Protokoll einer Pflegefachkraft : „Mein Beruf könnte so schön sein“

Wie es ist, wenn in Pflegeheimen das Personal fehlt, hoher Druck herrscht und eine Krankmeldungen eine mittlere Katastrophe auslöst? Ein anonymes Protokoll von einer, die es wissen muss.

Das Zwischenmenschliche ist in der Pflege wichtig, doch wenn es zu wenig Personal gibt, bleibt es oft auf der Strecke.
Das Zwischenmenschliche ist in der Pflege wichtig, doch wenn es zu wenig Personal gibt, bleibt es oft auf der Strecke.Foto: Getty Images/iStockphoto

Mein halbes Leben lang arbeite ich in der Altenpflege. Ich bin jetzt 58 Jahre alt und liebe es nach wie vor, für Menschen da zu sein, die im Leben nicht mehr zurechtkommen. Ich arbeite auf einer gerontopsychiatrischen Station mit Alzheimerpatienten und dementen Menschen. Das ist nicht immer leicht, weil man verbal und körperlich schon mal angegangen wird. Die Patienten spucken, schreien, schimpfen, boxen, kneifen, kratzen und treten – da ist wirklich alles dabei.

Mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen kann man dieses Verhalten aber vermeiden. Das geht. Ich muss mich in diese Menschen regelrecht reinleben. Ich muss ihre Bedürfnisse und auch ihre Ängste verstehen. Wenn mir das gelingt, dann kann ich mit ihnen umgehen. Dazu braucht man aber Zeit und Ruhe.

Wir hatten mal einen Alzheimerpatienten, der erst 53 Jahre alt war und über Bärenkräfte verfügte. Er musste immer von zwei Männern versorgt werden, weil er sonst nicht gewaschen und angezogen hätte werden können. Irgendwann stand ich alleine mit ihm da, weil mal wieder zu wenig Personal vorhanden war – aber ich habe es geschafft. Ich musste alles ganz ruhig angehen, mit gesenkter Stimme viel und lange reden. Irgendwann stellte ich eine Verbindung mit ihm her und ein Vertrauen. Das ist ein wirklich schönes Gefühl, wenn man das schafft. Und von diesem Tag an konnte ich ihn grundsätzlich allein versorgen. Es gelang mir sogar, dass er aus dem Bett rauskam, weil er verstand, was ich will.

Mein Beruf könnte so schön sein. Das Problem ist jedoch, dass ich mich nicht nur um eine Handvoll Patienten kümmern muss, sondern um etliche, die einen ähnlich hohen Pflegebedarf haben. Der Zeitdruck, der dadurch entsteht, ist unmenschlich.

Ich spürte, wie Nähe sie beruhigte

Wir pflegten zum Beispiel eine Frau, die an unheilbarem Lungenkrebs litt. Als ich in der Nacht zu ihr ans Bett kam, merkte ich, dass es nun dem Ende zu geht. Ihre Atmung ging wild und unruhig, ich sah, wie ihr Körper unter Stress stand. Ich habe einfach nur ihre Hand genommen und gehalten. Ich spürte richtig, wie sie das beruhigt und entspannt hat. Einfach nur durch die menschliche Nähe, dass sie wusste, dass da noch jemand bei ihr ist. Aber ich konnte nicht die ganze Nacht über sie wachen, weil die anderen Bewohner auch versorgt werden mussten. Kümmert man sich um einen Menschen, vernachlässigt man die anderen. Und das alles, weil zu wenig Personal da ist, weil niemand da ist, der mal einspringen kann. Ich musste dann wieder los. Das war hart.

Ich bin schon glücklich, wenn ich mir für die Pflege – also für das Waschen und Anziehen – halbwegs Zeit nehmen kann. Essen und Trinken nehmen vielleicht eine Handvoll Bewohner dankbar an. Die anderen machen den Mund nicht auf oder schlucken nicht runter. Da brauche ich unheimlich viel Zeit, bis Teller und Glas leer sind. Und nur dann sind die Bewohner adäquat versorgt. Es gibt Pflegekräfte, die geben schnell auf, wenn der Mensch nicht gleich essen will. Die gehen einfach weiter, weil sie zusehen müssen, dass sie den Tagesablauf schaffen. Waschen, Medikamente, Verbände, Ärzte, die ins Haus kommen – so reiht sich das über den ganzen Tag. Aber Pflege und Versorgung sind ja nicht alles. Wir Pflegekräfte wollen uns ja auch mal mit den Bewohnern gemeinsam an einen Tisch setzen. Einige können trotz Demenz noch sprechen – und es kann wahnsinnig interessant sein, was sie noch alles aus ihrer Jugend erzählen können. Das Zwischenmenschliche ist eben auch wichtig, das tut jedem Menschen gut.

