Neues Café : "Mach doch mal was in Potsdam"

Schauspieler wie Vater Jürgen? Wollte Giacomo Vogel nie werden. In Potsdam hat er einen Ableger seines Berliner Cafés eröffnet – eine Idee seiner Stiefmutter.

Steffi Pyanoe
"What Do You Fancy Love": Giacomo Vogel eröffnet ein Café in der Potsdamer Dortustraße
"What Do You Fancy Love": Giacomo Vogel eröffnet ein Café in der Potsdamer DortustraßeFoto: Andreas Klaer

Mit den Hockern ist das so: Es passen davon einfach mehr Stück auf dieselbe Fläche als Stühle. Und das erhöhe die „Gast-Fluktuation“, sagt Giacomo Vogel. Mit seinem Bruder Ritchie ist er Inhaber eines neuen Cafés in der Potsdamer Dortustraße, und beide sind keine Anfänger in Sachen Gastronomie.

2012 eröffneten sie ihr erstes Café in Berlin, das neue in Potsdam ist das siebente. Und das dritte mit dem ungewöhnlichen Namen „What do you fancy love?“ – die anderen beiden finden sich in der Charlottenburger Knesebeckstraße und in der Linienstraße in Mitte .

Der Name hat eine Geschichte. Ritchie Vogel lebte einige Jahre in London, von wo er lauter verrückte Gastro-Konzepte und eben diesen Satz mit zurück nach Berlin brachte. Übersetzen lasse er sich etwa mit „Was hättest du gern, mein Engel? Worauf hast du Lust?“. Wenn der Chef schnell spricht, klingt das eher nach „Wottifänzlov“ – ein Name, der „hängen bleibt“, glaubt Vogel.

Das Ordnungsamt war schnell

Der Weg bis hierhin war steinig. Länger als ein Jahr dauerte das Gezerre mit der Stadtverwaltung, weil das Geschäft für gastronomische Zwecke umgewidmet, umgebaut und abgenommen werden musste – während die monatliche Miete längst floss. Aber die Inhaber benachbarter Geschäfte trösteten ihn.

Und das Ordnungsamt, immerhin, das war schnell, als es um die Nutzungsgenehmigung des Bürgersteigs ging. Die halfen sogar beim Ausmessen, sagt Vogel mit ehrlicher Begeisterung. Verglichen mit Berlin sei das Aufstellen von Tischen in Potsdam übrigens richtig günstig.

Die ersten Gäste des Tages sind längst da – Studenten, Touristen, Mütter mit Kinderwagen und Hund. Vogel freut das, er freut sich über jeden Gast. Auch über den sparsamen, der sich mit einem Espresso für zwei Stunden ins W-Lan setzt. Irgendwann, meint Vogel, wird jeder hungrig. Und wer sich wohl fühlt und noch dazu neue Leute kennenlernt, der kommt wieder.

Die Idee, hier einen Laden zu eröffnen, hatte seine Stiefmutter, die in der Nähe lebt. „Mach doch mal was in Potsdam,“ sagte sie. Also hat er an einem Sonntag die Touristenströme in der Brandenburger Straße beobachtet. Er staunte, was da los war. „Außerdem gibt es hier 40.000 Studenten, von denen ein Drittel bestimmt hier wohnt“, schätzt Vogel. „Irgendwo müssen die frühstücken gehen.“

„Das gesunde Zeug muss schmecken“

Die Karte bietet kalte Küche mit vielen angesagten Superfoods, von Chiasamen bis Kakao-Chips, frisch gepresste Säfte, Shakes, Müslis, dick belegte Bagel, für Fleisch-Fans wie auch für Vegetarier. Man ist zwar auf alle Wünsche und Befindlichkeiten eingestellt und bei der Bestellung werden Allergien abgefragt. Aber: „Das gesunde Zeug muss außerdem schmecken,“ sagt Vogel. Und das tun die handtellergroßen Cookies und saftigen Torten aus ihrer eigenen Bäckerei. Was davon übrig bleibt, und das ist nicht viel, geht abends zur Tafel.

Gelernt hat der 29-jährige Vogel das Gastro-Geschäft nie. Aber Schauspieler werden wie sein Vater Jürgen Vogel, das kam auch nicht in Frage. „Wir haben kein Talent“, sagt er nüchtern über sich und seinen Bruder. Etwas Anteil an der Berufswahl hat der Vater aber schon: Als der Sohn 15 war, jobbte er in genau dem selben Restaurant, in dem sein Vater einst als Schüler gearbeitet hatte. Kartoffeln schälen, Gemüse schnippeln, Arbeiten lernen – Geld verdienen, denn das Taschengeld reichte nicht zum abendlichen Ausgehen. Außerdem: In der Gastronomie, sagt Giacomo Vogel, kann man Menschen schnell glücklich machen, man hat sofort ein Erfolgserlebnis. Das gefällt ihm.

Nur einmal baten die Söhne ihren Vater um Unterstützung: „Als wir den ersten Laden aufmachten, musste er einen Monat lang täglich eine Stunde vor dem Haus sitzen, Kaffee trinken und nett aussehen“, sagt Vogel und grinst. Geklappt hat es wohl, die Leute kamen jedenfalls. Heute ist das nicht mehr nötig. Ob der Vater trotzdem mal nach Potsdam kommen wird? „Mal sehen, bestimmt“, sagt der Sohn. „Er hat ja unheimlich viel zu tun.“

Auch Giacomo Vogel hat zu tun, er pendelt bisweilen zwei Mal täglich zwischen Berlin und Potsdam. Einen Mixer ersetzen, den es gleich am ersten Tag entschärft hatte, oder Personalgespräche führen. Letztendlich entscheide aber das Team, ob jemand eingestellt wird. Von den Brüdern ist er derjenige, der vor Ort ist und den Alltag managt.

Sein Bruder Ritchie ist der Designer im Hintergrund, der plant und einrichtet. Das Corporate Design ist eher nüchtern, grauer Estrich-Fußboden und als Blickfang eine bunte Wand, tapeziert mit Seiten aus Fotobüchern. Holztische, hinterm Tresen Edelstahl, der Durchgang zur Küche offen. Der Kunde soll alles sehen können unter anderem, dass es sauber ist.

365 Tage im Jahr ist das Café geöffnet. Gerade an Feiertagen wüssten viele nicht, wohin, auch Touristen, sagt Vogel. Und: Zum Konzept gehört auch, dass alle geduzt werden. Diese Einstellung, dass es gerne etwas familiärer sein darf, stamme aus dem Vogel-Clan. „Wir sind eine riesige Patchworkfamilie“, sagt Giacomo, „mit vielen Geschwistern und drei Müttern.“ Eine dieser Mütter hilft mit und macht die Buchhaltung, Giacomos Freundin leitet einen Laden in Berlin.

Sein Fazit nach der ersten Woche in Potsdam: Die Leute ticken hier doch etwas anders als die Berliner. Plastik-Becher, auch wenn die aus 100 Prozent recyceltem Material sind, kommen hier nicht gut an. Er wird wieder Gläser anschaffen und hofft, dass sie ihm nicht, wie in Berlin, massenhaft geklaut werden. „Wir packen den Chiapudding aber auch in eure mitgebrachten Gefäße, kein Problem.“

What do you fancy love?, Dortustraße 52, Potsdam. Mo-Fr 8 bis 18 Uhr, Sa+So 9 bis 18 Uhr

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