• Nachruf auf Peter Spindler (Geb. 1947): Die großen Gedanken bringen dich nur ins Wanken

Nachruf auf Peter Spindler (Geb. 1947) : Die großen Gedanken bringen dich nur ins Wanken

An den Tresen und auf den Parkbänken fand er Bier und Korn. Das hat ihm gereicht, um das Leben so zu akzeptieren, wie es nun mal ist.

Peter Spindler (1947-2019)
Peter Spindler (1947-2019)Foto: privat

Was von seinem Leben übrig blieb, ist eine kleine Stofftasche mit Dokumenten, ein vergilbtes Fotoalbum, Rechnungen, Mahnungen, Ärztebriefe, Postkarten, das Seefahrtbuch, ein Zeitungsartikel über den Tod des Malerpoeten Friedrich Schröder-Sonnenstern, eines charismatischen Außenseiters und harten Säufers. Sie könnten sich kennengelernt haben.

Ein Nachbar hat See-Peter gefunden, die Heizung bis zum Anschlag aufgedreht, die Bettdecke bis zum Hals hochgezogen, ein entspanntes Lächeln im Gesicht. Herzversagen. Ob er sich noch ein letztes Bier und einen Joint gegönnt hat vor der großen Fahrt, bleibt der Legendenbildung überlassen. Viele hätten es ihm gewünscht. Nur zwei aus seinem Haus waren beim Armenbegräbnis auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof dabei. Fritz Teufel, der Alt-Kommunarde, liegt nicht weit, Norbert Kröcher von der „Bewegung 2. Juni“ auch. Sie hatten alle mal dieselbe Meldeadresse. Ob sie sich kennengelernt haben, ist unklar. Widerstand und Terror waren See-Peter ja eher fremd. An den Tresen und auf den Parkbänken fand er Bier und Korn. Das hat ihm gereicht, um das Leben so zu akzeptieren, wie es nun mal ist. Die großen Gedanken bringen dich nur ins Wanken.

Seine Mutter Irmgard, Arbeiterin aus Hamburg, heiratete 1952 Josef, einen Staatenlosen polnischer Herkunft. Sein Vater war aber ein anderer. Die Ehe wurde wegen Lieblosigkeit geschieden, dann folgte Eyup Sabri aus Sinop, einer türkischen Hafenstadt am Schwarzen Meer. Über Peters Kindheit ist wenig bekannt. Eine kurze Zeit lebte die Familie in der Türkei, Peter lernte Türkisch, aber glücklich wurden sie dort nicht. In der Schule lief es nicht besonders, so heuerte Peter nach der Rückkehr nach Hamburg auf einem Schiff an, daher der Spitzname See-Peter.

Sein Seefahrtbuch, für lächerliche spätere Rentenansprüche unabdinglich, dokumentiert die frühe Absetzbewegung. Für 60 DM Heuer, Kost und Logis inklusive, bereist er die Meere auf Frachtschiffen. Messejunge, Messe-Steward, Decksmann, seine Hierarchiestellung ist unten. See-Peter sieht die ganze Welt, aber aus seinen Erfahrungen wird er später kein Seemannsgarn spinnen. Auf Frachtschiffen fahren manchmal Reisende mit, auf die Frage einer betrunkenen Passagierin, was das Schiff denn nachts mache, antwortet Peter: „Dann fahren wir das in die Garage!“ Die Dame keift, Peter muss zum Kapitän, erklären, was er da nun wieder angestellt hat.

Über Hamburg kommt er nach Berlin, Kreuzberg SO36, Klein-Istanbul, keine Sperrstunde, egal ob „Schwarze Rose“, „Rote Rose“, „Jodelkeller“ oder „Goldener Hahn“. Das Überleben muss neu organisiert werden. Das kleine Geld vom Amt müsste er sich einteilen, aber so was hat See-Peter nicht gelernt.

