Nachruf Waltraut Rusch (Geb. 1935) : „Jeden Tag eine gute Tat, das muss drin sein“

Überhaupt konnte sie das gut, auf andere zugehen, sich bekannt machen. Mit ihrer immerwährenden Fröhlichkeit.

Waltraut Rusch (1935-2019)
Waltraut Rusch (1935-2019)Foto: privat

„Eine 83-jährige Fußgängerin ist nach einem Verkehrsunfall in Moabit verstorben. Die Seniorin war am Freitag gegen 11.30 Uhr auf der Turmstraße von einem Laster erfasst und lebensgefährlich verletzt worden. Das Unglück geschah, als der 52-jährige Fahrer des Lkw von der Kreuzung Strombergstraße/Turmstraße nach rechts abbog. Dabei übersah er möglicherweise die Frau.“

Am Ende war es diese nüchterne, anonyme Polizeimeldung, die ihren Tod verkündete. Es war der 1. Februar 2019, als es passiert war, als Waltraut Rusch, eine kleine, agile Dame mit dicker Brille das tat, was sie immer gerne getan hatte: einen Hund aus der Nachbarschaft ausführen. An diesem Tag war es der kleine Willi, der hat so einen lustigen Schnurrbart.

„Jeden Tag eine gute Tat, das muss drin sein“, sagte sie und „zu Hause nur so im Sessel rumsitzen, das geht ja überhaupt nicht.“ Wenn jemand Hilfe brauchte, wenn jemand im Urlaub war, Waltraut war zur Stelle, Pakete annehmen, Schlüssel aufbewahren, Blumen gießen und eben mit den Vierbeinern Gassi gehen.

Mit vielen kleinen Schritten, die eine so kleine Person eben tun muss, raste sie durch ihren Tag, war immer auf dem Sprung, hatte Angst, etwas zu verpassen. Und das, obwohl ihr Körper schon ein kleines Ersatzteillager war: Die letzte Reparatur war ein Hüftersatz, davor gab es eine Platte mit zwölf Schrauben in der Schulter.

Kein Meckern, keine Beschwerden über Zipperlein

Mittwochs war Seniorenrunde in der Golgathakirche. Dabei hatte sie so eine Art, zwar auch von sich zu erzählen, von ihrer Kindheit, den Bomben, der Flucht, wie sie nicht Medizin studieren durfte – aber vor allem konnte sie still sein, den anderen zuhören und nachfragen. Dann die vielen Reisen, die sie alleine oder mit Freundinnen machte.

Einmal mieteten sie sich einen Bus und fuhren als Damenrunde wochenlang durch Skandinavien. Überhaupt konnte sie das gut, auf andere zugehen, sich bekannt machen, mit ihrem Lachen, mit ihrer immerwährenden Fröhlichkeit. Kein Meckern, keine Beschwerden über Zipperlein.

Einen Mann, der im Alter an ihrer Seite stand, gab es nicht, hat es nie gegeben. Männer schon – von denen erzählen wir hier jetzt aber nicht. Sie sagte immer: „Einen Seemann, den würde ich nehmen. Drei Monate hier, das halte ich aus, den Rest ist er ja weg.“ Sie hatte ihre Ordnung, ihre Struktur, da sollte ihr keiner reinpfuschen. Und Kinder hatte sie ja auch genug. Hunderte, Tausende werden es gewesen sein. Manchmal passierte es, dass ein ausgewachsener Mann auf der Straße stehen blieb und sagte: „Mensch, Frau Oberschwester Rusch, erinnern Sie sich noch, wie Sie mir damals das Leben gerettet haben?“ Das war natürlich ein bisschen übertrieben, aber in der Sache stimmte es. Doch dann, 1993, hatte sie genug davon, Oberschwester zu sein. „Besser-Wessis“ wollten ihr, die sie die pflegerische Leitung der Charité-Kinderklinik innehatte, mit über 250 Menschen, die auf ihre Organisationskünste vertrauten, diese Wessis also wollten ihr sagen, wie sie den Laden zu schmeißen hatte. Das wollte sie nicht, ließ sich abfinden und ging in den Ruhestand.

