• Paketbomben verschickt: DHL-Erpresser: Die Spur von "Omar" verliert sich in Friedrichshain

Paketbomben verschickt : DHL-Erpresser: Die Spur von "Omar" verliert sich in Friedrichshain

Im Dezember 2017 löste der DHL-Erpresser mit einer Paketbombe Angst auf dem Weihnachtsmarkt in Potsdam aus. Die Spur verliert sich in Berlin.

Ein Mitarbeiter der Polizei Brandenburg legt 2017 Fahndungsplakate aus.
Ein Mitarbeiter der Polizei Brandenburg legt 2017 Fahndungsplakate aus.Foto: Gregor Fischer/dpa

 

Es war im Advent 2017: Ein explosives Paket, verschickt an einen Potsdamer Apotheker in der Brandenburger Straße, ließ vor einem Jahr die Vorweihnachtsstimmung in Potsdam in kippen. Weitere Paketen folgten - in Berlin. Die Brandenburger Polizei war dem Täter seither mehrfach dicht auf den Fersen. Und doch blieb er für die Ermittler ein Phantom. Zuletzt scheiterten sie an den Vorgaben zur Vorratsdatenspeicherung. Und die Sicherheitsbehörden waren weitaus früher gewarnt als bislang bekannt. Das berichtet die Bild-Zeitung in ihrer Samstagsausgabe. Der Sprecher der Brandenburger Polizei, Torsten Herbst, wollte den Bericht weder bestätigen noch dementieren. Er sagte nur: „Kein Kommentar.“

Ob es ein oder mehrere Täter sind, bleibt weiter unbekannt. Eines aber ist klar: Er oder sie nennen sich dem Bericht zufolge „Omar“. Es ist ein arabischer Vorname, übersetzt bedeutet er: der „Höchste“. Und er beschäftigt die Polizei schon eine Weile. Er fordert vom Postdienstleister DHL Millionensummen und droht damit, Menschenleben auszulöschen. Insgesamt vier Paketbomben gehen auf das Konto von „Omar“.

Am 1. Dezember 2017 schickten der oder die Erpresser an die Königin-Luise-Apotheke in Potsdam ein Paket, der Weihnachtsmarkt in der Innenstadt musste geräumt werden. Beim Öffnen des Pakets hatte der Apotheker Drähte entdeckt – und es zischte. Die Zündvorrichtung funktionierte – ob beabsichtigt oder durch einen Fehler – nicht. Die Ermittler finden einen Böller, Batterien und Nägel. Bei einer Explosion hätten Menschen schwer verletzt oder sogar getötet werden können. 

Im Januar war ein ähnliches Päckchen mit Schwarzpulver und Zündvorrichtung in einer Bank an der Schlossstraße in Berlin-Steglitz gefunden worden. Auch in diesem Fall hatte eine Mitarbeiterin beim Öffnen verdächtige Drähte bemerkt. In einer E-Mail forderten der oder die Erpresser dem Bericht zufolge 10 Millionen Euro, ausgezahlt in Bitcoin.

Ende März dann wurde ein verdächtiges Paket in der Berliner Handwerkskammer in Kreuzberg entdeckt. Mitarbeiter entdeckten Drähte und alarmierten die Polizei. Nach der kriminaltechnischen Untersuchung kamen die Ermittler zu dem Ergebnis, dass auch dieses Paket vom DHL-Erpresser stammt. 

Aber es gibt eine Vorgeschichte. Anfang November 2017 hatten der oder die Erpresser Paketbomben an einen Online-Versandhändler in Frankfurt (Oder) verschickt, die wie die Potsdamer mit batteriebetriebenem Zünder, einer mit Nägeln bestückten Metalldose sowie Polenböllern ausgestattet war. Doch das Frankfurter Paket ging in Flammen auf - und dabei auch das Bekennerschreiber. Deshalb fehlte den Ermittlern damals noch ein klarer Hinweis auf die Hintergründe für die Tat.

Dabei hatte es bereits im September 2017 Hinweise gegeben. Laut „Bild“ hatte das Bundeskriminalamt (BKA) bereits am 13. September 2017 eine E-Mail erhalten. Deren Verfasser soll damit gedroht haben, an wahllos ausgewählte Adressen Paketbomben zu verschicken. Die Mail soll auch eine Bauanleitung für Paketbomben enthalten haben. Die Forderung von „Omar“ damals laut „Bild“ war eine monatliche Zahlung in Höhe von 30.000 Euro in Bitcoin. Vom BKA wurde die E-Mail an die Polizei in Bonn weitergeleitet, wo die Posttochter DHL ihren Hauptsitz hat. Die Ermittlungen führten aber zu keinen Ergebnissen. 

