Mit Blutdruckgerät, Stethoskop und Thermometer auf Patientenbesuch

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Personalmangel in Berliner Kliniken : Wir bräuchten sofort 50 Pfleger mehr

Als Andrea zu Harald zurückkehrt, steht ihre Kollegin Sandra im Raum und zieht einen Gummihandschuh unter ihrer Schuhsohle hervor. Andrea hat den Mülleimer verfehlt, der Handschuh, mit dem sie Haralds eitrigen Verband gewechselt hatte, liegt mitten im Raum. Sandra versprüht Desinfektionsmittel wie Seife in einer Autowaschanlage. „Ich habe schon besser getroffen“, sagt Andrea lakonisch. „Aber ich habe auch mal besser geschlafen.“

Hygiene ist ein heikles Thema. Keime an der Charité haben 2012 einen bundesweiten Skandal ausgelöst. Das Krankenhaus, in dem Andrea und Sandra arbeiten, gehört zwar einem anderen Träger, einen Keimskandal kann es trotzdem nicht gebrauchen.

Die Nachtwache ist beschäftigt

Bevor Max sich verabschiedet, erwähnt er noch, dass um sechs Uhr irgendwer geschrien habe. Irgendwer? Er habe nicht nachsehen können, denn er war gerade dabei, den übergewichtigen Patienten in Zimmer II zu wenden. Gerade bei Dicken drohen Druckgeschwüre, und der Mann war zuletzt um Mitternacht gedreht worden. Eigentlich sollte das alle zwei Stunden geschehen. Nach 30 Sekunden habe das Schreien aufgehört.

Am Tropf. „Wir bräuchten sofort 50 Pfleger mehr“, sagt ein Klinikarzt.
Am Tropf. „Wir bräuchten sofort 50 Pfleger mehr“, sagt ein Klinikarzt.Foto: K. Kleist-Heinrich

Ebenfalls nachts soll ein Patient vor zwei Jahren in einem anderen Haus desselben Klinikbetreibers erfolglos versucht haben, auf sich aufmerksam zu machen. Die Nachtwache war beschäftigt. Erst beim Rundgang bemerkte sie das Blut. Der Mann hatte sich wegen unerträglicher Bauchschmerzen mit dem Abendbrotmesser die Pulsadern aufgeschnitten. Er konnte gerettet werden. Offiziell wird der Vorfall nicht bestätigt.

Über all das denkt Andrea jetzt ohnehin nicht nach. In Zimmer II wird ein Frührentner mit breiter Boxernase immer gereizter. „Ich hatte vor einer halben Ewigkeit geklingelt, was ist das für ’ne Scheiße?“ Vorgestern wurde ihm die Gallenblase entnommen, heute ist er ziemlich munter. Sein Wunsch: eine Fernsehzeitschrift. Und ausgerechnet ihm muss Andrea nun Blut abnehmen. Sie tastet die Haut ab, setzt die Nadel an. Wattebausch, Pflaster, fertig. Schnell in Raum I, der Arzt braucht die Werte von Frau Z.

Andrea holt Blutdruckgerät, Stethoskop, Thermometer. „Hallo, Frau Z. Alles gut? Durst? Stuhlgang okay?“ Frau Z., weißhaarig und winzig, nickt. Sie starrt die Frühlingslandschaft auf dem Aquarelldruck an der Wand an, unter ihrer Nase hängen dünne Schläuche. Ärmel hoch, Manschette um den faltigen Oberarm, pumpen. Blutdruck: 119 zu 55. Noch ein bisschen zu niedrig. „Ich spreche später mit dem Arzt, bis dahin schön trinken, ja!“ Frau Z. nickt. Andrea muss weiter, Harald hat „Pisse!“ über den Flur gerufen, jemand hat eine Bettpfanne umgestoßen.

Früher waren fünf Schwestern im Einsatz, jetzt sind es drei

Als Andrea vor zehn Jahren hier begonnen hat, waren an solchen Tagen fünf Kolleginnen im Einsatz. Nun müssen drei reichen.

Andrea schiebt 30 Überstunden vor sich her, die sie nicht abbummeln kann, weil Fachkräfte fehlen. Diesen Winter war es besonders schlimm, Grippewelle. Patienten erzählen, dass viele Pfleger täglich wechseln. Die Klinik erklärt, dass sie bedarfsweise Leasingkräfte zubuche.

Der Arzt klopft an. Er diktiert die Namen von Medikamenten, versucht mit Frau Z. zu sprechen, wirft einen besorgten Blick auf Herrn W., redet mit Harald. Mittagszeit, der Doktor ist seit sechs Uhr hier, er will auf „einen Happen“ in die Kantine. Auf dem Weg zum Fahrstuhl liegt ein Mann auf einem Rollbett im Flur. Kurz nach elf Uhr sei er eingeliefert worden, sagt er. Jetzt ist es bald zwölf Uhr. Der Arzt greift seufzend zum Telefon.

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