NS-Geschichte der Berliner Stadtreinigung : Als die Männer in Orange braun waren

Die Bahn und die Berliner Verkehrsbetriebe haben ihre Geschichte erkundet. Jetzt arbeitet auch die Berliner Stadtreinigung ihre Vergangenheit auf. In der NS-Zeit gab es beim Vorgänger viele Zwangsarbeiter.

Saubere Stadt. Die Aufnahme entstand 1928 auf dem Wittenbergplatz. Damals waren Müllabfuhr und Stadtreinigung noch getrennt.
Saubere Stadt. Die Aufnahme entstand 1928 auf dem Wittenbergplatz. Damals waren Müllabfuhr und Stadtreinigung noch getrennt.Foto: picture alliance / Ullstein Bild

Hitlers Machtübernahme am 30. Januar 1933 hatte auch für die Leitung der Bemag, der „Berliner Müllabfuhr-Aktiengesellschaft“, einschneidende Folgen. Deren Direktor Gustav Erdmann konnte erhebliche Verdienste vorweisen, hatte schon als Direktor der Straßenreinigung deren veraltete Technik modernisieren lassen, übernahm 1929 nach einem Untreueskandal um den bisherigen Bemag-Direktor auch dessen Posten, führte beide Unternehmen zusammen und gliederte noch bestehende Bezirksmüllbetriebe ein.

Allerdings, er war Sozialdemokrat, das genügte den neuen Machthabern: Erdmann und andere nun politisch unerwünschte Vorstandsmitglieder wurden suspendiert. Zum neuen „Betriebsführer“ der Bemag, die ihren Sitz im Nikolaiviertel, direkt neben dem Ephraim-Palais in der Poststraße 13–14, hatte, wurde der SS-Stabsführer der Gruppe Ost (Pommern), Fritz Karl Engel. Den Vorsitz im Aufsichtsrat führte nun der SS-Oberführer und Verkehrsstadtrat Johannes Engel, der später auch der Waffen-SS beitrat und innerhalb der NSDAP bis zum Stellvertreter des Gauleiters für Groß-Berlin, Joseph Goebbels, aufstieg.

Auch Zeitzeugen sollen befragt werden

Das Schicksal Erdmanns, der erst 1946 durch die Alliierten seinen leitenden Posten bei Straßenreinigung und Müllabfuhr zurückerhielt, dürfte in dem jetzt von den Berliner Stadtreinigungsbetrieben (BSR) angestoßenen Forschungsprojekt eine wichtige Rolle spielen. Der landeseigene Betrieb hat dazu „eine Studie über die nationalsozialistische Vergangenheit der BSR bzw. deren Vorgängerorganisationen“ ausgeschrieben, mit dem Fokus auf die Zeit von 1933 bis 1945. „Dazu soll das Quellenmaterial umfassend erfasst und analysiert sowie Zeitzeugen befragt werden“, wie es in der Ausschreibung heißt. Das Thema sei „bis dato noch nicht Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen gewesen“.

Die Frist für Angebote ist kürzlich abgelaufen. Bewerbungen seien eingegangen, mehr wird unter Hinweis auf die laufende Auswertung noch nicht mitgeteilt. In den Jahren nach der Wende zunächst mit dem Zusammenwachsen der Stadtreinigung in West- und Ost-Berlin befasst, komme nun die eigene Vergangenheit in den Fokus, schon wegen der aktuellen antisemitischen Tendenzen in Deutschland, sagte Sabine Thümler, Sprecherin der BSR. Man hofft dadurch auch, den Gedanken von Respekt und Toleranz unter den Beschäftigten zu stärken.

In diesem Haus im Nikolaiviertel, in der Poststraße 13/14, hatte die Bemag, Vorläufer der BSR, in den dreißiger Jahren ihren Sitz.
In diesem Haus im Nikolaiviertel, in der Poststraße 13/14, hatte die Bemag, Vorläufer der BSR, in den dreißiger Jahren ihren Sitz.Foto: Andreas Conrad

Die Berliner Stadtreinigung folgt damit dem Beispiel anderer öffentlicher Unternehmen. So hatte die BVG 2013, im Themenjahr „Zerstörte Vielfalt“, eine von dem Historiker Christian Dirks (Agentur Bergzwo) erarbeitete Ausstellung im U-Bahnhof Alexanderplatz präsentiert, aus der später ein Buch („Aus Rot wird Braun. Die BVG 1933–1945“, erhältlich im BVG-Shop) hervorging. SS-Mann Engelm der auch bei der Bemag das Sagen hatte, entließ 3000 Mitarbeiter. Juden mussten „Ariern“ ihren Platz räumen, später durften sie öffentliche Verkehrsmittel nicht mehr benutzen. „Die BVG war ein Teil des Repressionsapparates“, hatte Dirks die Ergebnisse der Studien resümiert.

