Nachruf auf Roland Neumann (Geb. 1946) : Böse genug hatte es angefangen...

Doch er wurde kein Märtyrer der Umstände. Aus Not wurde Kunst, aus Schnupfleisten Schmuckleisten: sein erstes Kunstwerk. Nachruf auf einen Standhaften.

Roland Neumann (1946-2019)
Roland Neumann (1946-2019)Foto: privat

Wohin mit dem Rotz? Wenn du nur ein Taschentuch hast für die ganze Woche, und das im Winter, wenn die Nase im Dauerlauf ist, dann schmierst du den Rotz unter dein Bett, unter das Bett neben dir, in die Kleider, an die Wand, auf die Pappe, und schon hast du das erste Bild, weil immer genug Rotz da ist, in schönen vielen Schichten verschmiert und getrocknet, und zum Ärger der Heimleitung stolz präsentiert.

So fing es an, und so hätte es auch gleich wieder enden können. „So wie das Essen und Trinken, das Licht, ja sogar die Zeit in dem Kinderheim ‚Storchennest‘ für uns rationiert wurde“, erinnerte sich Roland später bemüht sachlich, „wurden auch unsere Kleidung und die Taschentücher auf einen einmaligen Wochenwechsel eingeteilt.“ Ein Taschentuch für die Woche. „Das ließ uns für hygienische und ästhetische Erwägungen taub werden.“ Widerlich wird man aus Not. Aber ein widerliches Leben wollte er nicht führen. So wurde aus Not Kunst, aus Schnupfleisten Schmuckleisten: „mein erstes Kunstwerk“.

Er hätte sich als Märtyrer der Umstände verkaufen können. Böse genug hatte es angefangen: der Vater ein Säufer, die Mutter überfordert. Das Kind anders als andere. Der Befund: „ererbter Jähzorn väterlicherseits und ein Zuviel an ungebändigter Phantasie“. Ansonsten war bei der „Kopfpickerei“ der Ärzte nichts rausgekommen, was ihm hätte weiterhelfen können. Mit neun Jahren wurde er ins Kinderheim abgeschoben, schön gelegen an der Alten Oder, schlimm verwaltet. Nein, nein, das war keine verlorene Kindheit. Die Erzieher in der Verwahranstalt mochten glauben, dass da eine Schraube locker war bei ihm, aber das hatte schon alles seinen Sinn und seine Richtigkeit, wie sich bald herausstellte, auf kleineren Umwegen. Er hatte Flausen im Kopf, aber auch Farben. Er wollte nicht das Grau, zu dem sie ihn verurteilt hatten. Er war nicht so verloren, wie alle taten.

Aus einem Müllkasten des Schulhofs stibitzte er ein leeres Tintenfass, borgte sich rote Tinte aus dem Lehrerzimmer und begann zu zeichnen. Mit 13 machte er mit Feder und Pinsel mobil gegen die Welt, die ihn am liebsten in geschlossenen Räumen sah. Er lernte Dekorationsmaler, Gipsschneider, Handweber, verdiente sein Geld als Hilfsarbeiter, verprasste es als Gammler, heuerte in Ateliers als Helfer für alles an und studierte an der „Hochschule für bildende Kunst“, was ihm als Künstler auch nicht weiterhalf. „Hauptstrom, Mittelweg, Mittelmaß“, er saß lieber an den märkischen Seen oder auf den Wiesen in der Provence. „Eigentliche Lehrer waren die Natur, die Szene, der Kiez und einige kritische Freunde und Kollegen.“

Die Kreuzberger Kneipen waren ein Tummelplatz „für Leute, die’s noch nicht sind“, jeder Wirt „der Steuermann eines sinkenden Schiffes“, da spielten sich Szenen ab, die er malte auf großen Bildern und häufiger noch auf kleinen, weil die sich besser verkauften. Er zeichnete Porträts und hätte noch viel mehr zeichnen können, wenn er nicht so wählerisch gewesen wäre: „Dit Jesicht nich’!“