Diese „Hackpflege“, bei der man für nichts Zeit hat, macht mich wütend. Viele Menschen in der Pflege haben ein Helfersyndrom, das gnadenlos ausgenutzt wird. Man denkt nicht mehr an sich selbst, sondern versucht das alles irgendwie hinzukriegen. Egal wie, durch Überstunden oder Extradienste. Aber es ist nicht zu schaffen. Viele brennen aus.

Das Leben bestand nur noch aus Arbeiten und Schlafen

Wenn ich am Feierabend nach Hause komme, bin ich oft dermaßen geschafft, dass der Tag gelaufen ist. Eine Verabredung auf einen Kaffee oder zu einem Kinobesuch ist dann einfach nicht mehr drin. Ich bin froh, wenn ich auf der Couch liege und meine Ruhe habe. Arbeit mit nach Hause zu nehmen, ist katastrophal. Ich habe mir jahrelang die Pflegedokumentation mitgenommen, obwohl das verboten war, weil ich es sonst einfach nicht geschafft hätte. Das Leben bestand nur noch aus Arbeiten, Schlafen, Arbeiten, Schlafen ... Ich habe nicht mehr gelebt. Ich habe nur noch für die Arbeit existiert. Ich bin nachts aufgewacht und habe mir Notizen gemacht, weil mir die Aufgaben für den nächsten Tag durch den Kopf gegangen sind. Wahnsinn. Dass da etwas gewaltig schiefläuft, musste ich aber auch erst einmal realisieren. Das hat gedauert, aber ich konnte es ablegen. Ich habe mein Leben um 180 Grad gewendet. Ich achte jetzt darauf, nicht selbst kaputtzugehen. Klar ist das mein Job. Aber in erster Linie ist es die Aufgabe des Arbeitgebers, dafür zu sorgen, dass die Arbeitsbedingungen so sind, dass die Bewohner so gut versorgt werden können, wie es ihnen zusteht.

Die Pflegequalität steht und fällt mit den Arbeitsbedingungen. Wir arbeiten in drei Schichten – auch an Wochenenden und Feiertagen. Unsere Personalplanung ist so eng auf Kante genäht, dass es eine Katastrophe ist, wenn morgens ein Kollege anruft und sich krankmeldet. Dann sind statt sechs nur noch fünf Pflegekräfte auf Station. Und die können dann nur eine Schnellpflege, also nur das Nötigste, machen.

Wenn einer von uns sich krankmeldet, hat man immer ein massiv schlechtes Gewissen. Man fühlt sich als Kollegenschwein, weil man weiß, dass, wenn ich wegbreche, die anderen doppelt so viel arbeiten müssen. Aber manchmal ertrage ich es einfach nicht mehr. Kranksein heißt für mich eben auch, dass mein Kopf so zu ist, dass ich alles nicht mehr sehen und ertragen kann. Wenn ich dann den Chef sehe, denke ich: „Wenn ich morgen kommen muss, muss ich dir aufs Maul hauen.“ Dann ist es so weit. Das ist in meinen Augen auch krank – nämlich psychisch.

Unseren Eigentümern geht es letztlich nur ums Geld

Die Frage ist, warum die Bedingungen so miserabel sind, wie sie sind. Als ich Anfang der 90er Jahre meine Stelle antrat, wurde mein Haus von einem frei-gemeinnützigen Träger geführt. Auch damals war bei Weitem nicht alles in Ordnung. Schon damals ging es zu wie im Tagebau, es wurde im Akkord geschuftet. Aber es kam noch schlimmer, als wir privatisiert wurden. Seitdem fehlt es mitunter an grundlegenden Materialien für die Bewohner.

