• Orakel, Glitzer und große Träume: Kunstprojekt „Dream World Order“ entführt Besucher in eine andere Welt

Orakel, Glitzer und große Träume : Kunstprojekt „Dream World Order“ entführt Besucher in eine andere Welt

Zwischen Parkplätzen und einem Undergroundclub liegt die „Dream World“. Das temporäre Performance-Kunstprojekt in Prenzlauer Berg fordert seine Besucher heraus.

Festivalcharme trifft hier auf schillernde Kostüme. Performer entführen die Besucher an einen geheimen Ort.
Festivalcharme trifft hier auf schillernde Kostüme. Performer entführen die Besucher an einen geheimen Ort.Foto: Laura Ruß / promo

Die Gegend um den S-Bahnhof Greifswalder Straße ist nicht gerade ein Ort, an dem man nach Kunst suchen würde. Graubraune Hochhäuser ragen in den Himmel, im Minutentakt rattern Züge vorbei, ein Erotikshop fristet zwischen Aldi und Eckkneipe ein eher trostloses Dasein.

Und doch: Versteckt zwischen Parkplätzen, Bauwagen und einem kleinen Skatepark, auf dem Gelände eines Underground-Technoclubs, liegt die „Dream World Order“, ein interaktives Theater-Kunst-Projekt.

Dahinter steckt ein Künstlerkollektiv, das bereits im vergangenen Winter ein ähnliches Projekt in einer alten Autowerkstatt hinter dem Ostkreuz realisierte. Die Location war jedoch nur temporär, eine Zwischennutzung vor dem Abriss.

Nun soll es an einem neuen Ort weitergehen, wieder nur vorübergehend und diesmal draußen. Am nicht direkt als solchem zu erkennenden Eingang gebietet ein Schild den Besuchern, zu warten – bis sie von einer zombiehaft anmutenden Krankenschwester empfangen werden. Die erklärt erstmal die Regeln: Abstand halten, Maske auf, Hände desinfizieren. Die Corona-Pandemie macht auch vor der Traumwelt nicht Halt.

Die Performances finden in kleinen Gruppen mit höchstens acht Zuschauern statt, eine auf Englisch reimende Glitzergestalt führt von Station zu Station: Da ist der mit edlen Federn geschmückte Vogelmensch, der die Wahrnehmung der Besucher hinterfragt. Das in eine völlig güldene Umgebung gehüllte singende Orakel. Mutter Natur, die in einem Blumengarten die Verfehlungen ihrer Menschenkinder anmahnt.

Zwischen Parkplätzen und einem Undergroundclub liegt die „Dream World“.
Zwischen Parkplätzen und einem Undergroundclub liegt die „Dream World“.Foto: Laura Ruß / promo

Ein verwunschener Wald und ein bunt leuchtender Baum der Erkenntnis – das Ganze ist eine Zusammenkunft von wunderschönen Kostümen, professionellen Performerinnen und dem unfertigen, leicht schrottigen Berliner Hinterhof-Charme.

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Eingeschränkte Freiräume bedrohen die „Dreamlings"

Doch es ist nicht alles so traumhaft, wie es scheint. Die „Dreamlings“, wie sich die Bewohner der „Dream World“ nennen, sind bedroht: Nicht nur von der Pandemie und den seit Monaten andauernden Einschränkungen im Kulturbereich. Sondern auch von den eingeschränkten Freiräumen in der Stadt. Bereits seit dem ersten Projekt im vergangenen Jahr suchen sie nach einer dauerhaften Bleibe – bisher vergeblich.

Während man sich bei der ersten „Dream World Experience“ größtenteils frei durch das Raumlabyrinth bewegen konnte, das allein schon mit seinen raumgreifenden Installationen, dem überbordenden Material beeindruckte, wird man hier, in der neuen Inszenierung, von den Performern an die Hand genommen – natürlich nur metaphorisch gesprochen.

Tanzen und träumen. Die Bewohner der Dream World nennen sich "Dreamlings".
Tanzen und träumen. Die Bewohner der Dream World nennen sich "Dreamlings".Foto: Laura Ruß/ promo

„Dream World Order“ ist dabei nichts für schüchterne Gemüter – stetig werden die Besucher eingebunden, sollen mal tanzen, mal singen, Fragen der „Dreamlings“ beantworten.

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Die künstlerische Leitung des Projekts hat, wie auch beim letzten Mal, Stevie Southard inne. „Bei der ersten Dream World konnten wir weiter gehen, extremere Performances wie Bondage zeigen, weil die Besucher selbst entscheiden konnten, welchen Raum sie betreten“, sagt Southard. Dieses Mal ginge es mehr um die eigenen, inneren Grenzen.

Man muss sich in der Tat auf das Programm einlassen. Dann aber fühlt es sich wie ein Gewinn an: Einmal über den eigenen Schatten gesprungen zu sein, sich gedanklich für etwas Neues oder auch Unangenehmes geöffnet zu haben – oder hat man das alles nur geträumt?

Tickets kosten 20 bis 35 Euro und können unter www.tickettailor.com/events/dreamworld/ gebucht werden. Dann erfährt man auch die genaue Adresse. Die nächsten Vorstellungen finden zwischen dem 28. Juli und 7. August statt.

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