Nachruf auf Ulf Mailänder (Geb. 1956) : Groß in der Zuversicht, groß in der Angst

Alles anders machen als die Eltern, besser! Häuser besetzen, Bäume ausreißen, den Kapitalismus besiegen. Der Nachruf auf einen, der viel wollte.

Ulf Mailänder (1956-2018)
Ulf Mailänder (1956-2018)Foto: Lisa Mailänder

Die Kurzversion seines Nachrufes hat er selbst geschrieben, kurz vor der Geburt von Lisa, seiner ersten Tochter. Es war einmal ein Sohn, der wuchs in einer harmonischen Familie auf. Der Vater war beschäftigt mit Geldverdienen, die Mutter sorgte dafür, daß er rechtzeitig aß und schiss. Er war ein schwieriges Kind, ließ sich nicht in den Kinderwagen schauen und nahm Spielsachen auseinander, bis sie kaputt waren … Eines Tages wollte er in einem Meer aus Papier schwimmen und zerknüllte tagelang Zeitungen. Die Eltern ließen ihn gewähren. Mit 15 gab er sich noch weitere 15 Jahre, um ein zweiter Kafka zu werden oder wenigstens ein Dostojewski. Lehrer verachtete er für die guten Noten in seinen Zeugnissen. Er allein wußte, was für ein Versager er war. Der Vater verdiente gutes Geld im Wirtschaftswunderland und blieb ein ferner Gott. Die Mutter richtete das Heim. Der Sohn fand sich nicht darin zurecht. Er irrte im Keller umher und kam ohne das Eingemachte zurück. ,Vom Professor hast du schon die Zerstreutheit’, sagte sie. Der Sohn studierte und bekam Depressionen.

Mag sein, dass er nie in der Kafka- oder Dostojewski-Liga gespielt hat, aber wer tut das schon? Ulf Mailänder wurde immerhin einer, der es vermochte, seine Prägung in so einprägsame Worte zu fassen. Wer kann das schon?

Immer wieder hat er sich gefragt: Hab’ ich Freunde? Bin ich es wert, gemocht zu werden? Hoffentlich hat er seine Beerdigung beobachtet, von wo auch immer. Seine Tochter Lisa sprach dort über ihren Vater. 150 Leute waren da und trauerten um einen Großartigen. Groß in der Zuversicht, alles besser zu machen als die anderen, groß in der Angst, komplett zu scheitern.

Eine Geschichte seiner Zuversicht aus Studienzeiten. Ulf, der kaum Geld hatte, schenkte seinem Vater 1000 Mark. Der Vater war Direktor einer Bausparkasse; er besaß ein gutes Einkommen und vier Häuser. Die Botschaft des Sohnes: Das ist deine Währung, armer Mann. Ich pfeife drauf.

Was soll nur aus dem Jungen werden?

Ulf war das älteste von vier Geschwistern, der Sohn, der sich am heftigsten von den Eltern abwandte, der mit 18 fort nach West-Berlin zog. Die Mutter weinte, und der Vater fragte: Was soll nur aus dem Jungen werden? Seine Geschwister sahen zu ihm auf, er war der Kluge und Belesene. Der alles anders machen musste.

Folglich begab er sich neben dem Studium von Philosophie und Germanistik in die Kämpfe der Zeit, besetzte ein Haus in Kreuzberg, las Marx, liebte frei und meditierte (und staunte, dass er für ein Mantra 50 Mark bezahlen sollte), zog aufs Land (und wieder zurück, weil die Landarbeit nicht seine Arbeit war), baute ein Haus auf La Palma (und musste es wieder einreißen, weil die Baugenehmigung fehlte).

Seine Eltern machten es ihm nicht gerade leicht, sich von ihnen abzuwenden. Als er vor Gericht stand, weil er auf einer Demo Steine geworfen haben soll, waren sie an jedem Prozesstag da. Seine Mutter führte einen langen Briefwechsel mit ihm. Der Vater steckte sich einen Anti-Atomkraft-Button an die Brust und begleitete Ulf auf einer Indienreise. Und: Sie sorgten sich fortwährend. Ihr Größter war so begabt, warum machte er nur nichts daraus, jedenfalls nichts, das ihm ein geregeltes Einkommen bescheren und ihn von seinen Zweifeln befreien würde.

Man kann sich ja sehr sicher sein, dass die Werte der Eltern wenig taugen. Wie aber entkommt man ihnen, den Eltern und den Werten, wenn sich die Gegenentwürfe als wenig tragfähig erweisen, wenn alles, was man tut, Projekt ist, also temporär? Dass das Geld ein Kerker ist, mag sein. Aber nur weil die Einkünfte unregelmäßig sind, ist man kein freier Mensch.

Ulf schrieb an gegen seine Zweifel. „Im Dschungel der Freiheit: Als Freiberufler und Selbständiger erfolgreich und gut organisiert arbeiten“, so hieß ein Buch von ihm. Aber wer sagt denn, dass einer, der Ratschläge erteilt, diese selbst befolgen kann?

