Prozess am Berliner Landgericht : Angeklagter im Fall Georgine Krüger schweigt

Im Prozess um das rätselhafte Schicksal der verschwundenen Schülerin aus Moabit begann am Mittwoch die Beweisaufnahme.

Der Angeklagte Ali K. sitzt vor Beginn der Verhandlung am 31. Juli im Landgericht.
Der Angeklagte Ali K. sitzt vor Beginn der Verhandlung am 31. Juli im Landgericht.Foto: Paul Zinken/dpa

Das Mädchen stieg um 13.50 Uhr aus dem Bus. Um 14.06 Uhr wurde das Handy von Georgine Krüger ausgeschaltet. Nicht weit von ihrem Wohnhaus entfernt. Was geschah in den 16 Minuten am 25. September 2006? „Der Angeklagte lockte sie unter dem Vorwand, er benötige beim Tragen von Tüten Hilfe, in seinen Keller“, heißt es in der Anklage. Ali K. soll die damals 14-Jährige vergewaltigt und aus Angst vor einer Anzeige ermordet haben. Im Prozess vor dem Landgericht hüllte er sich am Mittwoch in Schweigen.

„Der Angeklagte wird sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht äußern“, erklärte einer der beiden Verteidiger des 44-Jährigen. Ali K., ein Deutscher mit türkischen Wurzeln, saß im karierten Hemd und konzentriert auf der Anklagebank. Der dreifache Vater hatte Angaben zufolge gegenüber einem verdeckten Ermittler gestanden. Nach seiner Festnahme im Dezember 2018 aber bestritt er die Vorwürfe.

Eine Anklage mit furchtbaren Details. Ali K. habe das Mädchen aus seiner Nachbarschaft in der Stendaler Straße in Moabit in den Keller gelockt, die Tür verschlossen und brutal zugeschlagen – „mit einem Metallgegenstand auf den Kopf“, so die Anklage.

Als sie auf dem Boden lag und schrie, habe er erneut zugeschlagen, „um sie gefügig zu machen“. Sie habe zunächst das Bewusstsein verloren. Dann habe er sich an dem Mädchen vergangen. Aus Angst vor Entdeckung der Tat soll er die Schülerin erwürgt und in einen Müllcontainer geworfen haben. Die Leiche wurde bis heute nicht gefunden.

Georgine fehlte es an einem „Risikobewusstsein gegenüber Erwachsenen“

Intensive Ermittlungen liefen an, so ein Hauptkommissar als erster Zeuge im Prozess. Ein „freiwilliges Ausscheiden“ aus dem Lebensumfeld hätten er und seine Kollegen in dem Vermisstenfall bald ausgeschlossen: Georgine, die von einer Karriere beim Film träumte, hatte eine Anfrage von einer Casting-Agentur. Eine Rolle in der Fernsehserie „Türkisch für Anfänger“. Sie wollte nach der Schule anrufen und zusagen. „Das hätte sie nicht verpasst.“

Georgine besuchte eine 8. Klasse. Sie sei von Menschen aus ihrem Umfeld als sehr freundlich, kontaktfreudig und zuverlässig beschrieben worden, so der 56-jährige Hauptkommissar. Es habe ihr den Schilderungen zufolge aber an einem „Risikobewusstsein gegenüber Erwachsenen“ gefehlt.

Nach ihrem rätselhaften Verschwinden hätten Beamte Keller, Dachböden und Hinterhöfe im Bereich der Funkzelle durchkämmt, in der ihr Handy zuletzt eingeloggt war. „Alles auf freiwilliger Basis, denn einen Verdacht hatten wir nicht.“ Wenn ein Keller verschlossen war, ging nichts. Es sei davon auszugehen, dass der von Ali K. nicht durchsucht wurde, so die Staatsanwältin am Rande. Überprüft wurden auch 150 Männer im Postleitzahlenbereich von Georgine, die durch Sexualstraftaten aufgefallen waren.

„Leider gibt es keine objektiven Beweismittel“

Erst 2016 war K. im Fall Georgine unter Verdacht geraten. Eine Verurteilung wegen sexueller Nötigung einer Jugendlichen brachte die Mordermittler auf seine Spur. Nun ist ein schwieriger Indizienprozess angelaufen. „Leider gibt es keine objektiven Beweismittel“, sagte Nebenklage-Anwalt Roland Weber, der die Mutter von Georgine vertritt. Es sei die Frage, warum sich K. gegenüber dem verdeckten Ermittler geäußert habe. „Wollte er sich wichtig machen oder war er der Mörder?“

2017 wurde ein V-Mann eingesetzt. Der verdeckte Ermittler soll Monate später das Gespräch auf seine Freundin gebracht haben, die ihn nerve. Und er soll Ali K. gefragt haben, ob er für 100.000 Euro einen Mord begehen würde, ob er Erfahrung mit so etwas hätte. Da habe K. gestanden. Am Donnerstag geht der Prozess weiter.

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