War er noch zu jung? Genügte es nicht, was er zu erzählen hatte?

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Nachruf auf Valerian Arsène Verny (Geb. 1994) : Nichts auslassen, nichts bereuen
Valerian in Südafrika, Frühjahr 2013
Valerian in Südafrika, Frühjahr 2013Foto: Privat

Zurück in Deutschland ging es wieder um die irdischeren Dinge. Was soll man nur werden, wohin mit dem Talent? Valerian schrieb Geschichten und manchmal Gedichte. 2009 hatte er einen Schreibwettbewerb gewonnen mit der Geschichte über einen Schutzengel mit Dreitagebart. Das nun war es, was er sich vorstellen konnte: Er würde schreiben. Vor der Reise hatte er sich am Leipziger Literaturinstitut beworben, aber sie hatten ihn abgelehnt. War er noch zu jung? Genügte es nicht, was er zu erzählen hatte, die Lebenserfahrung?

Es stimmte ja, davon gab es noch nicht allzu viel. Freunde und Eltern bescheinigten ihm immer wieder das größte Talent. Seine Zweifel daran konnten sie nicht zerstreuen. Dagegen half ganz gut das Kraut, das er gern rauchte und von dem er wusste, wie wenig es wirklich half. Er formulierte es so: „Wem sollte man schon etwas vorgaukeln? Warum sollte man so tun, als sei es dem Selbst nicht bis ins letzte Detail bewusst, wohin die raucherfüllten Segel des Coucheckendreimasters einen einmal mehr zu treiben gedenken? Weit, weit hinaus auf den grenzenlosen Ozean der Taugenichtserei bis hin zur einsamen Insel des verklärten Dilettantismus, auf der man einmal mehr Stunde um Stunde Seite an Seite mit den anderen Geistesgrößen dieses Metiers mal ekstatisch lachend, mal erbittert diskutierend, doch zumeist schlichtweg gedankenverloren schweigend verbringen würde.“

Valerians engste Freunde entschieden sich für Wege, die vorgezeichnet waren, Medizin, Ingenieurswesen. Viola ging nach Leipzig, um Jura zu studieren (sie dachten, das wäre nun die Gelegenheit, die Zeit als Paar zu beenden, aber sie besuchten sich in Berlin und Leipzig und merkten erstaunt, dass es immer noch passte, kein Klammern, kein Überdruss). Valerian schrieb sich pflichtschuldig für Germanistik und Philosophie ein. Aber wozu die Seminare? Er wollte die Welt sehen, Erfahrungen machen, über die es zu schreiben lohnt. Eine weitere Reise wollte er unternehmen, größer und länger, so viel schreiben wie möglich und dann einen zweiten, letzten Versuch am Literaturinstitut. Das war der Plan.

Geld verdiente er zuerst in einer Kreuzberger Schwulenbar. Da bekam der schmucke junge Mann viel Trinkgeld. Weil er aber mit seinem liebsten Kollegen, der ebenfalls hetero war, nicht in einer Schicht arbeiten sollte – das sei schlecht fürs saubere Image –, kündigte er. Und fing an, für eine Berliner Literaturinitiative zu arbeiten. Er gab Lese- und Schreibkurse für Kinder und Jugendliche. Schwer vorstellbar, dass irgendein Deutschlehrer mehr ausrichten kann, als Valerian es konnte: Begeisterung ist ansteckend, erst recht, wenn der zuerst Befallene so jung ist, so gut aussieht und sowieso die Sympathien auf seiner Seite hat.

Am 5. März, es war ein Mittwoch, feierte er den Geburtstag eines Freundes in Kreuzberg. Es wurde viel getrunken. Gegen Mitternacht machte Valerian sich mit vier Freunden auf den Weg nach Zehlendorf. Am Bahnhof Yorckstraße kamen sie auf die Idee, auf der S-Bahn zu fahren statt in ihr. Nichts auslassen. Nichts bereuen.

Zwischen den Bahnhöfen Julius-Leber-Brücke und Schöneberg gibt es einen niedrigen Tunnel, 30 Zentimeter zwischen S-Bahn-Dach und Tunneldecke. Als die Bahn durch war, lag von Valerian nur noch ein Schuh auf der S-Bahn. Die vier anderen haben den Wahnsinn überlebt.

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Valerians Eltern versuchen der Sinnlosigkeit dieses Endes mit Sinn zu begegnen. Sie haben die „Valerian Arsène Verny Stiftung für literaturbegabte Kinder und Jugendliche“ gegründet. Es sollen Talente, wie Valerian eins war, gefördert werden. Bei einer Gedenkveranstaltung für Valerian vor einer Woche wurde die Stiftung vorgestellt. Es wurden Texte von ihm vorgelesen und Bilder gezeigt, darunter Fotos aus Südafrika. Auf einem springt Valerian am Bungeeseil in die Tiefe. Dann erschienen Bilder, die Kinder aus seinen Literaturkursen gemalt haben. Da war eins mit einer S-Bahn und einem Mensch obendrauf. Darüber, in unbeholfener Schrift: „Lieber Valerian! Du warst ein toller Lehrer. Wieso hast du das getan?“

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