95 Thesen wider den Kapitalismus

Seine Kritik am Geldsystem, also dem System der Eltern, formulierte er in „95 Thesen wider den Kapitalismus“. Die klebte er nicht an eins der Mietshäuser seines Vaters, auf die er als Erbe hoffen durfte, sondern an eine Filiale der Deutschen Bank. Es gibt ein Youtube-Video von der einsamen Aktion.

Eleganter – und einträglicher – war eine andere Idee. Ulf schrieb die Biografie von Jürgen Schneider, dem Immobilienspekulanten, der im Knast gelandet war, weil er das Geldsystem vorgeführt und betrogen hatte. Weil sich das Buch gut verkaufte, kam ein Folgeauftrag: die Biografie von Jürgen Harksen, „Wie ich den Reichen ihr Geld abnahm: Die Karriere eines Hochstaplers“.

Daraus wiederum ergab sich die Mitarbeit an einem Theaterprojekt, „Rimini- Protokoll, Karl Marx: Das Kapital“. Es war erfolgreich, sie kamen damit in der Welt herum, Ulf als Betrüger Jürgen Harksen, der Mann, der das System ins Absurde wendet und scheitert. Er stand gerne auf der Bühne. Als das Projekt vorbei war, der Kapitalismus erklärt und dennoch nicht am Ende, als es galt, ein neues Projekt aufzutun, um neues Geld zu verdienen, fiel er in ein tiefes Loch.

Ulf schwankte schon lange zwischen Hoch- und Tiefphasen. Mal riss er Bäume aus, dann fragte er sich, ob man sich nicht besser an einen Baum hängen sollte. Und fand Trost bei Cioran: „Es lohnt nicht die Mühe sich zu töten, denn man tötet sich immer zu spät.“

2012 starb sein Vater. Ulf hielt eine dankbare Trauerrede. Er sagte: „Hättest du einen Vater und eine Mutter gehabt, wie wir einen Vater und eine Mutter hatten, wäre dein Leben wohl leichter gewesen, aber dein Wille wäre womöglich weniger stark entwickelt worden.“

Mehr Häuser als der Vater je besessen hatte

Damit aber war das Vaterthema längst nicht durch. Im Gegenteil, Ulf verließ die Erbengemeinschaft der Geschwister, ließ sich statt monatlicher Mieteinnahmen ganz auszahlen. Er wollte, was auch sonst, es besser machen. Überholen ohne einzuholen. Er befand sich wieder in einer seiner Hochphasen, so hoch, dass ihm kaum noch jemand folgen konnte. Er kaufte Häuser, mehr als sein Vater je besessen hatte, spottbillig waren sie und dementsprechend marode. Ulfs Plan: Gemeinsam mit den Mietern, lauter arme Leute, für deren Miete das Amt aufkam, rette ich die Häuser, rette somit auch die Mieter, tue Gutes und verdiene am Ende sogar Geld damit. Es gibt einen Film über das Vorhaben, man sieht ihn und man ahnt: Das wird so nichts.

Als könne ein Unglück im Unglück Glück ergeben, brannte eins seiner Häuser ab, verletzt wurde niemand, dafür war die Versicherung großzügig. Irgendwie entsprach das Ulfs Erfahrung: Geld geht, Geld kommt, alles mehr eine Frage der Einstellung als der Anstrengung.

Demzufolge steckte er das frisch gewonnene Geld nicht mehr in die Häuser, die sich als ausgesprochen anstrengend erwiesen hatten, sondern in eine Unternehmung, vor der ihn jeder, der bei Trost war, warnte. Ausgerechnet Ulf, der sich so eingehend mit den Parasiten des Kapitalismus befasst hatte, fiel auf eben solche rein. Sie versprachen irre Renditen, es gebe da eine mongolische Goldmine … „Insignum AG“ heißt die Firma, es gibt sie immer noch. 85 000 Euro setzte Ulf in den Sand, und man fragt sich, wer hier die Regie führte: War es die Manie, war es der stille Wunsch, dem falschen Streben abzuschwören?

Im Sommer zog Ulf einen Strich unter seine Unternehmungen. 155 000 Euro waren weg, ein Buchprojekt gestorben, ein Job vermasselt. Was für ein Job das war? Coach, Ratgeber für Langzeitarbeitslose. Bei anderen wusste Ulf ganz gut Bescheid; nur fehlte es ihm an der Lust, Anwesenheitslisten und Tätigkeitsberichte auszufüllen.

Seine Bilanz, eine Katastrophe. Sein Wunsch, fort sein, nicht mehr da. „Doch sich auszulöschen“, schrieb er, „erfordert Gewalt und böse Absicht – kein guter Abschluss!“ Also: „Leben will ich, weil in mir Liebe steckt – vor allem zu meinen Kindern.“ Lisa ist 17, Noemi 13. Sie lieben ihren Vater. Auch wenn sein Lebenswille dann doch nicht mehr genügt hat.

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