Seine Wohnung in der Falckensteinstraße ist kein heimeliger Hafen. Kein Strom, kein Gas, Außentoilette, die ramponierten Möbel der Vormieter. Von Freunden bekommt er Teelichter, bei Freunden kann er in die Glotze starren, kiffen und im Sessel abhängen. Er revanchiert sich mit Kochorgien, sein Punsch und sein Hackbraten sind legendär, die Mengen an Schiffsbesatzungen bemessen.

Am 5. des Monats kann er seine Schulden abzahlen, dann ist er pleite, immer wieder. Am Chamissoplatz im „Anormal“ arbeitet er als Koch. Eine frühe „Volxküche“, für alle, die sich nichts Großes leisten können. Das macht er gerne. Man kennt sich und die Schweinewelt.

Für den Umzug in die Naunynstraße vor 18 Jahren genügt ein Kleinwagen. Den Typ, bei dem er unterkommt, hat er am Tresen kennengelernt. Ein ehemaliger Bergmann, der sich ebenso durchschlagen muss, wenn auch mit etwas mehr Bodenhaftung. Das Haus, teilbesetzt in den 80ern, harte Leute, nun saniert mit niedrigen Mieten, bietet etwas mehr Lebensqualität. Es gibt Strom und sogar eine Badewanne. See-Peter gefällt es hier, zu zweit bekochen sie die Nachbarn zweimal die Woche. Sprechen tun sie nicht viel. Muss ja nicht sein. Geteilt wird alles mit allen. Zum Beispiel mit einem Türken ohne Papiere, obdachlos, geflohen vor dem Militärdienst. See-Peter spricht Türkisch mit ihm, er kann hier baden, essen, trinken, kiffen. Willkommen ist hier jeder, selbst wenn er mal abstinent wird. Die vergilbten Fotos zeigen viele Langhaarige, wenige Punks. Keiner muss hier erklären, warum es ist, wie es ist.

Wenn nur die Ämter und Ärzte nicht wären

Der alte Seebär gibt wenig preis aus dem Logbuch eines Einsamen und Überforderten. Irgendwann meldet sich der Sozialpsychiatrische Dienst bei ihm, niemand weiß warum. In den Nullerjahren hat er eine „Maßnahme“ in einem Verkehrskindergarten im Kiez, da ist die Welt noch in Ordnung. Und einmal, 2010, hat er richtig Glück. Da zieht aus seiner Wohnungstür ein bisschen Rauch, der Brand wird noch rechtzeitig entdeckt. Hätte er versucht, durch die schwarze Rauchwand, die das Nebenzimmer erfüllt, zu fliehen, wäre der zweite Atemzug tödlich gewesen. Hat er aber nicht.

Das Herz macht Stress, das Leben weniger, wenn man genügsam ist. Wenn nur die Ämter und Ärzte nicht wären. In den letzten Jahren Schwindel, Angstzustände, Ohnmachten. Draußen ist nun etwas Gefährliches, da kann man ins Krankenhaus kommen, einfach so. Irgendwas stimmt auch nicht mit seiner Krankenkasse, die wollten auf einmal 12 000 Euro Nachzahlung. Die Scheißmedikamente verträgt er sowieso nicht. Auf seiner kleinen Glotze mit Bildschirmstörung guckt er Naturfilme und dämmert vor sich hin. Wenigstens warm ist es hier drin.

Bis sein Mitbewohner weggeht aus Berlin und der Mietvertrag gekündigt wird. See-Peter müsste sich nun kümmern, auch wenn die Wohnungsgesellschaft zunächst nicht handelt. Erst mal den Winter überstehen, im Frühling will er sich in Form bringen. Kein Alk, dramatische Gewichtsabnahme, die Nachbarn halten zu ihm. Die Kontakte zur Hausverwaltung über Münzfernsprecher sind ergebnislos. Dann steht die Dame vor der Wohnungstür: „Was machen Sie denn hier?“ – „Ich wohne hier seit 18 Jahren!“

Das ist die Zeit, wo er nur noch im Bademantel unterwegs ist in der brütenden Hitze seiner Wohnung, die zum Totenschiff mutiert.

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