Von den Verkehrsbetrieben in Hamburg und Hannover gibt es ähnliche Studien. Auch die Deutsche Bahn hatte sich bereits der dunklen Vergangenheit gestellt. So war 2008 im Bahnhof Potsdamer Platz die Wanderausstellung „Sonderzüge in den Tod“ zu sehen. Auf 40 Tafeln wurde gezeigt, dass „ohne die Mitwirkung von Eisenbahnern an der fahrplanmäßigen Durchführung der Transporte die systematische Ermordung der europäischen Juden sowie der Völkermord an Sinti und Roma nicht möglich gewesen“ wäre. Zuvor war die Rolle der Bahn beim Holocaust schon Thema im DB Museum Nürnberg gewesen.

Zur BSR und der NS-Zeit hatte sich bereits im April 2016 die damalige Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU) auf eine Anfrage des Abgeordneten Heiko Herberg (Piraten) geäußert. So wollte dieser wissen, ob es Enteignungen jüdischer Immobilien und Restitutionen früheren Eigentums gegeben habe. Für West-Berlin lagen laut Yzer keine Unterlagen vor, für den Ostteil der Stadt konnte sie für die Zeit nach der Wende einige Fälle von Rückübertragung oder Entschädigungszahlung nennen. Auch bestünden „Anhaltspunkte für den Einsatz von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern“, so seien einem ehemaligen Zwangsarbeiter 2001 im Rahmen eines Besuchsprogramms der Betriebshof in der Ilsenburger Straße in Charlottenburg und weitere Orte seiner Erinnerung gezeigt worden.

Mehr als ein Drittel der Arbeiter waren Juden und Ausländer

Es war nur einer von vielen, wie der Historiker Thomas Irmer weiß, der im Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, Britzer Straße 5 in Niederschöneweide, als Ausstellungskurator tätig war. So beschäftigte die Städtische Müllbeseitungungsanstalt, die kommunale Dienststelle, zu der die Bemag 1935 umgewandelt worden war, im Oktober 1941 insgesamt 199 Juden, 205 Polen, 216 Ukrainer und 29 Slowaken. Insgesamt 1111 deutsche Arbeiter waren in Vollzeit angestellt. Juden wurden in den damaligen Statistiken des Berliner Hauptverwaltungsamtes nicht als Deutsche gezählt.

Ein Jahr später waren es noch immer 155 Juden, dazu 63 Polen, 98 Ukrainer, 194 Russen, 7 Niederländer, 29 Personen aus dem Reichsprotektorat Böhmen und Mähren sowie 202 Belgier, denen 964 Deutsche gegenüberstanden. Im Oktober 1943 waren es noch 72 Juden, 268 Polen, 78 Ukrainer, 287 Russen, 72 Protektoratsangehörige, 12 Niederländer und 170 Belgier, bei nur noch 909 Deutschen.

Zeitweise machten Juden und Ausländer also mehr als ein Drittel der Arbeiter aus, wobei die Zahl der Ausländer vor allem aus Osteuropa stieg, die der Juden wegen der Deportationen zurückging, Doch selbst ein halbes Jahr nach der sogenannten „Fabrikaktion“ am 27. Februar 1943, als zuvor aus diesem oder jenem Grund verschonte Juden deportiert wurden, gehörten noch immer 72 Juden zu den Arbeitskräften der Müllbeseitigungsanstalt.

Im Müll wurde nach Rohstoffen für den Krieg gesucht

Deren Aufgaben waren längst der Kriegswirtschaft angepasst worden. Die benzingetriebenen Müllwagen hatte man auf Holzvergaser umgestellt und auf den Müllplätzen wurde kräftig wiederverwendbares Material gesammelt, nicht aus ökologischen Motiven, sondern um Rohstoffe für den Krieg aus dem Müll herauszufiltern. Wurden 1935 von Berlins Müllabladeplätzen noch rund 5000 Tonnen Altmaterial geholt, waren es drei Jahre später bereits 17 000 Tonnen. Sogar Hermann Göring hatte sich eingeschaltet und eine entsprechende Anordnung zur Altmaterialsammlung erlassen. Büroklammern galten nun als wertvoller Rohstoff, der in Dienststellen neben Nägeln, Schrauben und Zahnpastatuben in eigenen Behältern gesammelt werden musste. Fast eine moderne Haltung, freilich aus verbrecherischen Motiven. Und die Müll- und Trümmerberge, die dadurch europaweit entstanden, waren gigantisch.

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