Notfallmedizin in Berlin : Rettungsstellen werden besser vernetzt

Patienten soll mit neuer Software schneller geholfen werden. Die wird in allen Rettungswagen installiert und hilft etwa bei der Suche nach freien Betten.

Allzu oft werden Krnake in überfüllte Notaufnahmen gebracht - das soll sich ändern.
Allzu oft werden Krnake in überfüllte Notaufnahmen gebracht - das soll sich ändern.Foto: imago/Seeliger

Drei, vier, manchmal fünf Rettungswagen rasen auf dieselbe Klinik zu – obwohl in einem anderen Krankenhaus in der Nähe mehr Notfallbetten frei wären. In einer Rettungsstelle ist der Computertomograf ausgefallen – was die Helfer im Rettungswagen aber erst erfahren, als sie die Notaufnahme mitsamt ihrem Patienten betreten haben. Ein Rettungsdienst telefoniert sich von Klinik zu Klinik, um einen freien Platz auf einer Geburtsstation zu finden – derweil muss die werdene Mutter warten. Derlei soll sich nun ändern, indem solche Fragen im Alltag der Notfallrettung schneller, fast automatisch geklärt werden.

Das beschleunigt die Versorgung der Patienten, dürfte also zu einer Entlastung der Kliniken führen, zumindest zu glatteren Abläufen. Ermöglicht werden soll das durch technische Aufrüstung und einen Algorithmus – Gesundheitssenatorin Dilek Kolat und Innensenator Andreas Geisel (beide SPD) stellten dazu am Mittwoch das entsprechende Programm „Ivena“ im Vivantes-Klinikum in Friedrichshain vor. Allein in der dortigen Rettungsstelle werden Zehntausende Patienten pro Jahr versorgt. Insgesamt sind es in Berlin mehr als 1,2 Millionen Fälle. Die 38 Notaufnahmen in der Stadt gelten seit Jahren als überlastet, wobei allerdings die Hälfte der Patienten gar keine Notfälle sind. Die Ivena-Software, die schon seit April eingeschränkt verfügbar ist, soll von Rettungsdiensten und Kliniken gleichermaßen genutzt werden; alles auf einem Laptop-ähnlichen Gerät.

Zunächst wird der Dienst für Geburtsstationen genutzt

Sie bietet als digitale Plattform allen beteiligten Akteuren über das Internet ständig Überblick zu freien Betten, verfügbaren Arzneien und etwaigen Ausfällen. Zunächst soll es um Geburtsstationen gehen, später um schwere Krankheitsfälle, schließlich um alle Patienten. Das Programm zeigt den Rettungsdiensten in Sekunden an, welche Klinik sie mit welchem Patienten anfahren sollen. Vorausgesetzt, die Daten aus den Kliniken fließen kontinuierlich ein. Dabei berücksichtigt die Software, welches Haus viele Betten frei hat, wie ernst der Zustand eines Patienten und wo ein Spezialist für welche Krankheiten im Einsatz ist.

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„Wir passen die Abläufe noch ein wenig an, aber Ivena dürfte sich wohl als Meilenstein herausstellen“, sagte Vivantes-Chefarzt Philipp Kellner am Mittwoch. „Bislang kommen nur zehn Prozent der Patienten mit Vorankündigung in die Rettungsstelle.“ Kliniken müssen ihre Stationen bei Vollbelegung nicht mehr telefonisch oder gar per Fax bei der Feuerwehrleitstelle ab- und anmelden, auch von ausgefallener OP-Technik oder Havarien in der Stadt erfahren dann alle sofort. In Bayern und Hessen wird schon mit Ivena gearbeitet; wie hoch die Zeitersparnis im Schnitt ist, darüber gibt es laut Feuerwehr keine Zahlen. Am Mittwoch aber war man sich weitgehend einig, dass sie im Einzelfall viele Minuten betragen dürfte. „Bei Notfällen zählt jede Minute“, sagte Gesundheitssenatorin Kolat, „um schnellstmöglich die beste Hilfe zu bekommen.“

Bis 2020 soll Ivena in allen Rettungswagen installiert sein

Man setzt nun auf eine gleichmäßigere und bedarfsgerechtere Patientenzuweisung. Innensenator Geisel, dem die Rettungsdienste und die Feuerwehr unterstehen, sagte, bis zum Jahr 2020 wolle man die mehr als 180 Rettungswagen in Berlin mit Ivena ausgerüstet haben. Im aktuellen Doppelhaushalt sind dafür 210.000 Euro bereitgestellt. Dass die Rettungsstellen überfüllt sind, dass neben mehr Personal auch bessere Steuerung erforderlich ist, das hatte schon der Vorgängersenat erkannt. Der frühere Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) hatte schon 2014 angekündigt, man bemühe sich darum, in den Rettungswagen bessere Software installieren zu lassen – um allerlei Telefonate zwischen Rettungswagen und Kliniken überflüssig zu machen.

In der Opposition ist man skeptisch. „Ich begrüße, dass endlich die Einführung von Ivena in Berlin erfolgt, jedoch macht der Senat mal wieder den zweiten vor dem ersten Schritt“, sagte Florian Kluckert (FDP). Der rot-rot-grüne Senat habe die Vernetzung stationärer und ambulanter Versorgung noch nicht geregelt, was zur Folge habe, dass trotz des neuen Programmes kaum freie Kapazitäten in den Notaufnahmen vorhanden sein werden.  

Unbeantwortet blieb am Mittwoch die allgemeine Frage nach dem Geld – immer wieder fordern Krankenhäuser und Ärzteverbände eine bessere Vergütung für die Rettungsstellen. Seit 2003 bekommen die Kliniken feste Sätze von den Krankenkassen. Für die allerdings oft kurzen, weil ambulanten Behandlungen in den Notaufnahmen erhielten die Kliniken bislang pro Fall im Schnitt weniger als 35 Euro – was nicht annähernd die Kosten deckt.

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