Berlin : Nika Sanftleben (Geb. 1919)

So lange kann eine Oktoberrevolution doch nicht dauern

Sie habe, so hat Nika Sanftleben das oft ihrer Tochter gesagt, eben ein Ohr für die höhere Regie. Anders könne man sich ihr Leben kaum erklären, das nicht einer langen, fließenden Bewegung folgte, sondern aus Sprüngen und abrupten Veränderungen zu bestehen schien.

1919 kommt Nika in Kasachstan zur Welt als dritte und mit Abstand jüngste Tochter eines Tuchfabrikanten und seiner Frau mit französischen und deutschen Wurzeln. Behütetes Leben, russisches Großbürgertum, zumindest am Anfang. Als sie zwei Jahre ist, der erste Bruch: Die Revolution, in Russland begonnen, erreicht Kasachstan, zerreißt die alte Welt, und Nika, ihre Mutter und ihre zwei Schwestern müssen fliehen.

Das mit dem Unterwegssein sei ihr wohl damals eingepflanzt worden, erzählt ihre Tochter heute. Als Tragödie zuerst noch, nicht als Lebensstil. Auf einem Viehwaggon fahren sie nach Westen, drei Wochen bis Berlin. Drei Wochen Enge, Gestank und die Angst des kleinen Mädchens, an der Bahnstrecke zurückgelassen zu werden.

In Berlin angekommen, zieht die Familie in eine große Wohnung in der Kleiststraße. Gemeinsam mit der Tante und ihren vier Kindern warten sie auf den Vater und den Onkel, die wenig später nachkommen. Später denkt Nika gern an die Zeit zurück, als sie alle in Berlin lebten. Der Vater arbeitet als Geschäftsmann, er reist oft. Zu Hause wird, wie man das damals so nannte, groß Haus geführt; Intellektuelle und Künstler kommen zu Hauskonzerten, Salons und spiritistischen Sitzungen. Nika linst durchs Schlüsselloch. Die Familie spricht russisch und französisch. Berlin soll nur Station sein; so lange kann eine Oktoberrevolution doch nicht dauern.

Nika wird sich zeit ihres Lebens als Russin sehen. „Ich als Russin“, sagt sie und spricht von ihrer „russischen Seele“.

Als sie zehn ist, geht ihr Vater auf Geschäftsreise nach Moskau und verschwindet. Wochenlang weiß die Familie nichts über sein Schicksal, bis sie erfahren, dass er verhaftet wurde.

Damit endet das Leben, das sie bis dahin führten. Das Geld, das ein Freund des Vaters für genau diesen Fall aufheben sollte, ist verschwunden und so vermietet die Mutter von nun an Zimmer. Nika, die ihr Abitur am russischen Gymnasium machen möchte, muss, seit sie 15 war, Geld verdienen. Es ist, wie es ist.

Sie tut das, was sie am besten kann: Sie tanzt. Bei ihrem ersten Engagement am Ballett in Halle an der Saale trägt sie Dauerwelle, um älter auszusehen.

„Gute Wahl der höheren Regie“, sagt ihre Tochter heute. Nika ist begabt, von Halle geht sie nach Aachen, nach Nürnberg, wird Solotänzerin und schließlich Primaballerina in München.

13 Jahre bleibt sie an der Staatsoper. Tanzt durch den Krieg und die junge Bundesrepublik. Dornröschen, Coppelia, Gretchen in Werner Egks „Abraxas“.

Mit 35, nach 20 Jahren auf der Bühne, beendet Nika ihre Karriere als Tänzerin und ihr Leben als Nika Sanftleben. Sie erfindet sich neu als Choreografin mit einem neuen Namen: Nika Nilanowa. Sie lernt einen ungarischen Oboisten kennen, gemeinsam gehen sie an die Deutsche Oper am Rhein in Düsseldorf. Als sie heiraten, ist sie 37, mit 38 wird sie Mutter.

25 Jahre bleiben sie dort, nur unterbrochen von einem kurzen Sprung nach Stuttgart. John Cranko will sie als Trainingsleiterin. Sie fragt nicht, ob sie das kann; es kommt, wie es kommt. Regie eben. Zurück in Düsseldorf gründet sie eine eigene Ballettschule, vorerst für immer.

Als sie 62 ist, bekommt ihr Mann Krebs. Er ist Jude und will nicht in Deutschland sterben. Sie verkauft die Ballettschule, und sie gehen nach Basel für seine letzten Jahre.

Als er nach drei Monaten stirbt, zieht Nika zurück nach Düsseldorf. Ohne Beschäftigung bleibt sie dort eine Weile, dann kommt ein Anruf aus Basel. Das dortige Theater will eine Ballettschule aufbauen; sie soll sie leiten. Nika geht zurück.

Als sie mit 70 in Rente geht, beginnt sie zu schreiben: Sie verfasst Ballettkritiken und übersetzt Ballettbücher. Mit 80 steht sie zum letzten Mal auf der Bühne, tanzt Tango in einem Stück und tritt damit auch in Venedig auf. Mit einer Freundin gründet sie einen Verein, der Kindern aus Tschernobyl helfen soll. Mit 90 zieht sie zu ihrer Tochter nach Bonn. Sie ist nicht mehr so gut zu Fuß, von 96 an sitzt sie im Rollstuhl. Was für eine Kränkung.

Als ihre Tochter von Bonn nach Berlin zieht, kommt sie mit. Sie wohnt in einem Pflegeheim und besucht die Orte ihrer Kindheit, wundert sich, dass dort, wo ihr Haus stand, heute ein Elektromarkt ist.

Am Ende hört sie auf, sich zu erinnern. Bonn verschwindet, München, Basel, Düsseldorf. Und sie, die sich überall zu Hause fühlte, selbst da, wo sie nur kurz blieb, fühlt sich in der Stadt ihrer Kindheit auf einmal fremd. Sie hört auf zu essen und zu trinken. Ihre Tochter versucht, sie zu überreden, aber Nika hat sich entschieden. Es kommt, wie es kommt. Höhere Regie.

In Straßlach, einem Ort ein wenig südlich von München, steht eine Skulptur, ein Meter sechzig, aus Bronze. „Die Tänzerin“ heißt sie, im Jahr 1943 stand Nika, damals 24, dafür Modell. Sie steht da, ein Fuß schräg nach vorne, in Ballettpose, ihre Hände berühren leicht ihre Schultern. Ein wenig sieht es aus, als würde sie auf Regieanweisungen warten, gespannt auf den Tanz, der gleich beginnen wird.

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