Neuer Feiertag für Berlin : Was war denn eigentlich am 17. Juni?

Am 17. Juni 1953 demonstrieten die Menschen in der DDR für freie Wahlen. Weil heute erschreckend viele Menschen weder wählen noch demonstrieren gehen, wäre ein Gedenktag der richtige Anstoß.

Einige der 100.000 Demonstranten wurden auf dem Alexanderplatz von Sowjets zurückgedrängt.
Einige der 100.000 Demonstranten wurden auf dem Alexanderplatz von Sowjets zurückgedrängt.Foto: AFP

Was war eigentlich am 17. Juni? Fanmeile! Ja, gut, in Berlin vielleicht. Aber nicht im Jahr 1953.

Das Datum markiert ein Ereignis, das im kollektiven Gedächtnis, zumal bei den Jüngeren, in Vergessenheit geraten ist: den Volksaufstand in der DDR. Die Menschen sind für freie Wahlen auf die Straße gegangen. Zu einer Zeit als in Deutschland solche Ideen noch mit Panzern beantwortet wurden.

Der 17. Juni 1953
"Da kommen die Hennigsdorfer!" Ab 6 Uhr morgens marschieren 15.000 Hennigsdorfer Stahlarbeiter durch Wedding nach Ostberlin. Sie fordern Freiheit und freie Wahlen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 43Foto: Friedrich-Ebert-Stiftung
17.06.2021 11:28"Da kommen die Hennigsdorfer!" Ab 6 Uhr morgens marschieren 15.000 Hennigsdorfer Stahlarbeiter durch Wedding nach Ostberlin. Sie...

Während es doch heute in der Bundesrepublik kaum vorstellbar ist, erstens, nicht demonstrieren gehen zu dürfen und zweitens, nicht wählen zu dürfen, gehen erschreckend viele weder demonstrieren noch wählen. Vielleicht wäre so ein Gedenktag zumindest ein Anstoß, sich zu fragen: Was war denn eigentlich am 17. Juni?

Jedes Jahr zu Ostern oder Weihnachten veranstalten private Fernsehsender peinliche Straßenumfragen, was an dem jeweiligen Feiertag passiert ist. Manchmal lautete die Antwort „Jesus ist gestorben“. Natürlich werden auch mit einem Feiertag am 17. Juni (der übrigens von 1954 bis zur deutschen Wiedervereinigung 1990 als „Tag der deutschen Einheit“ Nationalfeiertag der BRD war) nicht plötzlich alle politisiert und interessiert.

Trotzdem steht der Tag doch für Werte, die heute ebenso hochzuhalten sind, wie damals. Das Eintreten des Volks für Menschenrechte, für Freiheitsrechte, hat einen Feiertag verdient. Und für die, denen das alles zu pathetisch ist, sei ein anderes Argument genannt: Die Chancen stehen gut, dass am 17. Juni die Sonne scheint.

Berlin sucht einen neuen Feiertag - in sieben Plädoyers machen Tagesspiegel-Autoren Vorschläge. Hier finden Sie die anderen Beiträge der Reihe:

27. Januar: TAG DER AUSCHWITZ-BEFREIUNG
8. Mai: TAG DER BEFREIUNG
23. Mai: TAG DES GRUNDGESETZES
17. Juni: TAG DES AUFSTANDES
Oktober/September: JOM KIPPUR
9. November: TAG DES MAUERFALLS
16. November: TAG FÜR TOLERANZ

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