Nachruf auf Nikolaus Hein (Geb. 1942) : Wo, wenn nicht hier

Alle fanden sich in seinem Museum: Prinzen, Könige, Kasper, Hexen, Geister, Gnome, Dr. Faust, die Seeräuberjenny, der Bettlerkönig

Nikolaus Hein (1942-2018)
Nikolaus Hein (1942-2018)Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Wenn ihn die Lust überfiel, holte er Zettel und Stift, Kaffee und Laptop und setzte sich an einen der Holztische vor seinem Museum. Kurz lauschte er noch dem Lärm hinterher, der da von der Neuköllner Karl-Marx-Straße in seinen Hinterhof drang. Kurz schaute er nach dem Tageslicht, das immer weniger wurde, dann begann er zu planen, zu spinnen und vergaß dabei die Zeit.

Nikolaus Hein brauchte das. Immer vorwärts, immer etwas Neues, immer schon. Als junger Mann ist er oft mit dem Bus gefahren. Einmal sah er an der Ecke einen Eierverkäufer, sprang an der nächsten Haltestelle raus, rannte zurück und sprach ihn an: „Mensch, du brauchst Werbung, sonst kauft doch keiner.“ Am nächsten Tag brachte er dem Eiermann ein riesiges Huhn aus Holz mit einem markigen Spruch drauf.

Später gab es immer ein neues Puppentheaterstück, das geschrieben werden musste. Eine neue Figurenausstellung, die er plante. Einen Marionettennachlass, den er dringend erwerben musste, koste es, was es wolle, wie die 55 Theaterfiguren und Kostüme des historischen Wandermarionettentheaters von Friedrich Wilhelmi, darunter ein Kasper aus dem Jahr 1880. Oder eine neue Puppenaktion für die Neuköllner Kinder, eine Taschenlampenvorführung durchs Museum etwa, mit nur einer Taschenlampe in völligem Dunkel an Drachen und Rittern vorbei.

Nicht immer klappte alles, doch das machte ihm nichts, denn für diese Stunden der Planung, der Ausflüge in die Zukunft, für die lebte Nikolaus Hein.

Überhaupt war er einer, der ausschließlich von jetzt bis in die Zukunft dachte. Über die Vergangenheit sprach er so gut wie nie. Kaum einer wusste etwas. Folgendes lässt sich zusammentragen: Nikolaus ist in Zehlendorf aufgewachsen, ging mit 21 an eine private Kunstschule, lernte Fotografie und Malerei. Die Bilder, die in dem Film „Neues vom Hexer“ nach der Romanvorlage von Edgar Wallace gezeigt werden, sind von ihm; schaurig, düster, so war der Auftrag. Als Fotograf fuhr er in ein Skiresort. Sein Job: Er raste den Leuten hinterher und machte mit seiner Leica Porträts von ihnen. Dass er das Skifahren erst lernen musste, hatte er beim Einstellungsgespräch nicht erwähnt.

Später entdeckte er das Figurentheater Idestedt, lernte von Regisseuren, Puppenbauern und Puppenspielern, dann mischte er beim Trickfilm mit. Irgendwann in dieser Zeit muss es geschehen sein. Er verliebte sich in diese Figuren, die erst wie tot an den Fäden baumelten und plötzlich voller Leben waren. Mit ihnen konnte er Geschichten erzählen, konnte Welten auferstehen lassen und die Zuschauer verzaubern. Mit ihnen konnte er selbst sich verwandeln, ein neuer Charakter werden, ein ganz anderer sein. Und damit alle anderen in den Bann ziehen.

Er begann Stücke aufzuführen, wurde gebucht, verbrachte seine Sommer als Puppenspieler auf den Inseln der Nordsee. Gleichzeitig jagte er nach Theaterpuppen, nach Kulissen, nach historischen Eintrittskarten und Programmheften, nach Manuskripten. Er häufte an und baute ein mobiles Museum auf, ein Lkw, alles rein, die Puppen in die Kisten, große Glasvitrinen vorsichtig verpackt, und ab durch Deutschland und ins Ausland. Wer auch immer ihn einlud, Nikolaus kam vorbei, spielte und zeigte, was er hatte.

Es waren Hunderte Exponate und dann Tausende, bis es 1995 so weit war: Er fand einen festen Platz, eröffnete das Museum, für sich und seine Prinzen, Könige, Kasper, Hexen, Geister, Gnome, für Dr. Faust, die Seeräuberjenny, den Bettlerkönig … Er war voller Zuversicht, die Leute würden ihm die Bude einrennen, das Geld würde sprudeln und das bei niemals mehr als drei Euro Eintritt für die Neuköllner Kinder. „Wo, wenn nicht hier, braucht es so ein Angebot?“ Nikolaus Hein hatte Vertrauen, in sich, in andere, in die Zukunft.

Wenn die Kinder dann kamen, in Klassenstärke, war der eher ruhige Mann von einer ungeheuren Energie erfasst, dann ließ er den Kasper vorturnen und die Kinder nachmachen, bis sie außer Atem und bereit waren für die folgende Theaterstunde. Er führte vom Drachen zum Ritter, von der Jungfrau zur Prinzessin. Ein Mädchen sagte nach einem Besuch: „Hier möchte ich wohnen.“

So gut, dass er hätte von seinem Museum leben können, lief es dann doch nicht. Nikolaus Hein gab Kurse an der Volkshochschule oder ließ sich und seine Puppen buchen. Als es so aussah, als müsse das Museum schließen, begeisterte er die Neuköllner Kulturverantwortlichen. Das Amt zahlte fortan die Miete als Ausgleich für die Arbeit mit den Kindern.

Nikolaus gab alles. Auch als er an Blutkrebs erkrankte und immer schwächer wurde. Immer wieder stand er auf, machte noch dies, schrieb noch das. „Ich bin nicht ganz gesund“, sagte er. Im August ist er gestorben.

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