Nachruf auf Martin Barber (Geb. 1965) : Im Geflecht

Er hatte sich eingerichtet zwischen seinen Büchern. Eines Tages kam ein Brief, die Nachricht: Du musst raus aus deiner Wohnung

Tobias S. Kaiser
Friedhof Pankow I an der Kreuzstraße in Berlin-Pankow.
Friedhof Pankow I an der Kreuzstraße in Berlin-Pankow.Doris Spiekermann-Klaas

Man könnte lange suchen in diesen Stapeln von Bücherkartons. Man könnte fahnden nach einer auf den Rand einer Seite geschriebenen Notiz, einem Zettel mit einer Anmerkung, nach etwas, das er selbst dazugegeben hat. Ob man ihn, Martin, darin fände?

Mitten in den Harz hatte er die Kartons schaffen lassen, ein letzter Umzug. Lastwagen , gefüllt mit ungezählten Kisten voll unzählbarer Bücher. Es waren tausende. Seine ganze Wohnung bestand aus Regalen. Ein Labyrinth, in dem man verloren gehen konnte. Es war, als hätte er die alten Wände durch neue ersetzt, errichtet aus Gestellen, Brettern und Borden, gefüllt mit bedrucktem Papier, und zwischen den Büchern Bilder und Nussknackerfiguren.

Bald jeden Tag kam etwas hinzu. Fragte ihn jemand, ob er sich noch zurecht fände, zog er ein Buch aus dem Regal oder nahm eine Figur in die Hand und erzählte eine kleine Geschichte. Und wenn er das Buch oder die Figur wieder zurückstellte, legte er jedes Mal einen Teil von sich selbst zurück.

Mit der Zeit entstand in dieser Wohnung in der Winsstraße, Prenzlauer Berg, ein Gespinst von Martins Leben. Dieser große, feste Mann, ein Leben lang hat er sein dingliches Geflecht gebildet und sich darin eingerichtet. Es schien, als flüsterte Martin selbst aus seinen Sachen. „Ich lebe in einer Höhle, zusammengeschraubt, mit Bücherregalen verleimt, geheftet mit Holzfiguren“, sagte er.

Mit Holz hatte er auch begonnen. Hatte eine Ausbildung zum Tischler gemacht, beim Zirkus „Busch“ gearbeitet, im „Potsdam Museum“. Doch genügte ihm das nicht, immer nur die Hände, viel zu wenig Kopf. Er holte sein Abitur nach und studierte Germanistik und Philosophie. Er schrieb, Lyrik, Kurzprosa, Essays, „gebärden & gebrechen“, „entwurzelte verstecke“, „Buch, Ordnung und Religion“, fertigte Linolschnitte zu den Texten. Schrieb Kinderbücher, eine Reihe um einen Jungen mit dem Namen Täve, die seine Frau, mit er der drei Töchter hatte, bunt illustrierte. Den eigenen Arbeiten folgten bald Arbeiten für andere, denn das freie Schaffen stockte. Eines jedoch gelang ihm: Das, was man für sein Leben hielt, das hatte er selbst hergestellt, ein Gefüge aus Büchern und Dingen.

Seine Ehe löste sich auf. Er litt. Er las, er dachte nach. Saß da und rauchte. Während dieses Abends etwa: Eine größere Runde, noch größere Erregung, man diskutierte über einen Fall von Misshandlung, Leute riefen, man müsse den Täter auf der Stelle entmannen, zack, kurzer Prozess. Martin hörte zu. Bis eine Erregungsspause entstand, in die hinein er sagte, sehr ruhig: „Dieser Gewalttätige sehnt sich im Grunde nach Zärtlichkeit.“ Alle schauten ihn an. Er sog an seiner Pfeife. Es ging ihm nicht darum, diesen Mann zu verteidigen, nicht im Entferntesten. Es ging ihm darum, etwas anderes zu denken, als das, was man ohnehin denkt.

Wann er sich wohl diese Pfeife angeschafft hatte? Niemand wusste es genau, aber irgendwann war sie da, in seiner großen Hand. Ohne dieses Requisit hätte er sich nicht aus dem Haus bewegt. Der Geruch von Tabak umwehte ihn unentwegt. „Das da ist der Pfeifen-Martin“, sagten die Leute. Vielleicht wollte er genau so genannt werden.

Eines Tages kam ein Brief, die Nachricht: Du musst raus aus deiner Wohnung. Er hat gewusst, dass es so kommen würde und sich einen Moment lang tatsächlich vorgestellt, ein anderes Leben könne doch noch auf ihn warten. Er kaufte ein Haus mitten im Harz, schloss Verträge, fand eine Umzugsfirma. Er packte alles ein, es dauerte Wochen, Monate. Dennoch, bis zur letzten Kiste hoffte er, dass sich vielleicht noch alles wenden würde, er in Berlin bleiben könnte, denn letztlich wäre er doch gern er selbst geblieben. Aber es wendete sich nichts. Er sah den Lastern hinterher, da fuhren sie also davon.

Jemand aus seiner Straße beschrieb ihn so: „Begegnete man Martin, war es, als sagte er: ‚Komm näher und schau, du wirst merken, wenn du zu nahe bist. Ich werde dich nicht wegstoßen, aber wenn du mich nicht mehr ganz sehen kannst, bist du zu dicht dran.’ Dann trat man einen Schritt zurück und betrachtete ihn von Neuem.“

Ein Jahr, nachdem er Berlin verlassen hatte, entschied er sich. Er würde alle diese Kartons, die sich seit Monaten unangerührt um ihn stapelten, nie wieder auspacken. Wie hätte er auch, wie hätte irgendjemand das alles wieder zusammensetzen können? Er konnte es nicht. Er ging auf den Dachboden und brachte seine Geschichte zu ihrem Ende.

Wo ist die Pfeife geblieben? Man hat sie ihm mitgegeben, der allerletzte Umzug, ganz ohne seine Kisten.

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