaubt an Sekundenschlaf, er behauptet, in die Leitplanke gedrängt worden zu sein. Von da an geht es bergab mit ihm, der schon seit 40 Jahren Diabetiker ist. Im Juni 2017 wird der Darmkrebs diagnostiziert, im Januar 2018 stürzt er in ihrer Wohnung am Bismarckplatz und bricht sich einige Halswirbel. Im März entdecken die Ärzte Metastasen. Der letzte Wunsch bleibt ihm verwehrt: seinen 85. Geburtstag erlebt er nicht mehr.

Die Nachrufe der vergangenen Wochen lesen Sie hier

Der neue Morgenlage-Newsletter: Jetzt gratis anmelden!