Fußgängerin überrollt : Gericht stellt Verfahren gegen 61-Jährigen gegen 500 Euro Geldauflage ein

2018 überrollt ein Lkw-Fahrer beim Rechtsabbiegen in Schöneberg eine 23-Jährige. Der Angeklagte bleibt straffrei. Der Richter spricht von einem „Grenzfall“.

Kerstin Rebien
Dem 61-jährigen LKW-Fahrer wurde am Mittwoch der Prozess gemacht. 
Dem 61-jährigen LKW-Fahrer wurde am Mittwoch der Prozess gemacht. Foto: Taylan Gökalp/dpa

Als die junge Frau die Fahrbahn betrat, hielt ein Augenzeuge entsetzt den Atem an. „Für Fußgänger stand die Ampel definitiv auf Rot“, erinnerte sich der 55-Jährige am Mittwoch vor dem Amtsgericht Tiergarten. 

„Was macht sie denn? Ist sie lebensmüde?“ schoss es ihm noch durch den Kopf. „Dann musste ich mitansehen, wie die Frau von einem Lkw überrollt wurde.“ Dem 61-jährigen Fahrer wurde am Mittwoch der Prozess gemacht. 

Nach mehrstündiger Verhandlung stellte das Amtsgericht Tiergarten das Verfahren wegen fahrlässiger Tötung überraschend gegen eine Geldauflage von 500 Euro ein.

Es war 13.25 Uhr, als der Angeklagte am 21. August 2018 mit seinem Lkw von der Schöneberger Dominicusstraße rechts in die Hauptstraße abbog. Dass eine hell gekleidete Frau gerade die Fußgängerfurt überqueren wollte, hatte er nicht bemerkt. 

Von rechts nach links bewegte sie sich aus seiner Sicht. Die 23 Jahre alte Frau wurde mit der vorderen linken Stoßstange erfasst und von dem dreiachsigen Lastwagen überrollt. Sie verstarb noch am Unfallort.

„Bei Wahrnehmung der erforderlichen Sorgfalt“ hätte er sie rechtzeitig sehen können

Die Staatsanwaltschaft ging zunächst davon aus, dass der Fahrer die Frau „bei Wahrnehmung der erforderlichen Sorgfalt“ hätte rechtzeitig sehen können. Der Angeklagte aus Spandau, der als angestellter Kraftfahrer tätig ist, schwieg zu den Vorwürfen.

[Was läuft verkehrt im Verkehr? Die wichtigsten Meldungen aus Berlin lesen Sie morgens ab 6 Uhr im Tagesspiegel-Newsletter Checkpoint. Kostenlos und kompakt: checkpoint.tagesspiegel.de]

Die Beobachtungen eines 55-Jährigen, der zum Zeitpunkt des Unfalls in einem Lokal auf der gegenüberliegenden Straßenseite saß, sind in dem Fall ein wichtiges Beweismittel. „Die Frau ging bei Rot, andere Fußgänger blieben stehen“, wiederholte der Augenzeuge. 

Es sei für ihn unerklärlich gewesen. „Der Lkw-Fahrer stand erst und hatte sich aus meiner Sicht noch vergewissert, dass alles frei ist.“ Als er weiter abbog, sei die Frau „schnellen Schrittes“ auf die Fahrbahn gegangen.

Zeuge: Der Fahrer habe wohl alles richtig gemacht

Der Zeuge meinte, der Lkw-Fahrer habe wohl alles richtig gemacht. Nach einem Gutachten stimmt das allerdings nicht. Der 61-Jährige fuhr demnach an die Kreuzung und verringerte sein Tempo auf 6 km/h. Danach habe er normal beschleunigt auf 12 km/h. Bis zur Kollision.

[Der Verkehr in der Metropole: Das ist regelmäßig auch ein Thema in unseren Leute-Newslettern aus den zwölf Berliner Bezirken. Die Newsletter können Sie hier kostenlos bestellen: leute.tagesspiegel.de]

Eine Schrittgeschwindigkeit beim Rechtsabbiegen habe der Fahrer nicht eingehalten, sagte später der Richter. „Das bleibt ein vorwerfbares Verhalten.“ 

Der Unfall aber wäre auch bei einem Tempo von 5 km/h praktisch nicht vermeidbar gewesen. Dem Gutachter zufolge wäre es in dem Fall um zehn Zentimeter und 0,5 Sekunden gegangen.

„Das kann kein Mensch leisten“

„Der Fahrer hätte innerhalb von 0,5 Sekunden in alle sieben Spiegel an seinem Wagen sehen und reagieren müssen“, hieß es. Der Richter kam zu dem Schluss: „Das kann kein Mensch leisten.“

Ein Abbiegeassistent hätte wohl helfen können. Die Ausstattung mit dem technischen Hilfsmittel ist für Lastwagen aber noch keine Pflicht.

Ein Geschehen, das bei der Frage der strafrechtlichen Schuld ein „absoluter Grenzfall“ sei, so der Richter. Es seien viele Fragen offen geblieben. 

Zudem sei von einem Rotlichtverstoß des Opfers auszugehen. Deshalb komme es zu einer in einem derartigen Verfahren „äußerst seltenen“ Einstellung. Die Entscheidung erfolgte mit Zustimmung aller Prozessbeteiligten.