Popkultur und Kriminalität : Eintauchen in die Berliner Clanwelt

Ein neuer Stadtplan führt zu den Schauplätzen der arabischen Unterwelt. Gänzlich neu ist die Idee für die Verbrechertour allerdings nicht.

Organisiertes Verbrechen. Die Macher hoffen für ihre Krimi-Touren vor allem auf das Interesse von Touristen.
Organisiertes Verbrechen. Die Macher hoffen für ihre Krimi-Touren vor allem auf das Interesse von Touristen.Bild: Promo

Kriminalität in Berlin 2019? Die machen die „Clans“ – über kaum etwas wird in der Stadt mehr geredet und ermittelt im Moment. Der Begriff ist der Mafia-Ikonographie mit ihren Familien entlehnt, nur sind es in Berlin deutsch-libanesische Gruppen, die mal Gold aus dem Museum mitnehmen, mal in ein Kaufhaus einbrechen, Schutzgeld erpressen oder der Stadt auch eher legal mit Muskelspielen und Ampelspurts auf den Geist gehen.

Aber liegt darin neben juristischem eventuell auch touristisches Potenzial? Die Clans mit ihren Kontakten zur Hip-Hop-Szene seien auf jeden Fall ein Teil der hiesigen Pop-Kultur, meint David Roth, der gemeinsam mit seinem Carl Jakob Haupt das Mode-Blog „Dandy Diary“ betreibt und nun einen – ganz und gar analogen – Berliner Stadtplan mit den Schauplätzen der Clan-Kriminalität vorgelegt hat, eine „Karte der Berliner Parallelwelt“ mit Erklärungen.

Pop-Kultur und Kriminalität sind keine Berliner Spezialität

Darauf zu finden ist das Grab von Nidal R., die Villa von Issa Remmo, eine von Clanangehörigen geführte Shisha-Bar und andere Plätze, die bisher vor allem für die ermittelnden Polizisten von Bedeutung waren. Für Roth lag die Idee auf der Hand: Pop-Kultur und Kriminalität seinen keine Berliner Spezialität, meint er; so gebe es beispielsweise auch in Kolumbien geführte Touren zu den Plätzen der Familie Escobar.

Ja, es handele sich einfach nur um Kriminelle, sagt er, aber er schätze das Interesse vor allem von Touristen als groß ein. Warum sollte nicht auch mal eine Busrundfahrt zu den auf der Karte eingezeichneten Stätten führen?

Bislang ist das aber noch Wunschdenken, denn außer der gedruckten Karte gibt es nichts, sieht man davon ab, dass auf der Facebook–Seite von „Dandy Diary“ zwei finstere Hiphopper mit Bartschatten, Mütze und Sonnenbrille schon mal ein Exemplar studieren – für alle Fälle stehen darauf auch ein paar arabische Schriftzeichen.

Krimi-Stadtrundfahrten sind nichts neues

Andererseits: Neu ist der Bezug auf die Clans, alt ist aber die Idee einer Kriminal-Stadtrundfahrt, wie sie von verschiedenen Reiseunternehmen und Stadtführern immer wieder angeboten wird. Bei ihnen erfährt man beispielsweise von historischen Figuren wie dem berühmten Mordermittler Ernst Gennat, dem „Buddha vom Alex“, dem die TV-Serie „Berlin Babylon“ wieder Aufmerksamkeit verschafft hat.

David Kurt Karl Roth (li.) und Carl Jakob Haupt (re.) von "Dandy Diary" haben die Karte erstellt.
David Kurt Karl Roth (li.) und Carl Jakob Haupt (re.) von "Dandy Diary" haben die Karte erstellt.Foto: promo

Die Gebrüder Sass, die „Einbrecher-Könige von Berlin“ sind ebenso wenig vergessen wie die kriminellen „Ringvereine“ und Carl Grossmann, „die Bestie vom Schlesischen Bahnhof“, der nach Schätzungen mindestens 23, vermutlich aber bis zu 100 Menschen umgebracht hat.

Auch in der Nazizeit machten spektakuläre Verbrechen Schlagzeilen wie die Entführung des Fabrikanten Schlesinger im Jahr 1934. Und nach dem Krieg erregte die Gladow-Bande Aufsehen, die die Spaltung der Stadt und der Sicherheitsbehörden zu spektakulären Raubüberfällen im Chicago-Stil nutzte. Werner Gladow, der „Al Capone vom Alex“, bewegte die Polizeibeamten beider Stadthälften sogar zur Zusammenarbeit. Pech: Gefasst wurde er im Osten, wo es 1950 die Todesstrafe noch gab.

Krimi-Stadttouren sind angesagt

Es gibt aktuell sogar eine „Krimitour Ost“, die sich mittelalterlichen Folterpraktiken ebenso widmet wie Orten neuzeitlicher politischer Repression. Und kaum eine Tour vergisst, wenn genug Zeit ist, auf zwei noch recht frische Kriminalfälle aufmerksam zu machen: Die Fahndung nach dem gewieften Erpresser Dagobert und den Poker-Raub auf das Hotel Hyatt am Potsdamer Platz 2010, der erstmals das Interesse einer breiteren Öffentlichkeit auf die Clan–Kriminalität lenkte.

Nichts mehr zu sehen gibt es in der Steglitzer Wrangelstraße, wo 2013 der Tresorraum der Berliner Volksbank durch einen aufwendig gegrabenen Tunnel geknackt wurde. Aufgeklärt ist dieser Fall nur insofern, als er nichts mit den Clans zu tun hat. Ein mutmaßlicher Mittäter, ein Steglitzer Rentner, starb mit 75 später in Thailand.

All das auf einem Stadtplan – das gibt es noch nicht. Vermutlich wäre eine Handy-App dafür heute auch angemessener. Bei „Dandy Diary“ haben sie die Idee auch, mehr aber noch nicht.

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