Landgericht Berlin : Lebenslange Haft im Fall Melanie R.

Vor rund neun Monaten wurde die 30-Jährige getötet, als sie sich an einem Bahndamm sonnte. Es ging dem Täter zunächst um ihr Handy.

Kerstin Gehrke
Der 39-Jährige Angeklagte muss sich am Montag vor dem Landgericht Berlin verantworten.
Der 39-Jährige Angeklagte muss sich am Montag vor dem Landgericht Berlin verantworten.Foto: Soeren Stache/dpa

Der Vater und der Bruder der getöteten Melanie R. waren aus Baden-Württemberg angereist, um das Urteil der Berliner Richter zu hören. Für das Landgericht bestand kein Zweifel: Es war Mord. Stoyan A. habe die 30 Jahre alte Frau erwürgt, um einen vorangegangenen versuchten Raub ihres Handys zu verdecken. Gegen den 39-Jährigen Bulgaren erging eine lebenslange Freiheitsstrafe. Die junge Social-Media-Beraterin, die auch zu Hause arbeitete, hatte am Nachmittag des 25. Mai 2018 ihre Wohnung in Pankow verlassen. Sie wollte sich in einer Pause sonnen und lesen. Eine Bibel hatte die sozial engagierte und praktizierende Christin dabei. Eine Frau, die als sehr beliebt, hilfsbereit und offen galt.

Sie lief zum nahegelegenen Bahndamm und legte sich auf eine Grünfläche. Es war einer ihrer Lieblingsplätze zum Relaxen und Lesen. Keine verlassene Gegend. Eine Kleingartenanlage ist nicht weit entfernt. „Zufällig trafen die Frau und der Angeklagte aufeinander“, hieß es weiter im Urteil. Um 16.09 Uhr habe Melanie R. noch eine Handy-Nachricht verschickt. Die Antwort um 16.10 Uhr empfing sie nicht mehr. „Der Angeklagte, der mit einem Fahrrad unterwegs war, sah die Frau und beschloss, ihr das Handy zu entreißen“

Gerangel nach misslungenem Raub

Stoyan A. war einige Monate zuvor nach Deutschland gekommen. Einen festen Wohnsitz hatte er nicht. Der Mann aus sehr ärmlichen Verhältnissen, der in seiner Heimat als Musiker durchs Land gezogen sein soll, war im Obdachlosenmilieu gestrandet. „Er hielt sich unter anderem mit dem Sammeln von Flaschen über Wasser“, so das Gericht.

Der Raub aber misslang. „Das Mobiltelefon fiel zu Boden“, sagte die Richterin. Es sei zu einem Gerangel gekommen. „Melanie R. schreit und hält ihn fest.“ Er will eine Strafverfolgung verhindern. „Er würgt sie heftig.“ Melanie R. habe sich nach Kräften gewehrt, dem Täter das Gesicht und die Hände zerkratzt. „Er würgt sie so lange, bis sie verstirbt.“

Urteil am 8. Prozesstag

Stoyan A. hatte den Kopf tief gesenkt, als am achten Prozesstag das Urteil verkündet wurde. Am fünften Verhandlungstag hatte er sein Schweigen gebrochen und erklärt, es sei eine Art Unfall gewesen. „Ich hatte es nur auf das Handy abgesehen“, sagte er. Es sei zu seiner Überraschung zu einer Rangelei gekommen. „Wir rollten den Hang runter.“ Die Frau sei gegen die Schallschutzwand geprallt. Er habe sie für tot gehalten. „Ich beerdigte sie mit ihrer Decke und Grashalmen.“

Zwei Tage nach dem Verbrechen entdeckte ein Flaschensammler die Leiche in einem Gebüsch. Die Bibel lag nicht weit entfernt. Gerichtsmediziner fanden Hautpartikel des mutmaßlichen Angreifers unter den Fingernägeln der Getöteten. Diese DNA-Spuren hätten zu A. geführt, dessen genetischer Fingerabdruck wegen anderer Delikte in der Datenbank gespeichert war. Der Bulgare soll in Spanien wegen Raubes und Diebstahls aufgefallen sein.

Als einen Monat nach der Tat gegen A. ein Haftbefehl erlassen wurde, war der Verdächtige aus Berlin verschwunden. Nach internationaler Fahndung wurde er Anfang Juli im nordspanischen Burgos gefasst. Dort soll seine Mutter leben. Mitte August wurde A. nach Deutschland ausgeliefert und sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Der Verteidiger hatte auf eine Verurteilung wegen Körperverletzung mit Todesfolge und einer Strafe von nicht mehr als zehn Jahren plädiert. Das Gericht folgte dem Antrag der Staatsanwältin. Die Anklage war zunächst von Mord zur Verdeckung einer versuchten Vergewaltigung ausgegangen. Dieser Vorwurf hatte sich auch aus Sicht der Anklägerin nicht bestätigt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Der Vater von Melanie R. rang um Fassung. „Es ist ein grausamer Moment, das alles zu hören“, sagte der 65-Jährige nach dem Prozess. Mit Begeisterung habe seine Tochter in Berlin gelebt. „Wegen eines Handys wurde sie ermordet, man kann es nicht glauben.“ Die verhängte lebenslange Haft sei „die einzig angemessene Strafe“. Das Urteil könne das Leid allerdings nicht lindern. „Ich muss lernen, damit fertig zu werden.“

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