• Paritätischer Wohlfahrtsverband Berlin: Mehr Optimismus wagen – trotz Wohnungsnot und Fachkräftemangel

Paritätischer Wohlfahrtsverband Berlin : Mehr Optimismus wagen – trotz Wohnungsnot und Fachkräftemangel

Beim Jahresempfang des Paritätischen Wohlfahrtsverbands werden Ehrenamtliche für teils jahrzehntelanges Engagement geehrt.

Niklas Liebetrau
Gabriele Schlimper vom Paritätischen Wohlfahrtsverband ehrte Gerd Nowakowski für sein Engagement.
Gabriele Schlimper vom Paritätischen Wohlfahrtsverband ehrte Gerd Nowakowski für sein Engagement.Foto: Holger Groß/Paritätische Berlin

Was sind die zentralen Herausforderungen unserer Zivilgesellschaft? Eine Frage, auf die man beim Jahresempfang des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Berlin viele Antworten erhält. „Die Gesellschaft dahin bewegen, ihr Konsumverhalten zu hinterfragen“, sagt zum Beispiel Marcel Huntemann vom Verein Teenex, der sich für Suchtprävention bei Jugendlichen einsetzt. „Alle mitzunehmen, nicht nur die, die am lautesten ‚Hier rufen“, meint Ivonne Kanter, Vorsitzende des Berliner Lebenshilfe e. V., einem Interessenverband für Menschen mit Beeinträchtigungen.

Wohnungsnot und Fachkräftemangel

Doch auch wenn die Antworten höchst unterschiedlich ausfallen, zwei Kernthemen sind immer wieder zu hören: Wohnungsnot und Fachkräftemangel, insbesondere bei Pflege und Erziehung. Zwei Themen auch, die unmittelbar miteinander zusammenhängen, wie Gabriele Schlimper, Geschäftsführerin des Paritätischen, gegenüber dem Tagesspiegel ausführt: „Der Wohnungsmangel wird zur eklatanten Herausforderung für die Bewältigung des Fachkräftemangels“, sagt sie. „Niemand kommt nach Berlin, wenn er hier keinen Ort zum Leben findet. Wenn wir mehr Fachkräfte haben wollen, brauchen wir mehr Wohnungen.“

Dieses Problem wirke sich langfristig auch auf die Wirtschaft aus: „Wenn wir nicht genügend Kitaerzieherinnen haben, müssen die Eltern im Zweifel weniger arbeiten, um auf ihre Kinder aufzupassen“, so Schlimper. Diese Menschen fehlten dann auch in Wirtschaftsunternehmen. „Haben wir ein Fachkräfteproblem in den sozialen Bereichen, hat die Wirtschaft bald auch eins.“

Der Paritätische Wohlfahrtsverband Berlin ist Dachverband von 764 Mitgliedsorganisationen aus allen Bereichen der sozialen Arbeit, die von Kinder- und Jugendarbeit über das Krankenhauswesen bis hin zur Unterstützung von Menschen mit Behinderungen reicht. Dabei arbeiten rund 55.000 Menschen haupt- und etwa 30.000 ehrenamtlich. Von letzteren wurden beim Jahresempfang im Umweltforum Aufbaukirche in Friedrichshain sieben Engagierte für ihr teils jahrzehntelanges Engagement ausgezeichnet.

Wohnungsbau und Verwaltung als Ansatzpunkte

Um dem Wohnungsproblem in Berlin entgegenzuwirken, habe man beim Paritätischen Wohlfahrtsverband nun ein neues Fachreferat „Wohnungsnotfallhilfe und Wohnungspolitik“ gegründet, um aktiv Einfluss auf die Berliner Politik in Wohnungsfragen zu nehmen, so Geschäftsführerin Schlimper. „Wir brauchen mehr sozialen Wohnungsbau innerhalb von Berlin.“

Schlimper sprach sich zudem klar gegen die Enteignung von Wohnungsbaugesellschaften aus. „Damit ist niemandem geholfen, der eine Wohnung sucht“, ist ihre Überzeugung. Eine Ansicht, die sie mit Beatrice Kramm, Präsidentin der Industrie- und Handelskammer (IHK), teilt. „In einer enteigneten Wohnung kann nicht ein Mensch mehr wohnen“, so Kramm.

Die promovierte Juristin und Inhaberin einer Film- und Fernsehgesellschaft wies zudem auf das Erfordernis einer vereinheitlichten und effizienteren Berliner Verwaltung hin. Zusammen mit 24 Partnern, darunter dem Paritätischen Wohlfahrtsverband Berlin, habe man die Kampagne „Eine Stadt. Eine starke Verwaltung“ ins Leben gerufen, um die Verwaltungsmodernisierung voranzutreiben.

Dabei gehe es insbesondere um die Vereinheitlichung der Verwaltungsabläufe in den einzelnen Bezirken. Mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverband habe man einen Bündnispartner gefunden, der sozialwirtschaftliche Unternehmen und ehrenamtliche Organisationen vertrete und somit Wirtschaft und Zivilgesellschaft miteinander verbinde. „Ein wirklich wichtiger Player für unsere Stadtgesellschaft“, so Kramm.

Mehr Optimismus für Berlin

In ihrer Rede bemängelte die IHK-Präsidentin jedoch den oft fehlenden Optimismus in Berlin. Dabei sei „diese Stadt stark wie nie“. So erfahre man hier seit Jahren ein Wirtschaftswachstum und einen Jobzuwachs, der sich im bundesweiten Vergleich sehen lassen könne. „Aber wir sind nicht optimistisch genug.“

Barbara John, Vorstandsvorsitzende des Paritätischen Berlin, nahm diesen Ansatz auf und sagte, „wir müssen den Menschen in Berlin Vertrauen geben, damit sie an ihre Stärken glauben“. Was das bedeutet, brachten beim Jahresempfang gleich zwei Initiativen zum Ausdruck. So geleitete die inklusive Band der gemeinnützigen Pinel-Gesellschaft, die sich für die Betreuung von Menschen mit psychischen Erkrankungen einsetzt, durch den Tag. Zum Abschluss trat Rock&Wheels auf, eine inklusive Tanzgruppe, bei der Rollstuhlfahrer mit Nichtbehinderten zu „Dirty Dancing“ tanzten.

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„Ein Staat mit starker Zivilgesellschaft hat auch eine starke Demokratie“, sagt Gabriele Schlimper. Ihr Wohlfahrtsverband machte beim Jahresempfang deutlich, wie das funktioniert. Viel Optimismus war zu spüren – und das trotz aller Herausforderungen.

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