Prävention in Berlin : Wie Neukölln gegen die Jugendkriminalität kämpft

Ihre Jugendlichen sind auf dem Weg zum Intensivtäter. Nabil Aubeidy und Alexander Schmidt-Hönicke wollen das verhindern – durch Zuwendung und klare Grenzen.

Auf solchen Blättern, die ein Mitarbeiter beschreibt, werden kriminelle Jugendliche mit Gefühlen und Zielen konfrontiert.
Auf solchen Blättern, die ein Mitarbeiter beschreibt, werden kriminelle Jugendliche mit Gefühlen und Zielen konfrontiert.Foto: Mike Wolff

Manchmal darf Nabil Aubeidy sogar „traurig“ auf das Blatt schreiben, groß, mit Filzstift. Dann legt er das Papier in seinem Büro auf den Boden und wartet. Sekunden später tritt ein Jugendlicher drauf. Er hat einen fragenden, erwartungsvollen oder skeptischen Blick. Aber wie er blickt, ist Aubeidy völlig egal.

Der Jugendliche hatte „traurig“ gesagt, er hatte Aubeidy das Wort diktiert. Das ist entscheidend. Jetzt weiß der Sozialarbeiter Aubeidy, dass er gewonnen hat. Der Jugendliche hat ehrlich über Gefühle geredet, er hat sich auf die Frage, was er empfinde, nicht wie so oft hinter dieser Schablone verschanzt, dem Standardsatz, den alle in seiner Clique benutzen: „Mir geht es beschissen.“

Die Jugendlichen, die sich Aubeidy öffnen, nach Wochen des Misstrauens, haben geschlagen, gestohlen, übel beleidigt, sie haben Waffen oder Drogen in die Schule geschleppt, sie haben nicht selten mehrere Strafverfahren laufen. Sie sind auf dem besten Weg zum Intensivtäter.

AG bearbeitet 35 bis 40 Fälle

Nabil Aubeidy will sie dabei stoppen. Er gehört zur AG Kinder- und Jugendkriminalität des Jugendamts Neukölln, er soll verhindern, dass noch mehr Jugendliche in die Kriminalität abgleiten. Der Bezirk hat schon genug davon, Kinder und Jugendliche, die Angst und Schrecken verbreiten, in der Schule, auf Spielplätzen, auf der Straße, wenn sie in Gruppen umherziehen, orientierungslos in einem Alltag ohne klare Strukturen.

Sie sind zu zweit. Aubeidy, der 36-jährige Anti-Gewalttrainer, und Alexander Schmidt-Hönicke, Hipsterbart, kahler Schädel, Sozialarbeiter, 30 Jahre alt. Sie bilden die Jugendamts-AG, gegründet im November 2017. Aubeidy sitzt mit Schmidt-Hönicke in einem Büro, er deutet es nur an, aber er hat einen harten Weg hinter sich. Den Respekt, den er von Jugendlichen einfordert, hat er selber lange nicht gespürt. Aubeidy ist Mahalami-Kurde, eine Herkunft, die wie ein verrufenes Etikett an ihm klebt. Viele Mitglieder berüchtigter Clans sind Mahalami-Kurden.

Andererseits öffnet ihm genau diese Herkunft den Zugang zu Menschen, die sich sonst gegenüber Außenstehenden abschotten. Kinder und Jugendliche aus diesen Familien gehören auch zu den Klienten der Sozialarbeiter. 35 bis 40 Fälle bearbeitet die AG, die meisten Klienten sind 15 bis 16 Jahre alt, zwei aber jünger als zehn. Viele haben eine arabische Herkunft. Aber das Spektrum der Betreuten ist breit. „Sie kommen aus allen Nationalitäten und Schichten“, sagt Aubeidy.

