Nachruf auf Michael Russell (Geb. 1949) : Wenn es Applaus gibt: „Nicht doch“

Kunst möchte er studieren. Der Vater setzt sich durch mit Jura. Mit 40 findet er seine Erfüllung in etwas völlig anderem. Nachruf auf ein umwegreiches Leben

Michael Russel (1949-2019)
Michael Russel (1949-2019)Foto: privat

Sein Vater setzt große Hoffnungen auf Michael. Der älteste Sohn soll den Holzhandel übernehmen und der Familie Ehre bringen. Dafür muss Michael lernen, wie er seine Ellbogen ausfährt, wie er richtig verhandelt und rechnet, überhaupt wie man erfolgreich ist. Natürlich schickt der Vater den Sohn auf das altsprachliche Gymnasium, so wie sich das gehört für eine alteingesessene Bremer Kaufmannsfamilie, in der einer der Großväter es bis zum Senator geschafft hatte.

Doch was macht der Sohn? Er träumt gerne und liest viel. Auf gute Noten gibt er wenig, auf Ellbogen ebenso. Michael ist lieber lieb, als sich mit seinen Mitschülern zu prügeln. Er steht am Rand, er springt nicht in die Meute. Sein Vater will, dass er Klavier lernt. Das tut Michael auch, aber nicht nach Noten. Er improvisiert. Das kann er richtig gut, Jahre später setzt er sich in Restaurants oder auf Kreuzfahrten ans Klavier, legt los und alle sind erstaunt. Wenn es Applaus gibt, hebt er lässig die Hand: „Nicht doch.“

Muss der Vater für Geschäftsreisen nach Amerika, nimmt er seine Söhne mit zum Hafen. Dort dürfen sie aufs Schiff, die Kabine anschauen, an Deck gehen, bevor der große Dampfer ablegt. Michael und sein Bruder sammeln alles, was mit Passagierschiffen zu tun hat, Deckpläne, Speisekarten, Routen, Fahrkarten. Michael setzt das fort, auf Flohmärkten, später auf Ebay. Am Ende seines Lebens wird er 84 Leitzordner gefüllt haben. Er wird die Namen vieler Schiffe, ihr Gewicht, ihre Routen, ihre Geschichte kennen.

Nach dem Abitur heuert er auf einem Frachtschiff als Rostklopfer an, setzt in die USA über und jobbt dort in einer Tabakfabrik. Als er genügend Geld zusammen hat, reist er durchs Land. In Deutschland kommt unterdessen Post von der Bundeswehr: Er soll eingezogen werden, könnte aber noch fristgerecht Einspruch einlegen und einen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung stellen. Der Vater leitet den Brief nicht an ihn weiter. Michael kehrt heim, die Frist ist abgelaufen, und er muss zur Marine.

Dort spielt er mit dem Kommandeur Tennis und hilft dem Koch. Überhaupt liebt Michael gutes Essen, geht zum echten Chinesen, entwirft eigene Kochbücher für Menschen mit Behinderungen, der Arbeitsbereich, der ihn schlussendlich glücklich machen wird. So schlimm wie befürchtet ist die Bundeswehr nicht. Dennoch und aus Prinzip verweigert er den Kriegsdienst nachträglich, inklusive Gerichtsverfahren und hochnotpeinlicher Fragestellungen der Richter.

Es ist ein ewiger Kampf zwischen Vater und Sohn. Der Sohn fühlt sich gekränkt, der Vater ist enttäuscht. Michael möchte Grafik und Kunst studieren. Der Vater setzt ein Jurastudium durch. Michael ist gut, er wird gelobt, er besteht alle Prüfungen. Und schmeißt kurz vorm ersten Staatsexamen alles hin.

Er wagt den ersten richtigen Absprung und sucht seine Freiheit in Berlin. Die Heinrich-Heine-Buchhandlung am Bahnhof Zoo stellt ihn als Lehrling an. Michael liebt die Literatur, doch etwas treibt ihn weiter, er heuert bei einer Hausverwaltung an, hier arbeitet auch schon Inge. Sie mag ihn sofort, er kann Geschichten erzählen und sie zum Lachen bringen. In einer Kneipe am Savignyplatz amüsieren sie sich den ganzen Abend lang, es ist der Beginn einer langen Freundschaft. Inge ist eine von vielen Freundinnen und Freunden, die Michael um sich versammelt. Er ist ein Kümmerer, bringt einer kranken Freundin einen Pott Suppe mit, besucht die an Demenz erkrankte Mutter einer anderen Freundin einmal in der Woche im Krankenhaus. Es gibt auch Liebesgeschichten, eine dauert immerhin zehn Jahre, aber eine Familie wollte er nie gründen.

Einmal hat er die Idee, für reiche Amerikaner Studienreisen in die DDR zu organisieren. „Russell Continental Services“, den Namen hat er schon. Er fährt in die USA und macht die ersten Kontakte. Er fährt in die DDR und stellt ein Besuchsprogramm zusammen. Alles ist fertig, da fällt die Mauer, und die Sache ist gestorben.

Michael ist 40. Und findet doch noch seinen Ort. Am 1. Januar 1990 hat er seinen ersten Arbeitstag in einem neu gegründeten Wohnprojekt für Menschen mit mittleren und schweren Behinderungen, die vorher in der Psychiatrie gelebt haben. Im neuen Zuhause sollen sie selbst kochen, einkaufen, putzen, sie sollen leben wie in der eigenen Wohnung. Ob Michael für den Betreuerjob geeignet ist, weiß er nicht. Mal ausprobieren.

Es passt, und er lässt sich nebenbei als Erzieher ausbilden. „Die Arbeit hat ihn aufgetaut“, sagt ein ehemaliger Kollege. Die Bewohner machen sich keine Gedanken um ihre Form und ihr Erscheinen. Sie sind unmittelbar, und das erwarten sie auch von Michael. Die Kollegen können auf ihn zählen. Michael kommt pünktlich zum Dienst, und wenn er mal verhindert ist, kümmert er sich selbst um die Vertretung. Nur in Konflikten kann er sich nicht so gut durchsetzen. Er braucht die Harmonie. Manchen Kollegen ist er nicht hart und konsequent genug.

Michael gibt kleine Bücher heraus, „Schneckenkursbücher“. Darin beschreibt er Ausflüge mit der Bahn, für die man nur das Schönes-Wochenende-Ticket braucht, inklusive Abfahrt- und Umsteigezeiten, Sehenswürdigkeiten, Restaurant- und Speiseempfehlungen. Alle paar Monate organisiert er seine Kulturausflüge. Zehn oder 20 Menschen kommen, Treffpunkt Bahnhof, dann geht es zum Beispiel nach Luckenwalde. Er referiert über die alte Textilindustrie, führt ins beste Restaurant.

Anfang 2000 beginnen seine Schmerzen. Ein Leistenbruch und Narben, die nicht verheilen. Ein Krebs und eine Strahlentherapie, die mehr Leid bringt als Linderung. Seine Freunde hören sich seine Klagen an, bis er beschließt: „So, jetzt ist genug gejammert.“

Mit aller Kraft versucht er, sein Leben fortzuführen, sich zu treffen, seine Ausflüge zu machen, ins Kino und in Restaurants zu gehen. Ist wütend, dass es ihn erwischt hat, hat Angst davor, allein in einem Pflegeheim zu landen.

Am Ende machte er seinen Frieden. „Ich hab’ ein gutes Leben gehabt“, sagte er noch zu seinen Freunden, ordnet sein Testament, schreibt einen Abschiedsbrief und macht dann Schluss.

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