Nachruf auf Renée Remter (Geb. 1954) : „Harmonie ist was für Anfänger“

Renée Remter (1954-2019)
Renée Remter (1954-2019)Foto: privat

Sie ist zwei. Kleidchen, Pferdeschwanz und dieser Blick. Dieser Blick, der sich fest auf die Schreibmaschine vor ihr heftet, vollkommen versunken in die Betrachtung der Buchstaben. Das ist die eine Szene. Die andere: Sie ist noch nicht zwei, kann kaum laufen. Bewegt sich aber unentwegt auf das Bücherregal, auf diesen einen Band zu, der weder bunt noch bebildert ist, und zieht ihn heraus. Die Eltern stellen das Buch zurück, sie nimmt es erneut, immer und immer wieder, José Ortega y Gassets „Der Aufstand der Massen“.

Im Zimmer der 14-Jährigen hängt ein selbst gefertigter Linoldruck: Che Guevara auf rotem Karton. Gemeinsam mit dem Vater schaut sie den „Scheibenwischer“ im Fernsehen und hört vergnügt Georg Kreisler: „Schatz, geh, bring das Arsen g’schwind her / Das tut sich am besten bewähr’n …“ Aus ihrem Zimmer dringen Biermann, Degenhardt, Wader. Sie geht auf ihre ersten Demonstrationen. Um ihren Hals ist ein Palästinensertuch geschlungen.

Sie führt die beiden jüngeren Schwestern ins Demonstrieren ein. „Hey, rote Ladys“, spricht sie ein Polizist an, als sie gerade auf dem Weg zur Demo sind. „Hier geht’s lang“, sagt er und zeigt in die falsche Richtung. Doch Renée kennt die Tricks und sagt auf diese bestimmte, nachdrückliche Weise, auf die sie es ein Leben lang sagen wird: „Nee, nee, nee!“

Mit 17 klettert sie in zerrissenen Jeans und Lederjacke über den Balkon und haut ab. Was nicht so viel mit dem Elternhaus zu tun hat. Eher geht es um die Bewegung, das Widerständige, das Nichtzurruhekommen. „Harmonie ist was für Anfänger“, heißt einer ihrer Sätze. Oder: „Ich bin halt ’ne Konfliktschnitte.“ Die Konsequenzen ihrer Handlungen trägt sie, immer. Kümmert sich sofort um ein WG-Zimmer und wird von da ab nur in WGs wohnen.

Demonstrieren reicht nicht. Sie gründet mit Mitschülern eine „Amnesty“-Gruppe, engagiert sich in einem Jugendzentrum, von wo aus Aktionen gegen das AKW Brokdorf organisiert werden. Arbeitet im Frauenhaus, in einer Zeit, da Misshandlungen zu Hause von den meisten Leuten noch als Männerrecht akzeptiert werden, irgendwas wird die Geschlagene schon falsch gemacht haben. Sie studiert Sozialpädagogik. Als das Geld fürs Frauenhaus gekürzt wird, verliert sie ihren Job und fährt Taxi.

Dann die „NaNa“, eine Wochenzeitschrift in Hannover. Renée wendet sich ganz und gar dem Wort, dem Satz zu, verknüpft Aussage und Ästhetik miteinander. Sie schreibt, layoutet, setzt. Nach einem Jahr ist, wieder wegen des Geldes, Schluss. Sie wird Geschäftsführerin und wickelt die Insolvenz sauber ab.

Mit den Maschinen der Zeitung und einem Grafikerfreund gründet sie die Werbeagentur „Odeon Zwo“. Zu zweit in der Odeonstraße 2, Hannover. Sie entwerfen Flyer und Kinoprogramme. Bis Gerhard Schröder und die SPD kommen. Großaufträge, zwei Landtagswahlkämpfe, eine Bundestagswahl. Schröder wird Ministerpräsident und Kanzler, „Odeon Zwo“ gehört zu den führenden Agenturen Deutschlands. Entwirft das Corporate Design für die Bundesregierung, der Bundesadler neben einem schmalen schwarz-rot-goldenen Balken und dem Schriftzug, noch heute auf Briefköpfen und Plakaten.

Eine zweite Dependance in Berlin entsteht, Renée wohnt jetzt in zwei WGs. Sie liebt Berlin, den Stuttgarter Platz, das Gasthaus Lentz. Sie ist näher bei ihrer Familie, ihrem Onkel, den beiden Nichten, ihren „Adoptivkindern“.

Wieder trägt sie die Konsequenz, erneut Insolvenz

Es läuft. Und dann stockt es. Bleibt stehen. Der Bundesrechnungshof beanstandet die Auftragsvergabe an „Odeon Zwo“. Der Fall gelangt in die Presse, die SPD zieht sich zurück. Ein verheerender Einbruch für die Agentur. Renée könnte sie noch für eine hohe Summe verkaufen. Kämpft aber, mit all ihrer Kraft, vergebens. Wieder trägt sie die Konsequenz, erneut Insolvenz. Renée wickelt ein weiteres Mal sauber ab, doch es bleibt das Gefühl der Demütigung: Es sah so aus, als hätte sie’s in dieser Männerwelt geschafft, um dann doch zu scheitern. Frühere Mitarbeiter, Freunde zeigen ihr, dass es für Selbstzweifel keinen Grund gibt, verfassen um ihrem 50. Geburtstag ein Wörterbuch im Langenscheidtlook für sie, die Sprachspielerin, „Renéeisch – Deutsch“.

Sie arbeitet freiberuflich weiter, gestaltet Kunstkataloge mit großer Hingabe und Akribie. Pausen, Schlaf, Familie stehen hintan. Der ehemalige Direktor des Weserburgmuseums in Bremen sagt: „Vor Renée war mein Urteil ein schlichtes. Ich fand eine bestimmte Schrift schön oder eben nicht. Sie aber hat die Geschichte von Schriftarten studiert, genau passende Bilder ausgewählt und dabei immer die Kosten berücksichtigt und auch den Blick der potentiellen Betrachter, die sie im Übrigen Karl-Heinz und Tante Frieda nannte.“

Der Tod kommt in ihr Leben. Eine Freundin stirbt, dann eine zweite. Dann ein ehemaliger enger Mitarbeiter. Sie schreibt: „Ich bin dagegen“ in das Kondolenzbuch. Sie ist bei ihrem Onkel bis zu dessen Tod im April 2018. Sie zieht nach Celle und pflegt ihre Mutter, die im Juni dieses Jahres stirbt.

Renée ist erschöpft. Sie denkt an das Buch, das sie schreiben möchte, über Künstlerfrauen im 18. und 19. Jahrhundert. Mit den Recherchen hat sie bereits begonnen. Aber sie schafft es nicht. Sie fällt einfach um, im Juli, im Haus ihrer Mutter.

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