Parieté-Gala in Berlin : Immer hoch hinaus

Florian Klotz ist ein Meister des Diabolo. Bei der inklusiven Parieté-Gala im Theater am Pfefferberg zeigt er sein Können.

Milena Fritzsche
Diabolo-Künstler Florian Klotz (vorn) und sein Tandempartner Johannes Dudek vom Circus Sonnenstich.
Diabolo-Künstler Florian Klotz (vorn) und sein Tandempartner Johannes Dudek vom Circus Sonnenstich.Foto: Thilo Rückeis

Zwei Halbschalen, die durch die Luft wirbeln. Das Auge kann kaum fassen, wie schnell und leicht sich die Arme von Florian Klotz und Johannes Dudek bewegen, um mithilfe von Stäben und Schnur das Diabolo auf Höhenflüge zu schicken.

Wer sich auf Youtube ein Video der beiden Künstler ansieht, erkennt schnell, dass Dudek ein Profi ist. Mehrere Jahre zog er hauptberuflich als Diabolo-Artist um die Welt, übte täglich sieben Stunden. Da kann Klotz, der nur zweimal die Woche nach der Arbeit trainiert, nicht ganz mithalten. Doch wie er präzise das Diabolo einfängt, es im richtigen Moment seinem Kollegen zuwirft, sich synchron mit diesem dreht und dabei noch Zeit hat, Slapstickposen einzunehmen und dem Publikum vielsagende Blicke zuzuwerfen – das geht eindeutig über das Niveau hinaus, das man etwa von einem Laien-Zirkus erwarten würde.

Es gibt allerdings noch einen anderen Unterschied zwischen den beiden Artisten, der ins Auge fällt: Weil das Chromosom 21 bei Florian Klotz nicht zweifach, sondern dreifach vorkommt, hat der 28-Jährige Trisomie 21, man spricht auch vom Down-Syndrom. Menschen, die mit diesem Syndrom leben, fällt es meist schwer, sich länger zu konzentrieren oder Geduld und Ausdauer zu beweisen. Auch ein gutes Gleichgewicht und eine präzise Koordination gehören oft nicht zu ihren Stärken. Doch genau auf diese Fähigkeiten kommt es beim Diabolo-Spiel an. „Diabolo macht halt Spaß“, sagt Klotz dazu.

„Für Florian waren schnell Grenzen zu spüren“

Momentan übt er mit Johannes Dudek im Pfefferberg Theater an der Schönhauser Allee für den gemeinsamen Auftritt bei der inklusiven Parieté-Gala am Freitag. Dort bespielen Tänzer, Schauspieler, Musiker und Artisten mehrere Bühnen. Künstler mit und ohne Behinderung treten dabei gemeinsam auf. Dass er heute neben einem Profi auf der Bühne stehen kann und eine gute Figur macht – bis dahin war es für Klotz ein langer Weg.

Mit acht Jahren kam Florian Klotz das erste Mal mit dem Diabolo in Berührung. Eine Leidenschaft, die ihn bis heute nicht mehr losgelassen hat. Michael Pigl-Andrees sagt, er könne über Klotz nur staunen. Der Sozialpädagoge erinnert sich an Klotz' Anfänge im Kinder- und Jugendzirkus in Potsdam. Dort trainierte er mit Gleichaltrigen. „Für Florian waren schnell Grenzen zu spüren“, erzählt Pigl-Andrees rückblickend. Er brauchte einfach mehr Zeit; stieß beim Tempo seiner Altersgenossen immer wieder an seine Leistungsgrenze. Also machte Klotz das, was ihm lag und wo er mit den anderen mithalten konnte: Er griff zum Diabolo.

Doch auch dafür brauchte er Zeit. Klotz, so erklärt es Michael Pigl-Andrees, lerne nicht, indem er Dinge einfach ausprobiert. „Bewegungsabläufe muss er für sich in ganz kleine Schritte zerlegen. Die muss er verstehen und erst dann kann er sie zu einem Ganzen zusammenfügen.“ Pigl-Andrees stellt es sich so vor, dass Klotz Landkarten in seinem Kopf entwirft, auf denen er jedes Detail nach und nach einzeichnet.

Klotz kennt kein Lampenfieber

Wenn Florian Klotz eines seiner Kunststücke beschreibt, legt sich seine Stirn in Falten. Die Augen kneift er hinter den Brillengläsern zusammen. Man spürt, wie wichtig ihm alles rund ums Diabolo ist. Viele Worte macht er nicht, das Sprechen strengt ihn an. Deshalb zeigt Klotz besser pantomimisch die genaue Abfolge. Ganz präzise. Schritt für Schritt. „Ich kann mich an alle Tricks erinnern“, sagt Klotz bestimmt und sieht tadelnd seinen Künstlerkollegen Johannes Dudek an, dem manche Abfolgen wieder entfielen, wenn er sie längere Zeit nicht probte.

Es dauerte eine Weile, aber mittlerweile lerne Klotz Tricks „fast so schnell wie andere auch. Und er ist in der Lage, Tricks frei zu kombinieren“, sagt Michael Pigl-Andrees. Der Sozialpädagoge leitet gemeinsam mit seiner Frau, Anna-Katharina Andrees, den „Circus Sonnenstich“ in Berlin. Zweimal in der Woche trainiert Klotz dort seit zehn Jahren mit anderen Artisten, die ebenfalls von Trisomie 21 betroffen sind. Inzwischen jongliert Florian Klotz so gekonnt mit dem Diabolo, dass er als Assistenztrainer einmal in der Woche Menschen mit und ohne Behinderung unterrichtet.

„Natürlich“, sagt Johannes Dudek, „habe ich mir anfangs überlegt, wie ich da rangehen kann. Aber dann habe ich es einfach so gemacht, wie bei jeder anderen neuen Nummer auch.“ Das Zusammenspiel klappte von Anfang an. Seit zwei Jahren treten die beiden gemeinsam auf. Sie können sich aufeinander verlassen; sie vertrauen einander. Dudek sei vor Auftritten immer ein bisschen aufgeregt. Klotz dagegen kenne kein Lampenfieber.

Auch von großen Persönlichkeiten im Publikum lässt er sich nicht beirren. Als 2016 das schwedische Königspaar in Berlin zu Besuch war, durfte Klotz seine Diabolo-Künste vor den beiden aufführen. Er war sich bewusst, wer da im Zuschauerraum saß. In einem Moment, als er das Diabolo hoch in die Luft gezirkelt hatte, drehte sich Klotz zur Königin und warf ihr spontan eine Kusshand zu. Das Jonglieren mit dem Diabolo kann man lernen. Das Gespür für den richtigen Augenblick – es ist Florian Klotz offensichtlich in die Wiege gelegt.

Infos unter www.pariete-berlin.de

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