Nachruf auf Wigbert Moschall (Geb. 1957) : Kultur ist, was man selber macht

... doch wo Kultur ist, muss auch stundenlang diskutiert werden. Mosch hasste das. Ihm ging es um den Film. Der musste gemacht und gezeigt werden.

Wigbert Moschall (1957-2019)
Wigbert Moschall (1957-2019)Foto: privat

Traf man Mosch, ging die Sonne auf. Er umarmte, redete sofort los, ob man schon von diesem Film gehört habe oder jene neue Produktion kenne, er komme gerade aus Japan, und nun müsse er auch gleich weiter …

Alles in Butter, alles im Lot, bei Mosch klappte alles und immer. Wenn es doch mal eng wurde, die Insolvenz drohte, das Geld ausging, die Kinos leer blieben, der Alkohol überhandnahm und die Aufenthalte im Krankenhaus dazukamen, dann klopfte er einem auf die Schulter und lachte alle Bedenken und Sorgen weg. Um Mosch musste man sich wirklich keine Sorgen machen, bei dem lief es.

Einen Monat ist es her, dass Mosch starb, ganz plötzlich und überraschend. Schauspieler, Regisseure, Kinobesitzer, Freunde aus Hausbesetzerzeiten sind frühmorgens ins Kreuzberger Kino „FSK“ gekommen. Sie sehen sich Filmausschnitte an, reichen Fotos herum, erzählen von Fahrten zu Festivals, von Projekten, wahnsinnigen Ideen, vom Anpacken und Loslegen, von 16 mm und 35 mm, von japanischen Animes und politischen Kurzfilmen. Einer nach dem anderen steht von seinem roten Kinosessel auf und steuert etwas bei.

Eine Cousine kennt Mosch noch aus Kinderzeiten in Bayern. Der dritte von vier Jungs, der Vater Volksschullehrer an der Dorfschule, alle 50 Schüler in einem Raum, dazwischen der kleine Mosch. Als er in die erste Klasse kam, konnte er schon lesen und schreiben. Für die guten Noten musste er kaum was tun. Schon damals: Keine Probleme.

Er hatte eine Kamera, filmte, was um ihn herum passierte, saß dann nächtelang im Keller und schnitt alles zusammen. Ein junger Mann mit langen blonden Haaren bis zum Po, voller Pläne, voller Entdeckerlust. Ende der 70er ging er weg von der Familie, weg aus Bayern, ab nach Berlin.

Wigbert Moschall in jungen Jahren.
Wigbert Moschall in jungen Jahren.Foto: privat

Film wollte er studieren, doch aus irgendeinem Grund, Vernunft oder so, wurde es erst mal Stadt- und Regionalplanung an der TU. Als Diplomarbeit reichte er einen Film über die Neuordnung im ländlichen Raum seiner Heimat ein. Mehr muss man über sein Studium nicht sagen. Denn Mosch war längst dem Film verfallen, nur politisch, kunstvoll und unabhängig musste er sein.

Da ist die Freundin, fast 40 Jahre kannte sie ihn. Sie erinnert sich, wie sie damals in das kleine Kino „Lichtblick“ kam, wo es spannende Reihen mit unbekannten Filmen gab. Der Kerl mit den langen blonden Haaren quatschte sie an der Kasse an: „Sag mal, wenn du schon jeden Freitag hier bist, willst du nicht auch am Montag kommen, da planen wir das Programm.“

Programm planen, Filmrollen und Projektoren abholen, aufbauen, Karten und Getränke verkaufen, Filme zeigen, Filme zurückbringen … Kultur ist, was man selber macht.

Doch wo Kultur ist, muss auch stundenlang diskutiert werden. Mosch hasste das. Einmal sagte er allen, dass jetzt Schluss mit der Quatscherei sei, er organisiere das jetzt und wenn alles fertig organisiert sei, könne man sich ja wieder treffen. Oder er stand bei den Samstagstreffen als Erster auf, sagte, dass er gleich zu einem wichtigen Termin müsse, ratterte noch eben seine Ideen runter, verteilte die Aufgaben und war weg, bevor die anderen überhaupt Luft geholt hatten. Sein wichtigster Samstagstermin war der Fußball mit den Jungs.

Filmstudenten müssen Filme drehen. Da brauchen sie Leute für Kamera, Licht, Ton und auch für die Organisation: Aufnahme- und Produktionsleitung. Das übernahm Mosch. Und er war verlässlich und hatte keine Starallüren, musste nicht immer alles besser wissen. Er kümmerte sich um alles, Strom, Essen, Übernachtungen. Und er organisierte Kurzfilmfestivals, je politischer, desto besser. Eins fiel in die Zeit der WM in Mexiko, und keiner kam ins Kino. Mosch war das egal. Hauptsache, die Sache fand statt. Kunst muss gemacht werden.

Mal lief es gut und mal nicht so, egal

Es gab den Mosch, der gern fotografierte, der mit seinem Fahrrad in die Natur fuhr, der immer eine Freundin an seiner Seite hatte. Manche jahrelang, manche nur kurz. Treu war er aber immer, auch seinen Freunden.

Mosch gründete 1992 einen Filmverleih für unbekannte Erstlingswerke, „Wild Okapi“. Die Filme hießen „Solinger Rudi“ oder „Frankie, Jonny und die anderen“. Mosch reiste quer durch Deutschland, klopfte auf Schultern, spielte seinen Charme aus, trat, wenn es sein musste, auch sehr seriös auf, alles um seine kleinen Filme auf die Festivals und in die Programmkinos zu bringen. Mal lief es gut und mal nicht so, egal. Er arbeitete ja auch noch als Filmvorführer bei der „Berlinale“ oder wieder als Aufnahmeleiter, Hauptsache, der kleine Film lebte, und er, Mosch auf Mission, brachte ihn unter die Leute. Als es wirklich schwierig wurde und überhaupt kein Geld mehr reinkam, verkaufte er Filmlizenzen von Korea nach Schweden, von Lübeck nach Cottbus, Comicstrips, Arthouse, alles, was anfiel.

Überall traf er Bekannte, mit denen er anstieß, auf die Kultur, den Film und auf das Leben sowieso. Das Filmbusiness ist hart, ein Haifischbecken, Mosch hielt sich 20 Jahre. Dann entglitt ihm das mit dem Trinken.

Wenn er ins Krankenhaus musste, entließ er sich nach ein paar Tagen wieder selber. Ärzte waren Autoritäten, und auf die hörte er nicht. In seiner Wohnung hing eine gerahmte Postkarte mit dem Spruch: „Ich kenne meine Grenzen genau – schließlich überschreite ich sie oft genug.“ Immer häufiger hielt der Notarztwagen vor seinem Haus.

Man traf ihn auf der Straße, er strahlte und erzählte, wie es voranging, und musste gleich zum nächsten Termin. Keine Zeit, sich in die Seele schauen zu lassen. Bis es keine Termine mehr für ihn gab. Und nun steht sein Foto vor dem roten Vorhang im kleinen Kinosaal. Da, wo schon so oft das Licht aus- und der Film anging.

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