Berlin : Nicht reif für die Museumsinsel

Initiative sieht wegen der Baupläne das Weltkulturerbe in Gefahr. Ein Volksbegehren soll das zentrale Eingangsgebäude verhindern

Christian van Lessen

Mit viel prominenter Unterstützung soll die Planung auf der Museumsinsel zu Fall gebracht werden. Die Initiative „Rettet die Museumsinsel“ fürchtet, dass mit einem neuen Eingangsgebäude vor dem Neuen Museum der Status der Insel als „Weltkulturerbe“ auf dem Spiel steht. Deshalb hat sie gestern mit den Vorbereitungen für ein Volksbegehren begonnen. Um dafür die erste Hürde zu nehmen, müssen bis Anfang September mindestens 20 000 Unterschriften vorliegen.

Über den Sinn eines zentralen Eingangs sollte noch einmal diskutiert werden, meinte die Historikerin Annette Ahme, Sprecherin der Initiative „Rettet die Museumsinsel“. Ihr gehören unter anderem Lea Rosh, Günther Jauch, der Verleger und Publizist Wolf Jobst Siedler, der Historiker Arnulf Baring, Parlamentsvizepräsident Uwe Lehmann-Brauns und der stellvertretende CDU-Fraktionsvorsitzende Michael Braun an. Die Initiative meint, dass die Unesco beim Antrag auf den Weltkulturerbe-Status nicht von den Neubauplänen informiert wurde, was von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz als unzutreffend bezeichnet wird.

Der internationale Rat für Denkmalpflege Icomos, der für die Unesco als Gutachter arbeitet und das architektonische Welterbe überwacht, hatte die vorgelegten Neubaupläne bereits im vergangenen Jahr kritisiert: In der vorgestellten Form passten sie nicht zu den Nachbargebäuden. Icomos erwartet weiterhin eine „einvernehmliche Lösung“. Die Stiftung sprach von einem „Rohentwurf“. Seit Monaten arbeitet der Architekt David Chipperfield, der die Kritik der Unesco als „konstruktive Anregung“ empfand, an einem neuen Plan. Die Weltorganisation hatte wiederholt andernorts mit Sanktionen gedroht, wenn ihr ein Weltkulturerbe durch geplante Bauten bedroht schien, etwa im Dresdener Elbtal.

Parlamentsvizepräsident Uwe Lehmann-Brauns (CDU) sagte gestern, es sei „Barbarei“, das Neue Museum hinter einem Neubau zu verstecken. Die Museumsbauten prägten das Stadtbild, dem müsse sich die Funktionalität unterordnen. CDU-Fraktionsvize Michael Braun sprach von einem „überdimensionierten Aquarium“. Kultur habe auch mit Stadtbildpflege zu tun. Die Stiftung betonte gestern, mit dem Neubau werde eine Empfangssituation geschaffen, die einem international bedeutenden Museumszentrum angemessen sei. Es werde sich in das Ensemble des Unesco-Weltkulturerbes einfügen und sich dabei „einer zeitgemäßen Formensprache bedienen.“ Konkrete Aussagen ließen sich in etwa einem Jahr machen, Baubeginn sei frühestens 2009, die Fertigstellung 2012. Der Bund habe 73 Millionen Euro für die „James-Simon-Galerie“ bereitgestellt.

Auch das Pergamonmuseum könne zu einem Eingang werden, wenn der Hof davor ein gläsernes Dach erhalte, meinte die Initiative. Ihre Kritik richtet sich auch gegen die Art des Wiederaufbaus im Neuen Museum, das nach 60 Jahren Ruinenzeit 2009 wiedereröffnet werden soll. Auch hier ist Chipperfield beauftragt. Er will keine Kopie des alten Stülerbaus schaffen, sondern ein differenziertes Restaurierungskonzept verwirklichen, das die Geschichte des Hauses und seine Zerstörungen deutlich macht.

Die Initiative meint, hier gelte Denkmalschutz offenbar für eine Ruine und forderte den Haushaltsausschuss des Bundestages auf, das 300-Millionen -Projekt zu unterbrechen. Der Senat müsse für einen originalgetreuen Wiederaufbau der „weltweit einzigartigen Insel“ sorgen, das sei der angemessene Umgang mit dem Weltkulturerbe. Alice Ströver, kulturpolitische Sprecherin der Bündnisgrünen im Abgeordnetenhaus, warf der Initiative „Historismus“ vor. Die Initiatoren des Volksbegehrens sollten sich eher darum kümmern, dass der Entwurf von David Chipperfield für das Eingangsgebäude auf die Museumsinsel so gestaltet wird, dass es im Einklang mit den Vorgaben der Unesco-Weltkulturerbe-Kommission stehe. Die Staatlichen Museen und Chipperfield sollten die Diskussion mit der Fachöffentlichkeit führen.

Mindestens 20 000 Unterschriften könnten nur ein erster Schritt sein, die Baupläne zu vereiteln oder zu verändern. Anschließend müssten sieben Prozent der Stimmberechtigen – rund 170 000 – dem Antrag auf ein Volksbegehren zustimmen. (Chipperfield-Porträt Seite 6)

Informationen im Internet unter www.ahme.de

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