Er trieb sich rum, aber er kam nie ganz oben an. Nein und nochmals nein, er war kein armer Hund. Die immer gleiche Litanei, berühmt sind die, die es nicht verdienen, und die, die es verdienen, die hausen im Abseits, betteln um Almosen. Nein, sie betteln nicht, weil sie zu stolz sind. Guten Künstlern geht’s immer schlecht, und schlechten manchmal viel zu gut, eine alte Leier. Klar krümmte er sich zuweilen wie ein Regenwurm auf dem heißen Asphalt, aber auch das hinterließ seine Spur, und dann kreuzten wieder die Schmetterlinge in Menge seinen Weg und tupften die Landschaft bunt, und er hörte im Blues die vermissten Melodien der Liebe, die immer nur für andere gesungen wurden, und es war dennoch schön, denn es wurde ein Bild daraus. Es ist ganz egal, mit wem er gesoffen hat, und in welchen Kneipen er rumhing, wichtig ist nur eins, dass er seinen Pinsel in diesen Schlamassel tunkte, und dann Bilder malte, so schräg und so bunt, dass man davorsteht und sagt: „Schön! Könnte kein anderer so.“

Das Fertigungsverfahren war auch sehr speziell und in der Kunstgeschichte bis dahin noch von keinem erprobt. Sein Spitzname „Rolli“ verweist auf diese Technik, die kindisch anmuten mag, aber ein sehr spezielles ästhetisches Drehmoment hat: Den Purzelbaum. Schon als Kind übte er sich darin. Die Berge waren ja schon immer sein Leben, auf dem Prenzlauer Berg geboren, in Kreuzberg gelebt, dann gab es da noch all die Täler, die dazwischen lagen, und den Weg vom Berg ins Tal, den legte er in der Regel per Purzelbaum zurück.

„Das Herunter-Galoppieren und Kabolzieren auf sanften Abhängen oder auch lange Rodelpartien im winterlichen Erzgebirge gaben ein Gefühl des Abhebens. Die Welt verlor ihre Tektonik und Schwerkraft, Oben/Unten-Koordinaten lösten sich auf. Das landschaftliche Gebilde verdichtete sich zu einer kosmischen Insel, um die es sich schweben lässt.“ Oder wie Aurelius Augustinus es ausdrückt: „Die Seele ernährt sich von dem, worüber sie sich freut.“

Märkische Landschaften und die Szenerien Südfrankreichs, Stadtansichten und Jazzbilder, was immer er malte, mit Farben, mit Versen, es hatte seinen eigenen Dreh, der daher rührte, dass er bei allem Schönen, was er sah, gedanklich noch in hohen Jahren Purzelbäume schlug wie ein Kind.

Es gibt ja immer mehr Menschen, die ohne gemalte Bilder leben können, die gar nicht wissen, was es heißt, sich in ein Bild zu verlieben oder in einen Vers. Da kann man viel drüber reden, über diesen Verlust, aber eigentlich hilft nur eins: Such Dir ein Bild, das zeigt, was Du immer schon herbeigesehnt hast. Einen ruhigen Ort, wo Du der sein kannst, der Du bist: „An der alten Oder“. Das richtige Wort für das, was Du dann siehst, wenn sich die Augen mit dem Herzen kurzschließen, ist Seele. Roland Neumann hat seine Seele in die Bilder gelegt. Mehr wollte er nicht von sich zeigen. Mehr sollte auch gar nicht über ihn geredet werden. Er wusste, wer er war. Er war nicht der, zu dem ihn alle hatten machen wollen. Er hat sich seinen eigenen Blick auf die Dinge gesucht: als Maler. Deswegen hat er sich einen Nachruf auch höflich, aber bestimmt mit den Worten verbeten: „Ich möchte über meine Bilder gesehen werden.“

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