In zwei Fällen wird im Jugendamt derzeit sogar geprüft, ob man sie aus ihrer Familie, einem der berüchtigten Clans, herausholen kann und soll. Für Aubeidy ist die Antwort schon klar: „Herausnahme aus den Familien ist uns grundsätzlich nicht das Ziel.“ Sie haben ein anderes Ziel, es ist der Kernpunkt ihrer Arbeit. „Wir müssen eine Beziehung zu den Jungs aufbauen“, sagt Schmidt-Hönicke.

Schule und Polizei sind ins System eingebunden

Der Sozialpädagogische Dienst des Jugendamts leitet die meisten dieser Jungs zur AG weiter. Die analysiert Freizeitverhalten, Schulkarriere, Familiensystem. Nächster Schritt: eine Einladung an die Eltern ins Jugendamt, zur AG, höflich formuliert, aber deutlich genug. „Die meisten kommen beim ersten Mal“, sagt Schmidt-Hönicke. „Sie wollen nicht, dass ihre Kinder kriminell werden.“ Im Büro besprechen die AG-Mitarbeiter mit den Erwachsen, wie man die Probleme lösen könnte. Die AG macht Angebote und legt regelmäßige Gesprächstermine fest. Schule und Polizei sind ins System eingebunden. Ein Vorfall, und die AG erfährt es sofort. „Am nächsten Tag sitzen wir im Wohnzimmer der Eltern und erzählen, was passiert ist“, sagt Schmidt-Hönicke.

Bei Erwachsenen kommen sie bei diesen Gesprächen über den Stolz. „Wollen sie ihren Freundinnen nicht stolz über ihren Sohn erzählen. Dass der etwa Lackierer geworden ist.“ So reden sie zum Beispiel mit einer Mutter.

Bei den Jugendlichen, sagt Aubeidy, „arbeiten wir viel mit Scham“. Dann blicken sie einen Jugendlichen konzentriert an und sagen: „Niemand darf deinen Vater Hurensohn nennen oder deine Mutter beleidigen. Aber du respektierst deine Eltern selber nicht, wenn du Blödsinn baust, obwohl sie dir oft gesagt haben, dass du so etwas nicht machen sollst.“

Kleine Schritte

Die Regeln sind einfach. Wir sind für die Jugendlichen da, wenn sie mitarbeiten“, sagt Aubeidy. „Aber wenn nicht, lassen wir sie auf dem Weg liegen.“ Wer liegen bleibt, erhält keine mildernden Umstände. Die AG ist an die Jugendgerichtshilfe angegliedert. „Berichten wir positiv, wirkt sich das aufs Urteil aus. Viele haben ja sechs oder sieben Strafverfahren.“

Zuwendung und klare Grenzen, viele Jugendliche kennen diese Mixtur gar nicht kennen. Aber sie ist die Basis für das Vertrauen. Wochen kann diese Entwicklung dauern. Und irgendwann arbeitet Aubeidy dann mit seinen Papieren. „Was willst Du? Wer kann dich dabei unterstützen?“ Das sind die ersten Fragen. Aubeidy notiert die Antworten, der Jugendliche tritt auf den entsprechenden Zettel. So entsteht eine emotionale Verbindung zu den Antworten. Dann: „Was willst Du?“. Aubeidy notiert oft: „Keine Kinder schlagen. Kein Fahrrad klauen.“ Und dann, nach langer Zeit, die Frage nach Gefühlen. Ein Vorstoß in seelisch schwarze Löcher. „Worte wie fröhlich oder glücklich sind denen völlig fremd.“

Aubeidy und Schmidt-Hönicke denken in kleinen Schritten, anders geht es nicht. Die großen Erfolgszahlen kann es nach so kurzer Zeit noch nicht geben. Und überhaupt: Was gilt als Erfolg? Für Aubeidy und Schmidt-Hönicke schon, wenn ein Jugendlicher nur noch ein Fahrrad klaut und nicht mehr auch noch gleich den Besitzer verprügelt. „Dann weiß er zumindest, dass der andere Schmerzen hat.“

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