Pokémon Go : Auf der Jagd nach Detektiv Pikachu

Der Hype um „Pokémon Go“ liegt drei Jahre zurück. Doch das Outdoor-Spiel fürs Smartphone hat treue Fans, die noch immer auf virtuelle Monsterjagd gehen.

Anni Dietzke
Auch in der Tagesspiegelredaktion wimmelt es von Pokémon.
Auch in der Tagesspiegelredaktion wimmelt es von Pokémon.Foto: Anni Dietzke

Samstagnachmittag 17 Uhr an der Beuth-Hochschule im Wedding: Während andere zu Hause Bundesliga schauen, stehen hier zwanzig bis dreißig Leute in einer Traube zusammen und starren auf ihre Handys. Was sie da tun? Sie machen einen "Raid". Sie bekämpfen gemeinsam ein starkes Pokémon in einer Kampfarena. Klingt ein wenig verrückt? Ist es irgendwie auch!

Pokèmonspieler machen gemeinsam einen Raid.
Pokèmonspieler machen gemeinsam einen Raid.Foto: Anni Dietzke

Nachdem der Raid vorbei ist, fragt ein Spieler einen anderen: "Soll ich dich mit dem Auto mitnehmen?" Die logische Antwort des Mitspielers: "Nein danke, ich laufe lieber, dann kann ich noch meine Eier ausbrüten und Würmer im Sprengelpark fangen." Keine Angst, diesen Satz muss man nicht verstehen. Man versteht ihn wahrscheinlich nur, wenn man irgendwann in den vergangenen drei Jahren mal Pokémon Go gespielt hat oder noch immer spielt. ….Poke-was? Wer jetzt noch immer nichts versteht, braucht sich nicht schämen.

Fangen wir also mal bei null an: Es war einmal ein kleines gelbes Tierchen, das mit seinen großen Knopfaugen und roten Bäckchen die Welt eroberte. Das ist nicht der Beginn eines Grimm-Märchens und wir befinden uns auch nicht in der guten alten Zeit, in der das Wünschen noch geholfen hat. Trotzdem gibt es einen Helden in dieser Geschichte. Einen Helden namens Pikachu. Die Kinder der 90er Jahre wissen, wer gemeint ist. Jeder, der mit einem Gameboy groß geworden ist, kennt die kleinen Taschenmonster. 1996 erstmals als Spiel veröffentlicht, gelang es dem Softwareunternehmen Niantic zwanzig Jahre später, mit Pokémon Go an den damaligen Erfolg anzuknüpfen.

Der Spieleklassiker der 90er-Jahre neu belebt

Im Juli 2016 brach ein ungeahnter Hype aus, als der Spieleklassiker als Handyspiel für Smartphones entwickelt wurde. Der Spielablauf: Rausgehen, Spazieren und sich an kleinen hübschen Tierchen erfreuen. Taubsi, Schiggy oder eben Pikachu werden mit Poké-Bällen beschossen und gefangen. Eigentlich äußerst simpel. Und deshalb verlor das Spiel auch bereits nach kurzer Zeit viele Anhänger und die Begeisterung ließ schnell nach, da der Fokus der Hersteller erst einmal darauf lag, die etlichen Fehlermeldungen zu beheben. Neue Spielverläufe und Updates kamen erst später hinterher. Deshalb spricht auch heute kaum noch jemand darüber und viele denken, das Spiel sei tot.

Aber fernab dieser These gibt es den harten Kern, der übrig geblieben ist. Und dieser Kern besteht nicht nur, wie viele vermuten, aus 14-jährigen Teenagern. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Alle Altersklassen sind vertreten: Eltern spielen mit ihren Kindern, Pärchen laufen gemeinsam los, Singles treffen sich mit Gleichgesinnten und sogar Rentner sind in der Pokémon-Go-Szene fest verankert und aktiv. Vor allem auf großen Plätzen fallen die Gruppen auf: Ob am Gendarmenmarkt, Potsdamer Platz oder der Weltzeituhr am Alex – sie müssen sich nicht verabreden, um auf Gleichgesinnte zu treffen. Denn an prominenten Orten werden Jäger durch zahlreiche Kampfarenen und Pokéstops angezogen.

Pokémon-Geburtstagskuchen "Relaxo".
Pokémon-Geburtstagskuchen "Relaxo".Foto: Anni Dietzke

Monatliche "Community-Days"

Im Weddinger Sprengelpark sind an diesem warmen Samstagnachmittag Bierbänke und -tische aufgestellt. Darauf stehen Salate, Würstchen und Kuchen. Was aussieht, wie eine Geburtstagsparty, ist in Wirklichkeit ein Event, bei dem die Spieler drei Stunden lang hin und her laufen. Immer wieder ruft jemand euphorisch "Shiny!", wenn ein schillerndes, besonders begehrtes Pokémon gefangen wurde. Während der "normale" Parkbesucher wieder nur Bahnhof versteht, flippen die Spieler nahezu aus und sind direkt noch mehr angespornt, ebenfalls einen schimmernden Wurm zu erwischen. Zur Feier des Tages gibt es für einen Spieler, der tatsächlich Geburtstag hat, einen – klar, wie sollte es anders sein – zum Thema passenden Kuchen: eine Torte in Form seines Lieblingspokémon Relaxo.

Nach der kleinen Stärkung strömen die Spieler, auch Pokémon-Trainer genannt, wie Ameisen immer wieder in kleinen Grüppchen aus. Bleibt nur noch, nach dem Sinn des Ganzen zu fragen. Ganz klar: Am Ende des Tages waren alle an der frischen Luft, haben sich viel bewegt und saßen nicht einfach nur allein zu Hause vor dem Fernseher. Es ist das Gruppengefühl, das stärkt und einfach der Spaß an der gemeinsamen Sache.

Filmpremiere von "Pokémon Meisterdetektiv Pikachu" in New York.
Filmpremiere von "Pokémon Meisterdetektiv Pikachu" in New York.Foto: imago

Ich hör' nur Pika Pika

Das Handyspiel knüpft derzeit auch an den Film "Pokémon Meisterdetektiv Pikachu" an, der seit dem 09.05.19 in den deutschen Kinos läuft. Im Spiel wimmelt es nur so von den Hauptfiguren des Films und jeder Spieler hofft auf ein Pikachu mit Detektivmütze.

Wer nun also wieder vermehrt diese Menschentrauben mit gebücktem Nacken, starrendem Blick auf das Smartphone und einem endlos langem Kabel, welches in eine Powerbank mündet, entdeckt, braucht sich nicht wundern: Das Zocken in der virtuellen Welt nimmt weiterhin seinen Lauf. Doch keine Angst: diese Verrückten sind harmlos – sie wollen nur spielen.

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