Erst im Potsdamer Fall vor einem Jahr wurden ein Bekennerschreiber gefunden. Die Ermittler fanden eine QR-Code. Der führte im Internet zu einem digitalen Erpresserbrief. Laut Bild hatte der Erpresser damals 12 Millionen Euro gefordert - und zwar bezahlt und er Kryptowährung Bitcoin. Auch in den zwei weiteren Fällen in Berlin forderte „Omar“ Geld, wendete sich dem Bericht zufolge sogar an den DHL-Vorstand,

Datenschutzregelung behindert Ermittlungen

Die Brandenburger Polizei gründete die Soko „Quer“, abgeleitet aus dem Begriff QR-Code, und übernahm auch die Berliner Fälle. Mehrfach wähnten sich die Ermittler kurz vor dem entscheidenden Schlag gegen den oder die Täter. Auch Cyberkriminologen, Hacker-Experten, Profiler saßen an dem Fall. 

Polizeipräsident Hans-Jürgen Mörke zeigte sich im Frühjahr optimistisch, den DHL-Erpresser zu schnappen. Später war wieder von einer 50:50-Chance die Rede. Im Sommer dann sagte Mörke, der Täter verschlüssle seine Kommunikation gleich mehrfach und sei hochprofessionell im Darknet - in einem anonymen Bereich des Internets, beliebt bei Kriminellen - unterwegs.

Anhand der Spuren gingen die Ermittler zwischenzeitlich von mehreren Tätern aus. Mit Spürhunden wurde in Berlin gesucht, Spezialkräfte observierten Verdächtige in Berlin, einige wurden auch vernommen. Die Polizei spricht von der gesamten Bandbreite an kriminalpolizeilicher Ermittlungsarbeit, die ausgeschöpft worden sei.

Doch jedes Mal, wenn die Ermittler glaubten, jetzt hätten sie den Erpresser, zerschlug sich der Verdacht. Wenn jemand als möglicher Täter ins Visier der Untersuchung rückte, konnte der sogenannte dringende Tatverdacht nicht erhärtet werden.

„Omar“ soll laut "Bild" im April sogar direkt mit DHL verhandelt haben - über einen verschlüsselte und anonyme E-Mail-Adresse, die über Server in Russland lief. Die Ermittler versuchten „Omar“ zu Treffen oder zu Telefonaten zu bewegen, doch der lehnte ab. Er soll sich über die „beschissenen Zeitspielchen“ beklagt und mit weiteren Paketbomben gedroht haben. 

Dem Bericht zufolge schrieb „Omar“ am 13. April, er habe ein weiteres Paket abgelegt, es bleibe nicht viel Zeit, bis „das Kind“ die Bombe finde. Er forderte 300.000 Euro in Bitcoin. Signiert worden sei die E-Mail mit dem Namen „One Man Army Rebel“ - Omar. Am 20. April dann sei der Kontakt abgebrochen. 

Die letzte Spur verliert sich dem Bericht zufolge in einem Hotel in Friedrichshain. Die Ermittler haben demnach herausgefunden, dass sich Omar in ein offenes WLAN-Netz eines Hotels eingeloggt hat. Die Ermittler hätten seine Daten haben können, doch der deutsche Internetanbieter kann nicht mehr mit den Daten dienen. Denn das Gesetz zu Vorratsdatenspeicherung sieht eine Löschung dieser Daten nach vier Wochen vor, das hat der Provider auch getan.

Die Brandenburger Polizei sieht es nun, ein Jahr nach dem Vorfall in Potsdam, schon als Erfolg an, dass seit April keine Paketbombe mehr aufgetaucht ist. Im Polizeijargon heißt das Gefahrenabwehr: Es gab keine Verletzten, kein Menschenleben war durch eine Paketbombe in Gefahr.

50 Ermittler des Landeskriminalamtes (LKA) Brandenburg waren über Monate in der Soko „Quer“ tätig, um dem DHL-Erpresser auf die Spur zu kommen. Rund 1000 Spuren und Hinweise wurden ausgewertet. Seit August sind es nur noch 15 Beamter, sie arbeiten rund 100 übrig gebliebene Restspuren ab.

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