Nachruf auf Ruth Beder (Geb. 1923) : Die Kunst als Schatz

Im Auto saß sie nicht gern selbst am Steuer, aber wenn es galt, die Verkaufsgegenstände zu taxieren, hatte sie das Sagen.

Sophienfriedhof II an der Bergstraße in Berlin-Mitte.
Sophienfriedhof II an der Bergstraße in Berlin-Mitte.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Es braucht kein „Sesam öffne Dich“, keinen siebenfach gezackten goldenen Schlüssel, um Zugang zur Schatzkammer zu erhalten. Man drücke einfach die abgewetzte Klinke nieder, öffne die Tür des Auktionshauses und trete ein in eine andere Zeit. Da türmen sich die Preziosen, die kein Prinz und keine Prinzessin mehr in Empfang nehmen kann, Teppiche aus Persien, Porzellan aus Meißen, Fayencen und Alabasterpokale, bronzene Leuchter und Silberbesteck, Bilder aus Meisterhand und längst vergessenen Werkstätten. Bald sind es 100 Jahre, dass der Gründer des Hauses, Leo Spik, seine erste Kunsthandlung in Schöneberg eröffnete, die nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem Kurfürstendamm ihr herrschaftliches Domizil bezog.

Ruth Beder kam zu ihm als Bürokraft und wurde rasch unentbehrlich. Ihr Vater war Feuerwehrmann, ihre Mutter Hausfrau. Sie hatte vier Geschwister und ein Talent zum Organisieren, das lebensrettend war, als sie nach Kriegsende auf dem Schwarzmarkt Filzpantoffeln verkaufte, die mit wenig mehr als Spucke zusammengeklebt waren. Ruth lernte Stenotypistin, aber selbst diese Kurzschrift war ihr noch zu langsam, also entwickelte sie eine Stenoschrift, die kein anderer lesen konnte.

Als sich Leo Spik in den 60er Jahren langsam aus dem Geschäft zurückzog, übernahm Ruth Beder das Regiment. Sie tat es mit der ihr eigenen Strenge. Untätigkeit hat sie gehasst. Wer um Urlaub bat, musste mit einem missbilligenden Blick rechnen. Wenn einer der Angestellten krank wurde, empfand sie das als persönlichen Affront. Gelobt wurde sehr, sehr selten, das hätte ja fatale Konsequenzen haben können, was den Lohn angeht. Aber sie ermunterte ihre Mitarbeiter zum selbstständigen Arbeiten, sie hielt zu ihnen, und sie verstand es, Feste zu feiern, wann immer ein Jubiläum anstand.

Zum Kunden im Buick

Zum Kunden ließ sie sich im vielzylindrigen Buick vorfahren; im Auto saß sie nicht gern selbst am Steuer, aber wenn es dann galt, die Verkaufsgegenstände zu taxieren, hatte sie das Sagen. Mancher einer wusste ja gar nicht, welche Schätze er in seinem Haus hütete. Ansonsten war ihr Platz im Büro.

Ihr Mann, ein ruhiger Mensch, starb früh. Ihre Tochter wurde im Geschäft untergebracht, so konnte sie selbst ihre ganze Kraft den Kunstschätzen widmen. Die Vergnügungen einer Dame in jenen Jahren waren ja übersichtlich. Sie fuhr gern mit einer Freundin an den Gardasee, „Grand Hotel Fasano“, Zimmer zum See, an dem sie sich jenen gewissen Grad an Bräune zulegte, der gerade noch fashionabel war. Auf dem Weg nach Hause wurde in Verona ein Zwischenhalt eingelegt, der Kultur wegen. Im Herbst ging es wahlweise nach Bad Gastein, ins „Hotel Kurhaus Elisabethhof“, der Bergluft wegen, oder an Bord eines Kreuzfahrtschiffes. Daheim in Berlin begleitete sie in den späten Abendstunden ihr Beagle mit Namen „Beagle“, den sie gern um den Grunewaldsee führte, wo Baden für Hunde keineswegs an allen Stellen erlaubt ist. „Ihr Hund ist wohl wasserscheu“, meinte einer der Hundehalter, denen solche Verbote gleichgültig sind. „Nein, er kann lesen“, entgegnete Frau Beder mit höflichem Spott.

Sie war schlagfertig, auch auf den Auktionen, die harte Arbeit sind. Es gilt, das Publikum bei Laune zu halten, drei Tage lang, und zum Kaufen zu animieren, auch wenn bei manchen Stücken wenig dafür spricht. „Hier haben wir einen Teppich, ein wenig abgetreten, wunderbar zum Stopfen für lange Winterabende.“ Ein weiterer Teppich in der Farbe Bonbonrosa, an sich unverkäuflich, wäre da nicht ihr Spruch gekommen: „Wenn Sie einen Kunden haben, der diese Farbe liebt, können Sie jeden Preis dafür verlangen!“

Gutes Essen gehörte auf feines Geschirr

An den drei Auktionstagen, die nunmehr zum 666. Mal abgehalten werden, kommen für gewöhnlich rund 2000 Objekte zur Versteigerung, Schätzpreise von wenigen Euro bis hin zu mehreren Tausend. Zur Stärkung der Stimme hatte sie immer ihre „Rheila Hustenperlen“ bei der Hand, zur Stärkung des Gemüts stand die Cola bereit mit dem kleinen Schuss Hochprozentigem.

Es waren gute Zeiten in den 70er und 80er Jahren. Alle wurden wohlhabender, die Kunden und die Verkäufer. Am Samstag der Besichtigung drängte sich die Prominenz der Stadt, Antiquitäten waren gesucht. „Die Aktie an der Wand“ galt als Ausweis von Kunstsinn und Cleverness. Man ging lieber auf Teppichen als auf dem nackten Boden, und gutes Essen gehörte auf feines Geschirr. Das Beisammensein war schön, wenn das Interieur stimmte. Ruth Beder verkörperte diesen Traum von guter Lebensart, bescheiden und zugleich stilvoll. Wenn sie essen ging, legte sie Wert auf ein schönes Ambiente und eine gute Küche. Gefiel es ihr nicht, stellte sie nur die eine Frage, zu der sie die Antwort auch gleich gab: „Wann waren wir hier das letzte Mal? Heute!“ Ihre Trinkgelder waren stets klug bemessen: „Allzu gut ist liederlich!“

Die letzten Jahre zog sie sich in ihr Zuhause zurück, es gab so vieles, das zu sortieren war, so vieles, das es erneut zu erinnern galt. Überall in den Schubladen und Schränken war ja Verborgenes, das sie an die guten Zeiten erinnerte. Wunderbarer kann die Zeit nicht vergehen, denn sie wusste schon immer, das Glück des Suchens steht dem Glück des Findens in nichts nach.

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