Polizei Berlin : Kriminalitätsstatistik sagt wenig über die Sicherheit in Berlin

Die sinkende Zahl von Straftaten soll den Eindruck vermitteln, Berlin sei sicher. Doch Polizeipräsidentin Barbara Slowik steht vor einem Dilemma. Ein Kommentar.

Polizeipräsidentin Barbara Slowik und Innensenator Andreas Geisel (SPD) halten die polizeiliche Kriminalstatistik 2018 in den Händen.
Polizeipräsidentin Barbara Slowik und Innensenator Andreas Geisel (SPD) halten die polizeiliche Kriminalstatistik 2018 in den...Foto: Paul Zinken/dpa

Berlin sei sicherer geworden, sagte Innensenator Andreas Geisel (SPD). Seine Aussage belegt er mit der am Mittwoch vorgelegten Kriminalitätsstatistik. Nur: Was taugt diese ritualisierte Vorlage der Tabellen und Balkendiagramme? Für Geisel, politisch verantwortlich für die Sicherheit in der Bundeshauptstadt, und Polizeipräsidentin Barbara Slowik ist es zunächst das wichtigste Instrument, um Rechenschaft über die Arbeit der Polizei abzulegen.

Auch wenn die Zahl der Straftaten sinkt, es weniger Einbrüche, weniger Diebstahl gibt, aber mehr Gewalttaten wie Raub und Körperverletzung – über die Sicherheit in der Stadt sagt die Statistik wenig aus. Erfasst werden nur angezeigte Straftaten und die Quote, wie viele davon aufgeklärt wurden.

Wie viele Opfer erstatten überhaupt Anzeige

Doch schon darüber, in wie vielen Fällen die ermittelten Tatverdächtigen von einem Gericht schuldig gesprochen und verurteilt wurden, sagt die Statistik nichts mehr. Auch nicht darüber, wie viele Menschen überhaupt zur Polizei gehen, „nur weil“ ihnen die Handtasche gestohlen oder das Auto demoliert wird. Schließlich werden einige Taten wie Drogendelikte nur bei Kontrollen erfasst.

Innensenator Geisel und Polizeipräsidentin Slowik wollen den Bürgern mit einer sinkenden Zahl von Straftaten vermitteln: Berlin ist sicher. Die politische Botschaft ist nicht zu unterschätzen. Denn Sicherheit ist eine Kernaufgabe des Staates. Schon immer, nicht erst seit dem Terroranschlag des Islamisten Anis Amri am Breitscheidplatz am 19. Dezember 2016. Daher bezieht der Staat auch seine Legitimation.

Zwei Zahlen geben halbwegs Auskunft über die Sicherheit in der Stadt. Die Häufigkeit von Straftaten. Die sinkt je 100.000 Einwohnern, zugleich wächst aber die Zahl der Einwohner. Die Bevölkerungsgefährdungszahl führt je 100.000 Einwohner die Zahl der Berliner auf, die Opfer einer Straftat gegen die persönliche Freiheit oder körperliche Unversehrtheit geworden sind – also von Gewalt, Misshandlung, Menschenhandel, Zwangsheirat, Bedrohung. Trotz Anstieg ist die Zahl auf dem Niveau der 1990er Jahre und niedriger als in den Nullerjahren.

Anhand der Statistik zu behaupten, Berlin sei sicherer geworden, ist gewagt. Zur Ehrlichkeit gehört auch: Nicht jeder wird ständig Opfer von Kriminellen, von Einbrechern. Die Klage über unhaltbare Zustände, über ein Leben in Gefahr besteht den Realitätstest nicht.

Die gefühlte Sicherheit

Innensenator und Polizeipräsidentin stehen vor einem Dilemma: Bei jeder brutalen Gewalttat, bei jedem Wohnungseinbruch macht sich Unwohlsein breit, in Familien, bei Nachbarn, in Berlin: Weil gefühlte Unsicherheit und Wahrheit oft weit auseinanderliegen, setzt Barbara Slowik auf Aufklärung: Die „gefühlte Sicherheit“ will sie wissenschaftlich untersuchen lassen. Ob sie damit bei Zweiflern durchdringt?

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Slowik wird sich genau überlegen, ob sie für das Sicherheitsgefühl mehr Beamte auf die Straße schickt. Mehr Polizisten mit Uniform und Maschinenpistole könnten das Gegenteil bewirken, das Lebensgefühl der Stadt belasten. Und dann dieses Internet: Tatort der Zukunft. Die Zahl der Straftaten steigt. Kommt die Internetstreife? Und wollen wir das? Das sind die eigentlichen Fragen, die die Statistik aufwirft.

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