Am Kotti gibt es vor allem das Gentrifizierungsproblem

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Platz da! : Folge 4: Kottbusser Tor
Licht an! Ein erleuchteter Hochbahn-Bereich ist eine Maßnahme, die die Landschaftsarchitekten des Büros „Gast.Leyser“ zusammen mit Torsten Rullmann von „Schlotfeldt Licht“ für das Kottbusser Tor vorschlagen, um „Angsträume zu beseitigen“. Der Platz selbst könnte an der Nordseite entstehen, strukturiert von runden Baumbänken. Um Passanten, Radfahrern und Händlern mehr Raum zu geben, müsste die Straße enger an die U-Bahn herangelegt werden. Kurz: Der Kreisel käme weg, die beiden Hauptverkehrsadern verliefen in je einem kleinen Schwenk am Kottbusser Tor entlang. Das ist auf den beiden Plänen links – unten die alte Situation, oben die neue – gut zu erkennen.
Licht an! Ein erleuchteter Hochbahn-Bereich ist eine Maßnahme, die die Landschaftsarchitekten des Büros „Gast.Leyser“ zusammen mit...promo

„Türken fahren kaum Fahrrad“, findet Alper Karasahin. „Von Verbesserungen für Radfahrer haben sie also wenig. So läuft das oft.“ Der 30-jährige Sozialpädagoge, der in Kreuzberg aufgewachsen ist, arbeitet als Familienhelfer in den Häusern rund um das Kottbusser Tor. Außerdem hat er sich der Initiative „Mütter ohne Grenzen“ angeschlossen, in der sich vor einigen Jahren vor allem türkischstämmige Anwohnerinnen aus dem Kiez um das Kottbusser Tor zusammengetan haben, um zu verhindern, dass Kinder als Drogenkuriere missbraucht wurden. Mit Taschenlampen „bewaffnet“ gingen sie auf Streife. Das sei heute vorbei, sagt Alper Karasahin. Inzwischen beschäftige sich die Initiative mit Bildung und Antidiskriminierungsarbeit.

Er sieht am Kottbusser Tor vor allem das Gentrifizierungsproblem, hat bemerkt, dass die Anwohner zunehmend mit der Angst vor Verdrängung lebten. Genau deshalb hat er etwas gegen eine Aufwertung des Platzes: „Man muss immer fragen, für wen Verbesserungen gedacht und was ihre Folgen sind.“ Viele Anwohner könnten sich die Mieten nicht mehr leisten. „Es sind schon sehr viele weggezogen, auch ärmere Biodeutsche“, sagt er, während er gut gelaunt eine Fahrradfahrerin grüßt. Sie grüßt zurück.

Karasahins Sorge: „Irgendwann sind alle türkischen Anwohner weg, und auch alle alternativen Biodeutschen, alle Obdachlosen und Drogenabhängigen.“ Die beiden Letzteren sieht er nicht als Problem: „Das Kottbusser Tor ist ein Treffpunkt für alle möglichen Menschen aus den umliegenden Straßen. Viele verstehen nicht, dass genau sie es sind, die die Besonderheit des Platzes ausmachen.“ Das Miteinander sei das Wichtigste am Kottbusser Tor. „Hier kennen sich alle.“ Das sieht er bedroht. Die neuen Cafés, die in letzter Zeit im Neuen Kreuzberger Zentrum aufgemacht haben, sieht er mit Skepsis. „In die gehen viele Türken nicht hinein.“

Spricht man mit Stadtrat Panhoff über die Entwicklung des Platzes, klingt das aber gar nicht nach Verdrängung. Das Anliegen des Bezirks sei es, das Nebeneinander von unterschiedlichsten Gruppen zu ermöglichen. „Dazu gehören auch Drogen- und Alkoholkranke. Wir wollen so eine Art Café für sie auf die Mittelinsel bringen.“ Wann dieses „Projekt im Ideenstadium“ realisiert wird, ist fraglich: „Wir können wegen der Umbauarbeiten nicht über die Fläche verfügen.“

Selbst wenn gerade nur wenige Junkies, Alkoholiker und Bettler zu sehen sind, kann man auch an einem sonnigen Frühlingsmorgen die dunkle Seite des Kotti erleben. Zwei Mal in einer Stunde sprinten durchtrainierte Polizisten in kugelsicheren Westen vorbei. Sirenen heulen. Die Jagd ist in beiden Fällen erfolgreich. Beim zweiten Mal gibt es ein Gerangel mit einem Schwarzen mit Dreadlocks. Alltag am Kottbusser Tor.

Die nächste Folge unserer Serie erscheint am Donnerstag, 3. Mai. Dann geht es um einen entlegeneren Treffpunkt: den „Schlossplatz“ am U-Bahnhof Tegel.

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