Unseren Eigentümern geht es letzten Endes nur ums Geld. Es darf aber nicht sein, dass dort, wo mit Menschen gearbeitet wird, sich jemand auf deren Kosten bereichert. Das dürfte es nicht geben, weil die Bewohner darunter leiden müssen. Und wir leiden auch – für das Personal wird nichts getan. Ich bekomme nach mehr als 25 Jahren im Beruf rund 1800 Euro netto. Das ist nicht gerecht. 3300 Euro brutto sollten es schon sein. Das Geld ist aber nur die eine Sache, Entlastung die andere. Zum Beispiel könnte man doch älteren Mitarbeitern, die nicht mehr ganz so leistungsfähig sind, anbieten, dass sie alle drei Jahre mal ein halbes Jahr verkürzt arbeiten können. Oder dass man vielleicht mal einen Tag zur Erholung zusätzlich bekommt oder eine Massage pro Monat. Es muss ja nicht immer viel kosten. Es kommt auch auf kleine Gesten an. Personal, an dem es ja an allen Ecken mangelt, gewinnt man so jedenfalls nicht. Im Gegenteil: Man verliert es.

Viele Kollegen beklagen sich aber nur und tun nichts. Wir können nicht nur jammern, wir müssen auch etwas unternehmen, uns zusammenschließen und auf die Barrikaden gehen. Wenn wir nichts tun, werden wir auch nichts bewirken.

Die Pflegekraft möchte gern anonym bleiben. Sie ist 58 Jahre, weiblich, gelernte Krankenschwester und arbeitet seit über 25 Jahren für ein Berliner Pflegeheim. Ihren Bericht hat Frieder Piazena protokolliert.

In einer großen Umfrage wollte der Tagesspiegel wissen, wie zufrieden Pflegekräfte in den Berliner Pflegeheimen sind. Knapp 3300 Fragebögen wurden dafür an Pflegekräfte verteilt. Heimleitungen und Betriebsräte unterstützten die Erhebung. Die Fragebögen enthielten 28 Aussagen zu fünf Fragekomplexen, wie „Ihre Arbeitsbelastung entspricht Ihren Erwartungen“ oder „Sie empfinden Ihre Entlohnung als leistungsgerecht“. Die Befragten sollten die für sie zutreffenden Aussagen ankreuzen. 677 Fragebögen wurden ausgefüllt und an das auswertende IGES-Institut Berlin geschickt. Zufriedenheit mit dem Arbeitgeber: Knapp 45 Prozent geben an, mit ihrem Arbeitgeber „zufrieden“ oder „sehr zufrieden“ zu sein. 34 Prozent sind dagegen „unzufrieden“ oder „sehr unzufrieden“. Zufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen: Weniger als ein Drittel sagt, dass ihr Arbeitspensum eine gute Qualität der Pflege gewährleiste und nur 35 Prozent haben den Eindruck, dass in jeder Schicht ausreichend Kolleginnen und Kollegen mithelfen, die Aufgaben zu erfüllen. Auf der anderen Seite ist der Beruf familienfreundlich. Immerhin 53 Prozent geben an, dass ihr Arbeitgeber bei der Diensteplanung Rücksicht auf familiäre Umstände nimmt. Neben der Arbeitsbelastung ist die Bezahlung ein großes Aufregerthema für die Pflegekräfte. Nur jeder vierte Befragte beurteilt sein Gehalt als leistungsgerecht. Das Arbeitsklima empfinden vergleichsweise mehr der Befragten als zufriedenstellend und ziehen vielleicht daraus die Motivation, in einem belastenden Job durchzuhalten. Zwei Drittel stimmen der Aussage zu, dass in ihrem Team ein kollegiales Verhältnis herrsche. Aber warum wehren sich Pflegekräfte so selten gegen unfaire Bedingungen? Vielleicht deshalb: Mehr als drei Viertel geben an, dass ihnen die Versorgung von Pflegebedürftigen Freude mache. Alle Ergebnisse und eine interaktive Karte für 33 Berliner Pflegeheime finden Sie unter www.tagesspiegel.de/pflegeumfrage. Das jetzt neu erschienene Magazin „Tagesspiegel Pflege“ (12,80 Euro) bietet neben den Informationen rund um die ambulante, stationäre und familiäre Pflege erstmals einen Themenschwerpunkt zum Personal und den besten Arbeitgebern in der Pflege. Das Heft ist erhältlich im Tagesspiegel-Shop unter www. tagesspiegel.de/shop oder Telefon 29021-520.

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