Eigentlich wollte sie Medizin studieren

Die Zeit vorher war fantastisch. Ordnen, organisieren, Dienstpläne schreiben, den „sterilen Bereitschaftsdienst“ einteilen, die Station am Laufen halten, auch die privaten Probleme der Schwestern kennen, für viele hatte sie aufmunternde Worte, all das konnte sie gut. Wenn sie merkte, dass die Ärzte oder Professoren den Schwestern Arbeit aufhalsten, die nicht die ihre war, dann hielt sie energisch dagegen. Jeden Tag ging sie durch alle Bereiche, schaute über Schultern, verbesserte Arbeitsabläufe. Wenn es alte Regeln gab, die sie unsinnig fand, änderte sie diese. Dass Kinder nur im Bett mit der Flasche zu stillen waren, zum Beispiel: Weder ging das schneller noch wurde dadurch das Bedürfnis der Kinder nach Nähe erfüllt. Auf der Frühchenstation, da wo die kleinen Babys in den Glaskästen heranwuchsen, durften die Eltern damals ja noch nicht zu ihren Kindern.

Die Charité hatte einen exzellenten Ruf, beste Technik, beste Ärzte, eine Exzellenz-Schmiede – und stand damit natürlich im Fokus der Partei. Wer hier arbeitete, sollte linientreu sein. Weil Waltraut Rusch das aber nicht war, weil sie immer noch einen Groll auf die Partei und ihre Ideologie hatte, trat sie der Blockpartei CDU bei, so hatte sie ihre Ruhe.

Überhaupt. Erst wollten sie sie 1958 ja gar nicht von Suhl nach Berlin an die Charité lassen, hatten Angst, dass sie in den Westen floh, die Mauer gab es ja noch nicht. So steht es in ihren Stasiakten. Doch Waltraut Rusch trat bestimmt und energisch auf, setzte sich durch. Eigentlich wollte sie Medizin studieren, schon seitdem sie ein Kind war. Doch in den ersten Jahrzehnten der DDR gab es diese nicht festgeschriebene, aber vielfach durchgesetzte Regel, dass Kinder von Akademikereltern nicht Abitur machen durften, dass Arbeiterkindern dieses Privileg zugute kommen sollte. Diese Begrenzung, die man ihr da vor die Nase setzte, fühlte sich so ungerecht an. Das war der Moment, an dem sie für sich festlegte, dass sie von nun an ihr Schicksal selber in die Hand nehmen wollte und niemand mehr über sie bestimmen sollte. Wenn sie schon nicht Ärztin werden durfte, dann ließ sie sich wenigstens als Schwester ausbilden. Sonnabends war Praxiseinsatz in den Kliniken. Ihre Aufgabe: putzen. Darüber beschwerte sie sich, natürlich – und musste sie dann nicht mehr putzen.

Sie hatte, wie Menschen auch, ihre Heimat verloren

Oberschule in Magdeburg, davor die Volksschule in Geestgottberg in der Altmark, zwei Klassen in einem Raum. Waltraut Rusch galt als das fremde Flüchtlingsmädchen aus Stettin. Dann war sie auch noch ein spätes Einzelkind, scheinbar höflich und lieb. Doch erst ließ sie sich von den Dorfkindern nichts mehr gefallen, dann half sie ihnen bei den Schularbeiten, ging mit ihnen Kaninchenfutter besorgen, schnell gehörte sie dazu.

Als sie 1945 ihre Heimat Stettin verlassen hatte, war sie zehn Jahre alt und zusammen mit ihrer Mutter auf der Flucht, mit einem der letzten Züge über die Oderbrücken, die hinter ihnen gesprengt wurden. Vorher erlebte sie die Bomben im Keller, spürte die Angst um ihr Leben. Einmal war sie von ihren Eltern getrennt worden, saß in einem der großen Bunker der Stadt, während die Eltern zu Hause hockten. Da hatte sie nicht nur Angst um sich, sondern vor allem Angst, dass die Eltern die Nacht nicht überleben würden.

„Ich hatte, wie viele Menschen auch, meine Heimat verloren. Meine Zukunft hätte ohne den Krieg völlig anders ausgesehen. Trotzdem bin ich ein sehr zufriedener Mensch und danke Gott, dass er so oft bei mir war und immer noch ist.“ Das sind die letzten Zeilen ihres handgeschriebenen Lebenslaufes.

Und dann kam der 1. Februar 2019.

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