Nachruf auf Torsten Feige (Geb. 1965) : Ein Draußen-Kind

Für die verborgenste Blüte noch, den verbogensten Baum, den kantigsten Kiesel am Ufer eines Sees bleibt er stehen, stundenlang.

Torsten Feige (1965-2018)
Torsten Feige (1965-2018)Foto: privat

Zwei Szenen in Schwarz-Weiß, hoch oben auf einem Berliner Dach, gefilmt von einem Freund: „Du musst aussetzen“, ruft ein Junge und legt ein Ass auf den Stapel. Der Mann, der an der Reihe gewesen wäre, tut dem Jungen den Gefallen und setzt ein betrübtes Gesicht auf. „Und du“, jauchzt ein Mädchen, „musst zwei ziehen.“ Es wendet sich Torsten zu, der, trotz seines Pechs, über ihren gelungenen Zug strahlt wie sie selbst.

Irgendwann müssen die Kinder hinunter, die vier Männer bleiben, aus den Mau-Mau- werden Skatkarten. Bevor die Männer anfangen, nimmt sich jeder von ihnen ein Bier, sie setzen sich nebeneinander auf den Dachsims, gucken auf den Fernsehturm, lassen die Beine baumeln. Und dann holt Torsten Schwung, macht eine Rolle rückwärts und lacht.

„Er war ein Draußen-Kind“, sagen seine Freunde, für die verborgenste Blüte noch, den verbogensten Baum, den kantigsten Kiesel am Ufer eines Sees bleibt er stehen, stundenlang. Und für die glatten, geschliffenen Steine am Meeresstrand. Das Meer. Er läuft hinein und schwimmt und schwimmt, Steffi beginnt unruhig zu werden. Wo ist er? Sie sucht mit den Augen zwischen den Wellen, sie sieht ihn nicht. Und dann taucht er auf, krault in kräftigen Stößen zurück zu ihr und lacht.

Am Meer sind sie zusammengekommen, vor fünf Jahren. Da kannten sie sich schon, seit 20 Jahren. Sie fangen vorsichtig an. Laufen im Herbst übers Land, pflücken Pflaumen, sagen sich immer mehr Worte. Dann kommt der Jahreswechsel. „Wir könnten an die Ostsee fahren.“ – „Ja.“ Sie sammeln Steine, kiloweise, schleppen sie den Königsstuhl hoch und wieder hinunter, liegen drei Nächte sehr gerade nebeneinander im Bett. In der vierten Nacht sagt Steffi: „Nimm mich doch endlich in die Arme.“ Und Torsten dreht sich zu ihr.

Er spielt ihr Gundermann vor. Und dann steckt sie sich / Einen goldnen Ring ins Ohr / Und dann holt er ein paar / Alte Platten vor. Er schenkt ihr einen Bildhauerkurs. Sie reisen nach Norwegen und Italien, schlafen im Zelt. Durchstreifen Städte. Er fährt mit ihr nach Weimar, wo er geboren wurde und wohin er immer wieder zurückkehrte, zu seinem Großvater Fritz, von dem er die Freude an der Natur hat, bei dem er einfach so da sein konnte, ohne irgendetwas leisten zu müssen. Er erzählt ihr von Dresden, wo er seine ersten neun Jahre verbrachte. Von der Scheidung der Eltern. Dem Umzug mit seiner Mutter nach Berlin, der nicht leicht war, ein sächselndes Kind unter Hauptstädtern. Von der Tischlerlehre und den drei Jahren Armee. Von seinem Physikervater, den er an den Wochenenden sah, ein Zugkind zwischen Berlin und Dresden. Die gemeinsamen Ferien zusammen, mit dem Faltboot an den Masurischen Seen, im Donaudelta. Er erzählt von seinem frühen Wunsch, Psychologie zu studieren. Der Wende, die genau richtig für ihn kam. Noch mal alles auf Anfang.

Er wird Erzieher, begleitet Behinderte, entschließt sich, weil er mehr über die Verstrickungen in der Seele wissen will, an die Uni zu gehen, neben der Arbeit, seiner Ehe, seinen beiden Kindern, das volle Programm, erfüllend und erschöpfend. Die Ehe scheitert. Nach dem Studium übernimmt er die Leitung einer Kontakt- und Beratungsstelle in Neukölln. Leute, die aus der Klinik kommen und sich davor fürchten, in ihren dunklen Welten zu verschwinden, fängt er im entscheidenden Moment auf. Das kann er: zuhören. Professionell und privat. Wenn er vor jemandem sitzt, einem Klienten oder einem Freund, mit seinem sanften Gesicht, seinen wachen Augen: „Sag, wie geht es dir?“ Und die Leute beginnen zu erzählen. Manchen fällt erst viel später auf, dass Torsten kaum über sich spricht. Er hat diese spielerische Art, Menschen aus der Reserve zu locken, mit ironischen Anmerkungen auch, ohne sie dabei vor den Kopf zu stoßen.

Doch genau für diese Gespräche bleibt in der Beratungsstelle immer weniger Zeit. Das Bürokratische verschlingt mehr und mehr seine Energie, die amtlichen Vorgaben, die Papiere, die unentwegt auszufüllen sind. Er verändert sich, sein Blick scheint blasser. Sie denken, es sei die Arbeit, die ihn ermüdet, die Kleinkariertheit der Paragrafen, die ihn hinter den Schreibtisch zwingt, weg von jenen, denen er sich zuwenden möchte. Aber es ist nicht die Arbeit.

Torsten sitzt in einer Praxis, mitten im heißen, glücklichen Sommer 2018, und der Arzt sagt dieses Wort: Krebs.

Er bäumt sich auf. Die Chemotherapie schlägt nicht an. Im Juli steigt er mit Steffi aufs Dach, legt sich unter eine Decke, über ihm der Blutmond. Gundermann singt: Einmal wächst die Hecke zum Fenster rein, / einmal lass ich Dich allein. Er muss in den Rollstuhl. Der Sommer geht vorüber. Eine neue Therapie ist geplant. Er möchte noch mal ans Meer. Zu zweit. Doch sie sind schon zu dritt. Der Dritte zeigt sich nicht, aber er ist da.

Sie fahren am 3. Oktober los, auf den Darß. Am Weststrand, der wild und rau ist, legt er sich in den Sand. Er spricht, über sich selbst, als Kind, als junger Mann. Er streicht über seine Uhr, eine Uhr aus Holz, und sagt: „Die ist nicht plan, da ist ein Fehler.“ – „Wollen wir nach Hause?“, fragt Steffi. „Nein“, antwortet er. Aber sie müssen, Torsten kann kaum noch. Sie bringt ihn in Berlin direkt ins Krankenhaus. Einige Stunden darauf stirbt er. Manchmal werd ich wiederkommen nach Dir zu sehn, / manchmal lass die Kellertüre angelehnt. / Manchmal findet sich ’ne fremde Katze ein, / manchmal werde ich das sein.

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