Notunterkünfte für Obdachlose öffnen : Wenn wieder jede Nacht zählt

Kältebahnhöfe soll es in Berlin nicht mehr geben. Stattdessen will der Senat die Obdachlosen in Wärmehallen und Notunterkünften unterbringen. Ein Besuch.

Ein Mitarbeiter der Johanniter vor der Notübernachtung in Kreuzberg.
Ein Mitarbeiter der Johanniter vor der Notübernachtung in Kreuzberg.Foto: Christoph Soeder/dpa

Wertgegenstände und Drogen werden am Eingang in einen Kasten geschlossen. Dann bekommt jeder Gast ein Bändchen um den Arm, dazu Bettwäsche und ein Handtuch. Am 1. November öffnet die Notübernachtung der Johanniter-Unfall-Hilfe für Obdachlose in der Ohlauer Straße 22. Eigentlich sollte diese schon im Oktober zur Verfügung stehen - doch es sei noch warm gewesen und die meisten Obdachlosen würden so lange wie möglich draußen in ihren Schlafstätten übernachten wollen, erzählt Marie Schneider, ehrenamtliche Projektleiterin der Johanniter-Kältehilfe.

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Bis Ende April 2020 wird es hier in Kreuzberg 100 Schlafplätze für Menschen geben, die auf der Straße leben, „unabhängig ihrer sexuellen Neigung oder ihrer Religion“. 66 Plätze für Männer und 34 für Frauen, acht Pritschen pro Raum in vier Etagen in der ehemaligen Gerhart-Hauptmann-Schule. Geweckt wird bereits um 5 Uhr, geöffnet ist von 19 bis 7 Uhr. Es gibt eine medizinische Grundversorgung und warmes Essen – auch ein veganes Angebot. Und kein Schweinefleisch.

Im vergangenen Jahr war die Unterkunft nicht vollständig ausgelastet, erinnert sich Marie Schneider. In diesem Jahr könnte es voller werden, denn es soll keine „Kältebahnhöfe“ mehr geben. Im vorigen Winter war es obdachlosen Menschen erlaubt, in den Bahnhöfen Lichtenberg und Moritzplatz zu übernachten, sie wurden dort auch versorgt. Doch das führte zu zahlreichen Beschwerden der Anwohner: Dreck, Gestank, Körperflüssigkeiten. Auch daher hat die Sozialverwaltung in Absprache mit der BVG beschlossen, anstelle der Kältebahnhöfe ein „verbessertes Konzept mit Warte- und Wärmehallen“ einzuführen.

1200 Notschlafplätze soll es in Berlin geben

Diese sind in den Räumen des Sozialen Zentrums „Gitschiner 15“ der Evangelischen Kirchengemeinde zu finden. An den U-Bahnhöfen Hallesches Tor und Prinzenstraße werden Obdachlose mit Informationen, Leitsystemen und durch Betreuungspersonal zu dem Angebot geleitet. Bis zum Jahresende soll es in Berlin insgesamt rund 1200 Notschlafplätze geben.

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„Es ist unser gemeinsames Ziel, dass keine Obdachlosen in Bahnhöfen übernachten und so viele betroffene Menschen wie möglich dazu bewegt werden, Notübernachtungen aufzusuchen“, teilte Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) am Donnerstag mit. Viele Obdachlose nehmen die Angebote der Kältehilfe nicht an. Die Gründe sind vielfältig. Zahlreiche Obdachlose beispielsweise haben Hunde und können mit diesen selten in die Kältehilfe. Doch das soll sich ändern. In der Ohlauer Straße gibt es auch zehn Plätze für Hundebesitzer mit Tieren. Dort arbeitet auch der 70-jährige Christian von Wissmann als Arzt.

"Wir sind keine Drogenberatungsstelle."

Nur rund jeder zehnte Obdachlose verfüge über eine eigene Krankenkassenkarte, sagt er. Die Krankenhäuser würden die nicht versicherten Obdachlosen oftmals „blutig“ entlassen: Sie werden notversorgt und müssen wieder gehen, bekommen nicht ausreichend Medikamente oder hätten noch offene Wunden. In der Johanniter-Unterkunft werden sie weiter versorgt. Drogen und Alkohol sind hier verboten. Aber die Gäste können sich frei bewegen und werden darum gebeten, ihren Drogen vor der Tür zu nehmen. Manche müssen abends noch etwas konsumieren, um die Nacht zu überleben, sagt Marie Schneider. „Wir sind keine Drogenberatungsstelle.“ Beschwerden von Anwohnern habe es im vergangenen Jahr nicht gegeben.

„Helfen ist wie eine Drogensucht“, meint ihr Kollege Wissmann. „Es macht abhängig.“ Die ehrenamtlichen Hilfskräfte kämen immer wieder und leisteten Nachtschicht an Nachtschicht. Weitere Helfer werden dringend benötigt, ebenso Geld- und Sachspenden. Bis es wieder wärmer wird, geht es um Leben und Tod. Wie viele Obdachlose es in Berlin gibt, ist unbekannt. Geschätzt sind es bis zu 10.000. Erst am 29. Januar 2020 will die Senatsverwaltung mit der „Nacht der Solidarität“ eine Zählung durchführen.

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